Samstag, 6. August 2011


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Europa | Grenzen | Ukraine
Ist die EU-Außengrenze in Polen final?

Ukraine: Eurocard sticht Visa

Der Verlauf der EU-Außengrenzen ist nicht nur ein Thema der Grenzsicherung, sondern auch der politischen Frage: Wo endet die Union? Zwischen Deutschland und Polen gibt es verschiedene Vorstellungen, wo die östliche Grenze verläuft. Mit der Frage hat sich unser Autor in Warschau, Gert Röhrborn, beschäftigt.
Platz der Unabhängigkeit in Kiew
Platz der Unabhängigkeit in Kiew (Foto: Helga Ewert, Pixelio.de)

Warschau ist wieder Frontstadt. Vielmehr Frontex-Stadt. Derzeit wird sicht- und vernehmbar in der polnischen Hauptstadt der 67. Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstands am 01. August 1944 gefeiert. Währenddessen kümmern sich in effizienter Stille Beamte dieser europäischen Agentur um die Sicherung jener EU-Außengrenze, die auf dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 beruht.

Geizig bei der Erweiterung

Im Zuge der großen Erweiterungsrunde von 2004 wurde festgelegt, dass es eine begrenzte Anzahl von weiteren (potentiellen) EU-Beitrittskandidaten gibt. Derzeit sind das Island, die Türkei und der Westbalkan. Alle übrigen an die EU grenzenden Länder fallen demgemäß unter die Europäische Nachbarschaftspolitik, in der "privilegierte Partnerschaften" angeboten werden. Die Unterscheidung ist umstritten. Vordergründig geht es darum, ob die EU Staaten in so unterschiedlichen Regionen wie Osteuropa und Nordafrika einheitlich kategorisieren dürfe. Was jeder privat bei Bau- oder Umzugsplänen ernsthaft bedenkt – Mit wem mache ich Geschäfte? Wen hole ich mir ins Haus? In welcher Nachbarschaft bleiben mir ungebetene Gäste vom Hals? – kann Politiker schnell in ungünstiges Licht rücken.

Janusz Reiter, ehemaliger polnischer Botschafter in Deutschland, hat dies im Gespräch mit Abgeordneten des Bundestages in Warschau jüngst so kommentiert: Die EU werde es lernen müssen, Dissonanzen zwischen ihren Werten und Interessen auszuhalten. Interessen haben auch zivilgesellschaftliche Organisationen und Aktivisten, die mit oder in Ländern arbeiten, die unter die Nachbarschaftspolitik fallen. Diese Staaten erhalten weniger EU-Fördermittel als jene, die eine Beitrittsperspektive haben. Letztere müssen auf die aufwendige Struktur- und Kohäsionspolitik der EU vorbereitet werden, während erstere für Stabilität zu sorgen haben. Die Unterscheidung ist klassisch: die einen haben die Eurocard, die anderen brauchen Visa.

Verschiedene Auffassungen

Meinungsunterschiede zur Erweiterungs- und Nachbarschaftspolitik gibt es auch zwischen Deutschland und Polen. Zwar hat sicherlich kein anderer Mitgliedsstaat wirtschaftlich so sehr von der Erweiterung in 2004 profitiert wie die Exportnation Deutschland. Dennoch ist schon die Zustimmung zu den Beitrittskandidaten nicht ermutigend. Ohnehin beantworten Experten die Frage, ob Länder wie die Ukraine in der deutschen Politik überhaupt eine Rolle spielen oder  Randerscheinung seien, eindeutig: „Ich sehe die letztere Tendenz,“ bedauert Wolfgang Templin, Ukraine-Spezialist und Direktor der Heinrich-Böll-Stiftung in Warschau. „Abgeordnete im Bundestag bestätigen mir immer wieder, dass sie damit in ihren Fraktionen nicht durchkommen.“ Diese Einschätzung bestätigte Gunther Krichbaum (CDU), Vorsitzender des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union im Deutschen Bundestag, im Gespräch in Warschau: er sehe für solche Bestrebungen „überhaupt keine Perspektive“.

Polen, das sich für das Projekt der Östlichen Partnerschaft stark macht, hat als ein an der Außengrenze gelegener EU-Mitgliedsstaat ein Interesse daran, diese von sich weg zu verlagern. Ohnehin waren weite Teile des heutigen Litauens, von Belarus und der Westukraine in der Vergangenheit polnisch besiedelt oder beeinflusst. Zudem gibt es normative Gründe. Wolfgang Templin verweist auf humanistische Überzeugungen antikommunistischer Oppositioneller. „Unsere europäischen Werte, die wir errungen haben, gelten auch für unsere Nachbarn. Sie müssen sie natürlich selber annehmen wollen, aber wir möchten ihnen dabei helfen.“  Daher unterstützten  polnische Politiker wie der ehemalige Präsident Aleksander Kwaśniewski den demokratischen Wandel in der Ukraine, erklärt Jan Piekło, Direktor der PAUCI Stiftung für polnisch-ukrainische Zusammenarbeit in Warschau. „Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass aufgrund des heutigen Mangels an europäischen Perspektiven die Ukraine in internen Streitigkeiten und Stagnation verharrt.“

Regionalmacht Polen?

Unter der Regierung der Kaczyńskis wurde allerdings auch der Anspruch deutlich, die östlichen Anrainer für die eigenen Ambitionen als europäische Regionalmacht zu instrumentalisieren. Dies schloss brüskes Gebaren gegenüber Russland und Deutschland ein, von denen man sich angesichts der relativ guten deutsch-russischen Beziehungen unter Kanzler Schröder und später unter Außenminister Frank-Walter Steinmeier übervorteilt fühlte. Die Regierung Tusk, unter schwierigen innenpolitischen Bedingungen (Katastrophe von Smolensk) im Herbst um ihre Wiederwahl bemüht, hat es angesichts Angela Merkels Politik der Einbindung europäischer Nachbarn leichter, meint Piekło. Aber auch unter Donald Tusk stemmt sich Polen in seinem Programm für die EU-Ratspräsidentschaft mit dem Credo, Europa profitiere gerade von seiner Offenheit, gegen den zunehmend protektionistischen Trend auf dem Kontinent.

Sind diese Meinungsunterschiede für das deutsch-polnische Verhältnis und die EU als Ganzes problematisch? Ganz im Gegenteil! Erstens ist jenen Beobachtern zuzustimmen, die wie der Kenner der deutsch-polnischen Beziehungen, Basil Kerski, von einer stark wachsenden Bedeutung Polens als zweiter Motor der europäischen Integration sprechen. Zweitens müssen die unterschiedlichen Interessen Deutschlands und Polens offen diskutiert werden. Prof. Dieter Bingen, Direktor des Polen-Institutes in Darmstadt, hat jüngst in der Zeitschrift OSTEUROPA darauf hingewiesen, dass der Erfolg der EU darauf beruht, dass an die Stelle von Kriegsführung die Verbindung gegensätzlicher wirtschaftlicher und politischer Interessen zum beiderseitigen Nutzen getreten ist. Was schon für den deutsch-französischen Motor galt, sollte also erst recht für einen europäischen Hybrid französisch-deutsch-polnischen Ausgleichs gelten. Auf die Serienreife eines solch innovativen Antriebs warten wir allerdings weiterhin mit Ungeduld.

[Gert Röhrborn]