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Es gibt noch andere "Optionen" für Europa!

- Prof. Dr. Henning Vöpel befürchtet Ansteckungsgefahr für andere Euro-Länder und schlägt alternative Lösungen vor.
European Circle: Die Bürger sind sich sicher: Die Politiker sind nicht in der Lage, die seit 2008, seit der Pleite der Lehman Bank in den USA, schwelende Krise zu bändigen. Warum gelingt dieses nicht?
Vöpel: Der Versuch scheiterte im Wesentlichen daran, dass die angebotenen Lösungen von den Märkten als nicht glaubwürdig bewertet worden sind. Durch das schwindende Vertrauen in die Politik wurden und werden die Hilfen für Griechenland immer teurer, die Risiken für den Bankensektor immer größer und die Ansteckungsgefahren für andere Länder nehmen zu.
European Circle: Woran liegt dies denn? Werden wir falsch oder gar nicht informiert, was die Ursachen sind?
Vöpel: Hauptproblem bei der Suche nach einer glaubwürdigen Lösung war bis zum Gipfel in Brüssel am 22. Und 23. Oktober die fehlende Information darüber, in welcher Höhe ein Schuldenschnitt für Griechenland die Tragfähigkeit der Schulden wieder herstellen könnte und in welcher Höhe eine Beteiligung privater Gläubiger für den Bankensektor noch tragbar ist und welches die “Lücke” zwischen beidem ist, die der Steuerzahler zu tragen hat. Ob die Lösung von vor fast drei Wochen auf Dauer trägt, muss sich erst noch zeigen.
European Circle: Aber müssten nicht neue Mechanismen gefunden werden, die es erlauben und ermöglichen, dass der Markt selbst glaubwürdige Lösungen findet?
Vöpel: Ja. Es ist nämlich höchste Zeit für Alternativen zum Rettungsschirm, den die Politiker immer wieder aufspannen und der dann jedes Mal größer ist als der, den sie uns als den “allerletzten” verkauft haben. Es muss also marktbasierte Lösungen geben.
European Circle: Wie könnten diese aussehen?
Vöpel: Zum Beispiel könnten sie darin bestehen, dass die Euro-Länder gemeinsam eine Option emittieren, die entweder das Recht beinhaltet, eine griechische Staatsanleihe im Falle eines Schuldenschnitts in Euro-Bonds umzuwandeln, oder eine öffentliche, d.h. letztinstanzlich durch den Steuerzahler gedeckte Versicherung darstellt. Eine solche Option würde im Rahmen einer verdeckten Auktion meistbietend am Markt versteigert werden. Dies würde in verschiedenen Branchen geschehen, d.h. es würden zunächst Optionen für die ersten fünf Prozent der griechischen Staatsschulden versteigert werden, danach für die nächsten fünf Prozent usw. Auf diese Weise würden zunächst jene Banken solche Optionen bieten, denen durch die vom Ausfall bedrohten griechischen Anleihen ein besonders hohes Risiko entstanden ist. Sie wären bereit, für die Umtausch- oder Versicherungsoption einen Preis zu zahlen, der ihrer maximalen Zahlungsbereitschaft entspricht.

- Ist Griechenland noch aus der Krise zu retten? Prof. Henning Vöpel zweifelt am Rettungsschirm. (Foto: commons.wikmedia.org, gemeinfrei)
European Circle: Wo liegt die Sicherheit?
Vöpel: Bei diesem Verfahren ist sichergestellt, dass die Lösung einzelwirtschaftlich verkraftbar ist. Gesamtwirtschaftlich wird die Beteiligung der privaten Gläubiger an den Kosten der Krise maximiert und die der Steuerzahler minimiert wird.
European Circle: Klingt gut, gibt es noch weitere Absicherungen?
Vöpel: Alle Akteure würden nur ihre einzelwirtschaftlichen Risiken durch die neu geschaffenen Optionen versichern. In dem Maße allerdings, wie sich dadurch die Ansteckungsgefahr zwischen den Banken abbaut und sich die Transparenz im Bankensektor erhöht, weicht auch das systemische Risiko. Das Verfahren der verdeckten Auktion führt außerdem dazu, dass den Banken keine unangemessene Verhandlungsmacht wie in den derzeitigen bilateralen Verhandlungen zwischen den Banken und der Politik mehr eingeräumt wird. Eine letztinstanzlich gedeckte Versicherung könnte den “sicheren Hafen”, der die derzeitige chaotische Dynamik an den Märkten stoppt und das Ventil, durch das soviel Druck wie nötig entweicht, darstellen. Sie hätte den Vorteil, dass die glaubwürdige Lösung, die heute niemand kennt, in einem marktbasierten Verfahren offenbart würde.
European Circle: Manche aber sagen: Euro-Bonds sind doch dann die einfachere Lösung, warum so ein kompliziertes Modell aufbauen?
Vöpel: Mein Vorschlag hat gegenüber Euro-Bonds den Vorteil, dass sie keine kostenlose und unbegrenzte Sozialisierung privater Risiken beinhaltet. Preis und Umfang einer Sozialisierung privater Risiken auf den Steuerzahler wird durch den Markt festgelegt und stellt aus diesem Grund eine zugleich glaubwürdige Lösung dar. Der befürchteten Ansteckungsgefahr für andere Euro-Länder kann dadurch begegnet werden, dass dieses Verfahren auf alle national emittierten Staatsanleihen ausgeweitet wird. Zukünftig sollte in neu ausgegebene Staatsanleihen eine “Reverse-Default-Klausel” (Umgekehrter-Ausfall-Klausel) festgeschrieben werden.
European Circle: Die was besagt?
Vöpel: Die besagt, dass die zuletzt emittierten Anleihen zuerst von einem Default betroffen wären. Auf diese Weise wird das Ausfallrisiko nicht auf alle insgesamt emittierten Anleihen gleichmäßig verteilt, sondern variiert mit der Schuldenhöhe. Der Effekt wäre, dass die (Grenz-) Risikoprämie an die neu emittierten Anleihen gekoppelt wäre und mit steigendem Verschuldungsgrad ansteigen würde. Dies reduzierte für die Staaten drastisch den Anreiz für eine ausufernde Verschuldung.
European Circle: Das klingt gut. Werden Politiker Ihre Vorschläge prüfen?
Und wo kommt ohne dieses Modell die nächste Krise, zum Beispiel in Spanien oder Italien?
Vöpel: Darauf habe ich keinen Einfluss. Aber den Ökonomen ist ja auch von der Politik vorgeworfen worden, keine Lösungen anzubieten. Mein Modell ist zumindest ein Vorschlag. Der jetzige Rettungsschirm birgt Risiken. Es ist ja befürchtet worden, dass auch bei einem “freiwilligen” Schuldenschnitt für Griechenland andere Länder angesteckt werden könnten, weil ein Default bei anderen Ländern nun nicht mehr ausgeschlossen werden kann, sondern im Gegenteil wahrscheinlicher geworden ist. Und genau das scheint gerade zu passieren: Italien musste kürzlich bei der Neuemission von Anleihen Rekordzinsen zahlen. Wenn die Märkte befürchten, der Schirm könnte dann trotz allem zu klein sein, würde das die Spekulation beschleunigen, eine Eskalation der Krise wäre unaufhaltsam.
European Circle: Der SPD Fraktionschef hat während des Höhepunktes in der Griechenland Krise die Idee einer Treuhand in die Diskussion gebracht. Warum wurde dieser Vorschlag nahezu ungehört wieder eingemottet? Was halten Sie von der Idee?
Vöpel: Eine Treuhand kann sinnvoll sein, wenn die Euro-Länder Beteiligungskapital zuschießen, das es erlaubt, eine funktionierende Infrastruktur und Administration aufzubauen. Als reine Liquidierungsanstalt wäre sie aber ungeeignet. Man kann die Idee grundsätzlich aber weiterverfolgen, denn klar ist, dass sich natürlich viel in Griechenland selbst ändern muss, um die Tragfähigkeit der Schulden wieder herzustellen und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen - unabhängig von der Frage der Gläubigerbeteiligung.
[PB]
(Teaserbild: s.media / pixelio.de )









