04. November 2011

Von: TBO

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Währungsunion | Euro | Niall Fergusson | Griechenland | Euro-Krise | Euro-Kritik | Finanzpolitik | Europäische Union
Bruch eines Tabus

Die Währungsunion wird hinterfragt

Euro
Der Euro wurde am 1. Januar 2002 eingeführt. (Foto: Wilhelmine Wulff / pixelio.de)

Bis vor wenigen Tagen war es noch ein Tabu - die Frage nach einem Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion zu stellen. Die Lage in Griechenland hat sich gerade wieder beruhigt nachdem Premierminister Giorgos Papandreou die geplante Volksabstimmung über das EU-Rettungspaket als Druckmittel entlarvte. Somit wird es im Dezember kein Referendum geben. Doch als zu Beginn der Woche, die Nachricht einer Volksabstimmung die internationale Finanz- und Politikwelt erschütterte, wurde die Währungsunion zum ersten Mal seit langer Zeit in den Medien hinterfragt.

Ist die Währungsunion gescheitert?

Der Havard-Professor und Wirtschafts-Historiker Niall Ferguson sieht die europäische Währungsunion sogar als gescheitert an. In einem Zeitungsinterview Anfang der Woche sagte er die gemeinsame Währung bringe nicht nur die Euro-Länder gegeneinander auf, sondern teile auch die Europäische Union in eine Zone mit und eine Zone ohne Euro. Nach seiner Aussage würde der Euro zwar die derzeitige Krise überstehen, doch die Einigkeit zwischen den Staaten Europas würde durch ihn zerstört. Diese These wird unterstützt durch die Beschlüsse des letzten Euro-Gipfels in Brüssel. Dort wurde festgelegt, dass sich die 17 Euro-Länder künftig zweimal jährlich treffen, um gemeinsame Strategien in der Wirtschafts- und Haushaltspolitik festzulegen. Auf Dauer sollen die Gipfeltreffen der Euro-Zone auch einen eigenen Chef bekommen. Der Beschluss wurde von Großbritannien und Polen scharf kritisiert, da auch der britische Premierminister Cameron und Polens Ministerpräsident Tusk eine Abspaltung der Euro-Staaten von den zehn restlichen EU-Ländern befürchten.

Ausstieg wird teuer

Für die Mitgliedsstaaten ist ein Ausstieg aus der Euro-Zone jedoch nicht so einfach und vor allem sehr kostenintensiv. Niall Ferguson erläutert: “Ein Land, das die Währungsunion verlässt, würde unmittelbar einen Ansturm auf seine Banken erleben. Jeder würde versuchen, noch schnell Euro abzuheben und in Sicherheit zu bringen. Damit wäre das Finanzsystem des Landes ruiniert und ohne funktionierende Banken geht die gesamte Ökonomie den Bach runter”. Somit wäre ein Verlassen der Europäischen Währungsunion für das ohnehin angeschlagene Griechenland keine vernünftige Option.

“Nord-Euro” und “Süd-Euro”

Einige Euro-Kritiker fordern bereits seit einiger Zeit eine Aufspaltung in einen “Nord-Euro” und einen “Süd-Euro”. Der ehemalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie Hans-Olaf Henkel schlägt vor, dass sich die so genannten “Geberländer”, Deutschland, die Niederlande, Österreich und Finnland von der Europäischen Währungsunion lösen und einen abgeschwächten Euro zurücklassen. Dadurch hätten Länder wie Griechenland oder Spanien eine gute Chance auf einen Neuanfang. Die nordeuropäischen Staaten sollen anschließend eine eigene, stärkere Währungsunion bilden. Henkel hält es nicht für sinnvoll so unterschiedliche Volkswirtschaften wie die deutsche oder die griechische durch eine zentrale Währung aneinander zu koppeln.

Viel erreicht

EZB
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. (Foto: commons.wikimedia.org/Wettach, CC BY-SA 3.0)

Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy stellten während einer Pressekonferenz in Cannes klar, dass sie einen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone präferieren würden. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Währungsunion hat sich bisher für alle Euro-Länder ausgezahlt. So ist beispielsweise die Verschuldung im Euro-Raum gemessen am Bruttoinlandprodukt von Ende 1998 bis zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 um rund 7 Prozentpunkte von 73 auf 66 Prozent gesunken. Die Entwicklung in anderen Ländern hat dagegen weniger positiv ausgesehen. So hat es in Großbritannien nur einen Rückgang um drei Punkte von 47 auf 44 Prozent gegeben und in den USA sogar einen Anstieg um etwa einen Punkt von 63 des BIP auf 64 Prozent. Nach Angaben der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau in Deutschland beschert die Mitgliedschaft in der Euro-Zone der Bundesrepublik einen Wohlstandsgewinn von jährlich bis zu 30 Milliarden Euro. 

Verbleib in der Euro-Zone

Trotz der Kritik sieht Wirtschafts-Historiker Ferguson die Euro-Zone nicht am Ende. Er hält es sogar für möglich, dass es eher ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union gibt und die Währungsunion bestehen bliebe. Die 17 Staaten umfassende Euro-Zone könnte in Zukunft sogar noch anwachsen. Ferguson sieht große Chancen, dass einige osteuropäische Länder dazustoßen. Doch neue, zum Teil finanziell instabile Staaten in die Euro-Zone aufzunehmen birgt auch neue Risiken für weitere Krise. Auch aktuelle Euro-Mitgliedstaaten wie Italien, Spanien oder Portugal die mit Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Stagnation oder hohen Staatsschulden leben, könnten weitere Euro-Krisen auslösen.

[TBO]