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Der tiefe Fall des Silvio Berlusconi

- Auf dem EU-Gipfel in Brüssel hat Berlusconi neben José Barroso noch gut lachen. Obwohl er schon da keine konkreten Reformen für den Sparplan vorlegen konnte. (Quelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Im Land der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten, den Vereinigten Staaten von Amerika, machte man einstmals Karriere nach dem Motto “Vom Tellerwäscher zum Millionär”. Im Land der ziemlich begrenzten Möglichkeiten, in Italien, galt erstaunlicherweise die Parole: “Vom Staubsaugervertreter zum Milliardär”. Und weiter zum Ministerpräsidenten. Der am 29. September 2011 75 Jahre alt gewordene Silvio Berlusconi hat diesen Weg gemacht, zu großen Höhen; aber am 8. November 2011 kam der steile Absturz. In der Abstimmung zum Etat 2010 verweigerte ihm eine Mehrheit des römischen Abgeordnetenhauses die Gefolgschaft, indem sie die Abstimmung boykottierte. Er erhielt lediglich 308 Stimmen – und damit war ihm überdeutlich klar gemacht worden, dass er im Parlament über keine Mehrheit mehr verfügt, denn die liegt bei 316 Stimmen.
Erotische Feste statt politischem Handeln
Das war die Quittung für politische Unfähigkeit: Obwohl die Apennin-Halbinsel immer stärker in eine gravierende Euro-Krise taumelte, versuchte sich der Regierungschef in Taktiererei, er gab Versprechungen, ließ Sparpakete entwickeln und verwarf sie wieder – er suchte seine Landsleute ebenso wie die Partner in der Europäischen Union zu narren. Stattdessen sammelte er junge Gespielinnen, in Italien Escorts genannt, um sich, feierte erotische Feste, unterzog sich auf seine alten Tage Schönheitsoperationen. Und nicht wenige begannen, ihn mit dem wahnsinnigen Nero zu vergleichen.
Als Bauunternehmer zum Cavaliere “geadelt”
Die zwei Karrieren des Silvio Berlusconi – sie waren eigentlich anfangs und über weite Strecken hinweg mustergültig geschnitten. Da ist einmal der ehemalige Staubsaugervertreter und Bänkelsänger auf Kreuzfahrtschiffen, der sich zum Bauunternehmer und schließlich zum italienischen Medienzar hoch arbeitete. Der Bauunternehmer – den Job hat er später aufgegeben – wurde schon 1977 wegen seiner umfangreichen, vorausplanenden Bautätigkeiten vom damaligen Staatspräsidenten Giovanni Leone mit dem Ehrentitel “Cavaliere del Lavoro” bedacht. Berlusconi sah in der Folge aber größere Möglichkeiten im Medienbereich. Er begründete die Holding Fininvest mit Sitz in Rom und Mailand. Sie hält Anteile an drei Aktiengesellschaften: Mediaset SpA, die im Fernseh-, Film- und Kinogeschäft tätig ist und den größten Batzen abwirft. Der Umsatz liegt bei 4,25 Milliarden Euro, der Nettogewinn bei 460 Millionen Euro.
Auch der AC Milan gehört Silvio Berlusconi
- Im italienischen Parlament scheint ein Führungswechsel unmittelbar bevorzustehen. Silvio Berlusconi hat seinen Rücktritt angekündigt. (Foto: commons.wikimedia.org/Hadi, gemeinfrei)
Das zweite Standbein ist der alt eingesessene Verlag Mondadori in Segrate bei Mailand. Das Verlagshaus produziert Bücher und Zeitschriften und ist überdies im Rundfunkgeschäft tätig. Umsatz: 1,82 Milliarden Euro, Nettogewinn 97 Millionen Euro. Daneben hält Fininvest eine dritte Beteiligung. Das ist die Mediolanum SpA; sie ist im Versicherungs-, Anlage- und Direktbanking-Geschäft zu Hause. Prämieneinkommen: 2,73 Milliarden Euro, Nettogewinn 131 Millionen Euro. Zu Silvio Berlusconis Imperium gehört schließlich ein „Spielzeug“. Das ist der Fußballclub AC Milan aus der italienischen Serie A. Der gewinnt Trophäen und produziert Verluste; sie sollen bei rund 70 Millionen Euro liegen.
Unter dem Strich heißt es, der jetzt gescheiterte Ministerpräsident habe ein Vermögen, das bei Bankern in den USA auf 7,8 Milliarden Euro, in Italien selbst auf 13,7 Milliarden Euro geschätzt wird.
Im Jahr 1994 erstmals Regierungschef
Und auf der Höhe des unternehmerischen Ruhmes beschloss der Cavaliere, Politiker zu werden. Er begann, die Parteienlandschaft aufzumischen. In der Folge der in Korruptionsskandalen untergegangenen altehrwürdigen Democrazia Cristiana (DC), der Christdemokratischen Partei, gründete er die “Forza Italia”(Italienische Kraft) und schuf so ein starkes Gegengewicht zu den Sozialisten und den anfangs auch noch starken Kommunisten im Lande. Das war 1994 die Basis für den erstmaligen, wenn auch zunächst kurzzeitigen Gewinn des Amtes als Regierungschef. Im Jahr 1997 eroberte er das Amt erneut. Ein drittes Mal dann in 2008 – für die noch laufende Legislaturperiode, die eigentlich für ihn bis 2013 reichen sollte. Diese Amtszeit wurde überlagert von einer nach wie vor laufenden Prozess-Serie gegen den Regierungschef, die gegen ihn von der Mailänder Staatsanwaltschaft unter dem Vorwurf der Korruption und Bestechung angestrengt worden war.
Vor zwei Jahren, 2009, wandelte er seine Partei “Forza Italia” in eine in ihren Strukturen losere Parteigliederung um, die er “Popolo della Libertà” nannte; Volk der Freiheit. Dieses “Volk der Freiheit” ist ihm jetzt davongelaufen.
[KS]
(Teaserbild Quelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)









