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Mit den Menschen ins Gespräch kommen
Als Harald Koch 2009 zu seinem ersten Arbeitstag als Bundestagsabgeordneter angetreten ist, kam er ohne jegliche Allüren, die er bis heute nicht sein eigen nennt. Er stellte sich in die Besucherschlange neben all die Touristen, die sich den Reichstag von innen anschauen wollten und wartete. Vordrängeln wäre einfach zu unhöflich gewesen. Im Gebäude angekommen grüßte er quasi jeden, der ihm auf den Fluren entgegenkam – soviel Zeit muss sein. Überhaupt merkt Harald Koch im Gespräch mehrmals an, wie wichtig es ist, sich für die Gesten des Alltags Zeit zu nehmen. Entsprechend entspannt und freundlich werde ich in Empfang genommen. Ein gemütlicher Raum, der einen fest installierten Computer nicht vermissen muss. Dafür zahlreiche Fotos und andere private Gegenstände. Ein Stück Heimat in Berlin.
Der für die Linken so wichtige Parteitag in Erfurt liegt erst ein paar Tage zurück, und das erste Parteiprogramm ist beschlossen. Woher er kommt und wohin es mit ihm und der Linken gehen wird, erzählt Harald Koch im Interview.

- Koch wünscht sich für die Zukunft Politik, die für und mit den Menschen betrieben wird. (Foto: harald-koch-mdb.de)
Ihr Wochenende war sicher sehr lang und bestimmt nicht sehr erholsam. Wie gerne wären Sie, anstatt nach Erfurt zu fahren, lieber am Autobahnkreuz nach Sangerhausen abgebogen?
Koch: Natürlich habe ich sehr wenig Freizeit und möchte auch gerne mehr davon mit meiner Familie verbringen. Aber wir waren doch alle sehr gespannt auf den Parteitag, weil er für die Entwicklung dieser jungen Partei außergewöhnlich bedeutend war. Ich bin als Teilnehmer mit beratender Stimme hingefahren. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass man Mandat und Partei voneinander trennt. Ich hatte schon vorher das Gefühl, es würde sich auf diesem Parteitag alles entspannen und zu einem guten, konstruktiven Ergebnis führen. Meine langjährigen Erfahrungen in der SPD und später dann in der WASG haben mich gelehrt, auch wenn man sich im Vorfeld stark gefetzt hat, ist man in der entscheidenden Beratung doch zusammengekommen. Als ob sich alle abreagiert hätten, alles einfach mal raus musste. Es ging ja in Erfurt auch vor allem darum, ein wichtiges Signal zu senden. Und das haben dann alle verstanden. 97 Prozent ist ja ein gutes Ergebnis und mir persönlich viel angenehmer als vollkommen unrealistische 100 Prozent. Denn die, die dagegen gestimmt haben, waren ehrlich und sind Teil unseres demokratischen Prozesses. Ich bin gerne dorthin gefahren.

- Harald Koch in zehn Fragen.
1. Was ist Ihr Lieblingsplatz, wenn Sie in Berlin sind?
Der Stuttgarter Platz.
2. Was ist ihr Lieblingsplatz, wenn Sie in Ihrem Wahlkreis sind?
Der Butterberg bei Sangerhausen.
3. Mit wem streiten Sie sich am liebsten?
Nicht mit meiner Frau. Da gibt’s nur wenig zu streiten.
4. Wann sollte man Ihnen lieber nicht begegnen?
Da fällt mir kein Tagesmoment ein. Ich fress alles eher in mich rein.
5. Wie stellen Sie sich Ihr Leben nach der Politik vor?
Mehr Familie, mehr Natur, mehr malen und fotografieren.
6. Wenn Sie eine außerparlamentarische Tätigkeit hervorheben müssten, welche wäre das?
Fotografieren.
7. Welches Ressort könnte das Kabinett noch gebrauchen?
Ein reines Seniorenministerium mit Schwerpunkt Altersarmut.
8. Nennen Sie ein politisches Vorbild außerhalb der eigenen Partei?
Friedrich Schorlemmer.
9. Europas größtes Problem?
Die fehlenden Sozialstandards.
10. Wo sehen Sie die EU in 50 Jahren?
In einer wirklichen Union. Eine Art vereinigte Staaten von Europa.
Sie wohnen seit 2009 in Berlin. Fühlen Sie sich hier schon Zuhause oder ist das nur Ihr Arbeitsplatz?
Koch: Ich wohne ja nicht "richtig" in Berlin, pflege ich zu sagen. Ich wohne doch noch Zuhause! Ich habe dort meinen Wahlkreis und lege sehr viel Wert darauf, dass ich dort noch wohne. Das ist mein Hauptwohnsitz und mein Lebensmittelpunkt. Trotzdem liebe ich Berlin. Ich habe hier von 1980 bis 1986 an der Humboldt Universität Ökonomie studiert. Berlin ist eine tolle Stadt, aber ich habe leider viel zu wenig Zeit und auch Kraft in den letzten zwei Jahren gehabt, um Berlin so zu genießen wie es die Stadt anbietet. Oft setze ich mich abends noch in eine Gaststätte, esse etwas und arbeite am Laptop einige Dinge ab. Zu viel mehr bin ich leider noch nicht gekommen. Aber ich liebe Berlin, das muss ich nochmal betonen!
Sie sind schon fast Ihr halbes Leben lang politisch aktiv. Woher kommt dieses Engagement?
Koch: Eigentlich hat mein Interesse schon mit zehn oder elf Jahren begonnen. Da hab ich angefangen, Zeitung zu lesen. Natürlich gab es damals noch nicht so viele Zeitungen wie heutzutage, und vor allem waren diese anders strukturiert, Neues Deutschland und Junge Welt. Aber mein Vater war politisch aktiv. Er war Mitglied in der Partei, aber nur ehrenamtlich. Er hat sich sehr für seine Leute eingesetzt. Mein Vater hatte ein unheimlich großes Gerechtigkeitsbewusstsein, mit teilweise schlimmen Konsequenzen für ihn. Das hat mir damals sehr imponiert. Ich habe mich dann auch recht früh engagiert und Verantwortung übernehmen wollen. Es ist zwar immer etwas komisch, von sich selbst zu sprechen, aber solange ich mich zurückerinnern kann, habe ich mich immer gegen Ungerechtigkeiten eingesetzt und eine dicke Lippe riskiert. Fragen Sie mal im Landesverband Sachsen-Anhalt. Ich schwimme nicht gern mit der Masse und habe bereits 1987 angefangen, mit Perestroika und Glasnost innerhalb der SED Kritik zu üben. Bei einer Parteiversammlung zu Ehren der Oktoberrevolution, dem 70. Jahrestag, habe ich vor allen Anwesenden die Trennung von Partei und Staat gefordert. Und ich habe es trotzdem überlebt! Dem hab ich es auch zu verdanken, dass ich vom CDU-Landrat in seine Mannschaft geholt wurde. Ich hatte mir vor dem Fall der Mauer nichts zu Schulden kommen lassen und auch nicht für die Stasi gearbeitet. Dessen konnte er sich aufgrund meiner Vergangenheit sicher sein.
Sie waren von 1991 bis 2004 Mitglied in der SPD, haben 2005 die WASG mitgegründet und sind von Beginn an Teil der Partei DIE LINKE. Wie lange haben Sie mit sich ringen müssen, nach immerhin über einem Jahrzehnt SPD das Parteibuch zurückzugeben?
Koch: Die Formulierung “Buch zurückgeben” ist ja wirklich interessant. So habe ich mir das noch nie vor Augen geführt, dass man ja doch an diesen Phasen hängt. Ich habe nie ein Buch zurückgegeben. Man behält sich damit ja auch ein Stück kleine Erinnerung. Ich habe auch damals das SED-Mitgliedsbuch nicht zurück gegeben, bei aller Kritik, die ich auch heute noch nach wie vor habe. Ich war dann quasi ein Jahr politisch vagabundieren. Und wer politisch aktiv ist, der weiß, wie hart das sein kann. Man braucht ja Mitstreiter um sich herum, um etwas zu bewegen. Als damaliger Beigeordneter war ich fraktionslos. Ich hatte mich mit allen Fraktionen gut verstanden, auch mit der PDS, die im Übrigen ziemlich enttäuscht waren, dass ich mich ihnen nicht angeschlossen hatte. Und dann hatte ein führendes SPD-Fraktionsmitglied einen sehr interessanten Vortrag gehalten, der meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Anschließend kam er auf mich zu, und ich konnte mich einfach nicht mehr zurückhalten. Ok, dann mach ich in der SPD mit. 13 Jahre war ich in der SPD tätig. Leider musste ich beobachten, wie sich die SPD auf fast allen politischen Ebenen von mir weg entwickelt hat. Ich bin bei meinen Standpunkten geblieben, habe sie weiterentwickelt. Und die lagen eben immer weit links. Die Agenda 2010 und die Auslandseinsätze haben mich dann letztendlich dazu bewogen, endgültig auszutreten. Das ist mir allerdings wirklich schwer gefallen. Ich habe auch einen Brief an die SPD-Führung geschrieben, den ich bewusst intern gehalten hatte. Es war ja kurz vor der Kommunalwahl, die ich unter keinen Umständen mit schlechter Presse gefährden wollte. Ich kann auch sagen, dass ich mich nicht im Bösen getrennt habe und nach wie vor gut mit den ehemaligen Mitstreitern zusammenarbeite.
Hat man Ihnen auf Ihren Brief je geantwortet?
Koch: Nein, bis heute nicht. Ich lese ihn noch manchmal und bin überrascht, dass ich darin bereits vieles vorausgesagt habe, was heute eingetroffen ist. Beispielsweise zum Thema Auslandseinsätze. Das ist jetzt nicht alles meinem Kopf entsprungen. Es gab ja genügend kluge Köpfe, die sich mit diesen Themen auseinandergesetzt haben und deren Meinung bin ich dann gefolgt.
Sie sagen, es ist Ihnen wichtig, dass sich Politik nicht hinter Mauern und Glaskuppeln versteckt. Politik müsse raus zu den Menschen. Wie setzen Sie das persönlich um?
Koch: Ich muss ehrlich sagen, diese Worte habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern stammen von einer Kollegin, die das ebenfalls auf ihrer Website stehen hatte. Aber ich fand das so gut und absolut richtig. Das entspricht absolut meiner Überzeugung. Also habe ich das auch für mich übernommen.
Die Menschen sind ja aus diversen Gründen überhaupt nicht in der Lage, auf die Politik zuzugehen. Es ist einfach unheimlich schwer, an einen Politiker ranzukommen. Deswegen bin ich der Auffassung, dass wir das umdrehen müssen. Wir Politiker müssen auf die Menschen zugehen. Das heißt, man muss raus gehen. Auf die Straße und mit den Menschen reden. In meinem Landkreis kennt man mein Gesicht. Da brauche ich dann mal ein oder zwei Stunden durch die Stadt, weil ich so oft angesprochen werde. Diese Zeit nehme ich mir dann auch gerne. Aber auch in Berlin oder Erfurt suche ich das Gespräch mit den Leuten. Das gehört einfach zu den Aufgaben. Man muss als Mitglied einer Partei dazu gewillt sein, in jeder Situation mit den Menschen ins Gespräch kommen zu können. Wichtig ist für mich das Zuhören und die Menschen ausreden zu lassen. Ich habe da Kollegen, die überrennen die Menschen mit Argumenten und lassen sie überhaupt nicht zu Wort kommen. Da wird dann bereits Überzeugungsarbeit geleistet, obwohl derjenige vielleicht einfach nur mal seine Meinung sagen wollte. Ich hoffe, dass man mir rechtzeitig Bescheid gibt, wenn das mal bei mir anfängt auszuufern. Zum Glück habe ich eine äußerst kritische Frau an meiner Seite, die mir jetzt schon hin und wieder sagt, ich müsse doch auch mal die Leute zu Wort kommen lassen.
Ein Korrektiv an der Seite zu haben, ist schon hin und wieder nötig, oder?
Koch: Braucht man unbedingt. Ich habe dafür neben meiner Familie auch mein Team in Berlin und im Wahlkreis.

- "Ich bin erfreut darüber, dass endlich solche Aktivitäten in Gang kommen und die Proteste zunehmen". Koch begrüßt Bewegungen wie die Occupy Wallstreet. (Foto: wikimedia.commons.org/David Shankbone, CC BY 3.0)
Oskar Lafontaine sagte auf dem Parteitag am Sonntag in Erfurt, “In harten Zeiten wird die Solidarität der gesamten Partei benötigt”. Innerparteiliche Querelen werden unter anderem für das schlechte Abschneiden bei den Landtagswahlen in Berlin und die allgemeinen Umfrageergebnisse angeführt. Das Grundsatzprogramm wurde gerade mit großer Zustimmung verabschiedet. Wird jetzt wieder alles gut?
Koch: Natürlich ist jetzt einiges geklärt. Aber Illusionist bin ich ja auch nicht. Nun können wir das erste Mal sagen, “Die Linke steht bei Thema xy genau zu Meinung xy.” Es geht ja um Folgendes, dass das Programm ein Grundsatzprogramm ist und auch Veränderung unterliegt. Nun nicht gleich alle zwei Wochen, dafür gibt es entsprechende Regularien. Doch muss es einer ständigen Überprüfung in der Praxis standhalten. Und hier kommen leider auch mal Rangeleien um Posten ins Spiel. Und da sind wir auch schon bei der aktuellen Führungsdebatte. Wenn Sie mich fragen, ist der Ruf von unseren beiden Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst viel zu schlecht. Es hat ja vor allem damit zu tun, wie wir als Partei die Beiden in ihrer Arbeit unterstützen. Wir haben uns darauf geeinigt, diese Doppelspitze für zwei Jahre zu wählen, und das sollten wir jetzt letztendlich auch so durchziehen. Denn es gibt für mich erstens keinen Grund, diese Personen auszutauschen, und zweitens nur ganz wenige, die so ein Amt angemessener verkörpern könnten. Ich unterstütze die Beiden jedenfalls voll und ganz.
Wie kommt es denn dann zu den Gerüchten um ein politisches Comeback von Oskar Lafontaine in die Spitze der Partei? Für viele ist er ja der einzige ernstzunehmende Kandidat für eine mögliche vorgezogene Bundestagswahl.
Koch: Oskar Lafontaine hatte sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Bundespolitik zurückgezogen. Ich hatte selbst Krebs und habe aus meiner persönlichen Erfahrung mit dieser schweren Krankheit gelernt, dass der Risikofaktor Nummer eins Stress ist. Den gilt es unbedingt zu vermeiden. Daher konnte ich seinen damaligen Entschluss sehr gut nachvollziehen. Er musste sich also zurückziehen. Mittlerweile scheint er diese Krankheit aber überwunden zu haben, bei allen Gefahren, die weiter fortbestehen. Und so langsam mischt er sich wieder mehr und mehr ein. Und das meine ich jetzt durchaus positiv. Innerhalb der Partei wächst die Stimmung, dass wir ihn eigentlich wieder zurück bräuchten. Aber trotz persönlicher Ambitionen schätze ich Oskar Lafontaine so vernünftig ein, dass wir erkennen, der jetzige Kurs mit unserer Doppelspitze sollte weiter fortgesetzt werden. Und ich bin der Überzeugung, dass wir uns jetzt vor allem um die Sachthemen kümmern sollten.
Vor allem müssen wir die Ursachen der jetzigen Finanz- und Eurokrise beseitigen.
Dann kann man wohl auch annehmen, dass Sie eine Bewegung wie Occupy Wallstreet sehr begrüßen?
Koch: Also, ich sage es wirklich, dass ich sie begrüße. Ich bin erfreut darüber, dass endlich solche Aktivitäten in Gang kommen und die Proteste zunehmen. Aber wir müssen hier vorsichtig sein, es gibt natürlich auch einige in unseren Reihen, die meinen, sie müssten sich an die Spitze dieser Bewegung stellen. Es ist aber eine unabhängige und überparteiliche Bewegung, und das müssen wir auch so akzeptieren. Zum Schluss gehören wir als Politiker aus Sicht der Bevölkerung ja auch erst mal zu der Gruppe, die bisher unfähig waren, eine offene Politik zu machen und Finanzmärkte eng an die Leine zu legen. Auch wenn wir in der Opposition waren und als einzige Fraktion letztendlich gegen diese Dinge gestimmt haben. Ich vertrete die Auffassung, dass wir uns in diese Bewegung hineinbegeben müssen, daran teilnehmen, aber mit allem Respekt vor dieser Bewegung. Wir müssen erst einmal unter Beweis stellen, dass wir wirklich genau die selben Fragen stellen wie sie und wir diese auch ähnlich beantworten. Ich persönlich tue das. Ich stelle dieses Finanzsystem in Frage, allerdings nicht alle meiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Das ist ja eben immer auch dieser Kampf innerhalb der Partei. Es gibt ja auch Leute, die meinen, dieser Kapitalismus ist zu reformieren. Das sehen die Leute auf der Straße nicht so. Die sagen diesem System den Kampf an. Ich denke, die nächsten Monate werden zeigen, dass wir auch Bestandteil dieser Bewegung werden.
Allerdings sieht man doch auf allen Plätzen, auf denen Proteste in Deutschland stattfinden, dass Parteien unerwünscht sind. Sobald eine Parteifahne gehisst wird, stellen die Demonstranten klar, dass man eben nicht möchte, dass Parteien auf den Zug einer Bewegung aufspringen, die aus den Ängsten, der Wut und dem Unverständnis der Menschen heraus entstanden ist. Es ist also “ihre” Bewegung.
Koch: Darin liegt auch der Unterschied zu Stuttgart 21. Dort hat man das akzeptiert. Es gab aber auch Politiker, die Stuttgart 21 für sich missbraucht haben. Ich will jetzt keine Partei und keinen Namen nennen, aber das ist hier anders. Wobei ich dennoch denke, dass der Erfolg einer solchen Widerstandsbewegung am Ende doch zum Teil abhängig von organisierten Kräften ist. Davon bin ich fest überzeugt, ansonsten läuft das ins Leere. Das hat keine Chance. Es wird zwar viele Menschen auf die Straße bringen, aber dieser Wille, der da zum Ausdruck gebracht wird, kann nicht in politische Schritte kanalisiert werden. Das hat auch die Wende in der DDR gezeigt. Am Anfang sind die Leute auf die Straße gegangen, aus ganz einfachen, nachvollziehbaren Beweggründen. Sie wollten Freiheit, sie wollten mitbestimmen. Am Anfang wollte man auch die DDR nur reformieren. Aber erst als sich dann die Kräfte politisch organisierten, sich ein Programm entwickelte, bis hin zu Kandidaten, die die Sache in den Bundestag hinein trugen, konnte das Ganze in praktische Beschlüsse umgesetzt werden. Ich habe die Hoffnung, dass generell erst einmal so eine breite Protestbewegung richtig in Gang kommt, weil die Mehrheitsverhältnisse in den Institutionen, die letztendlich die Politik machen - Bundestag und Bundesrat –, festgefahren sind. Das ist sehr deutlich. Wenn da von außerparlamentarischer Seite kein Druck kommt, zum Beispiel durch Massen auf der Straße, wird auch die Politik nicht geändert. Dann endet das alles in einer Katastrophe. Deswegen sollten alle hoffen, dass diese Bewegung an Dynamik und auch an Kraft zunimmt.
Was sie ansprechen, macht ja einen wesentlichen Teil der Demokratie aus.
Koch: Ja, dass ist Demokratie in ihrem Ursinn.

- Laut Harald Koch habe einige Politiker das umstrittene Projekt Stuttgart 21 für ihre eigenen Zwecke missbraucht. (Foto: wikimedia.commons.org/Mussklprozz, CC BY-SA 3.0)
Die Zeit und der Spiegel haben das Parteiprogramm der Linken auf folgende Keywords runtergebrochen wie “demokratischer Sozialismus”, “Überwindung des Kapitalismus”, “Austritt aus der Nato”, “keine Rente mit 67”. Da bekommt man ja als Beobachter von außen erst mal das Gefühl, als hätten sie in naher Zukunft erst mal überhaupt kein Interesse mehr daran mitzuregieren? Zumindest erscheint es fraglich, ob sie für diese Vorhaben politische Partner finden.
Koch: Zu diesem Schluss könnte man kommen, ja. Wenn man davon ausgeht, dass alle Parteien auf ihrem Standpunkt verharren und so dann Regierungen aussehen. Das Parteiprogramm ist für die Entwicklung einer Gesellschaft über einen sehr langen Zeitraum Grundlage, so 20 bis 25 Jahre, trotz aller Veränderungen. Das heißt aber nicht, dass alle Ziele, die da drin stehen, von heute auf morgen umsetzbar sind. Das heißt, dass man letztendlich dieses übergeordnete Programm als Leitschnur nimmt und daraus Wahlprogramme macht, die sich dann auf einen kürzeren Zeitraum beziehen, zum Beispiel eine Legislaturperiode. Das kann dann schon stark voneinander abweichen. Das haben wir auch schon in unserer Partei gemerkt. Wir hatten beispielsweise ein Bundestagswahlprogramm mit der Leitlinie “Zehn Euro Mindestlohn” - in Sachsen-Anhalt im Landtagswahlprogramm: 8,50 Euro. Ich hab zwar darum gekämpft, dass wir uns dem bundespolitischen Ziel nähern, aber es war nicht zwingend notwendig. Entscheidend ist der Mindestlohn!
Und so ist es auch in vielen anderen Sachen. Es gibt im Kernbereich einige Dinge, wo wir sagen, da darf es keine Kompromisse geben. Die sogenannten roten Haltelinien. Ich nenne einmal zwei bis drei Beispiele, wie die Ablehnung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr, kein weiterer Sozialabbau, Abschaffung der Rente ab 67. Wobei ich sage, das darf man aber auch nicht zum Exzess treiben. Entscheidend ist, dass man sich in Mitverantwortung begibt und hier und da eine Verbesserung erzielt. Eine Politik der kleinen Schritte. Aber es darf auf keinen Fall dazu führen, dass man sich selbst aufgibt. Eine Koalition mit der SPD auf Landes- oder auf Bundesebene, die weiterhin bereit ist, die Bundeswehr im Ausland einzusetzen - dabei meine ich nicht nur reine Kriegseinsätze, sondern alle Einsätze; ich bin nämlich der Meinung, dass auch aus den so genannten Friedenseinsätzen eigentlich fast immer Kriegseinsätze werden – kommt für mich nicht in Frage. Das ist eine Haltelinie, die nicht überschritten werden darf.
Unser Programm ist also kein Dogma dahingehend, dass wir uns nicht in der täglichen Arbeit auch mal davon entfernen, sondern es ist eine Richtschnur, an der wir uns entlangbewegen. Auf kommunaler, Landes- und Bundesebene müssen wir uns in Kompromisse begeben, so einfach ist das. Entscheidend ist aber, dass sich auch die anderen bewegen müssen! Wenn man uns nicht auch bei Koalitionsverhandlungen entgegenkommt, dann ist keine Koalition möglich und damit dann auch keine Mitverantwortung.
Die SPD hat schon gewitzelt, die Linke würde sich mit ihrem Parteiprogramm gerade quasi selbst abschaffen. Denken Sie, dass DIE LINKE mit ihrem Programm streitbarer, kompromissbereiter oder vielleicht einfach nur unwichtiger für mögliche Koalitionspartner wird?
Koch: Nein, sie wird eher streitbarer. Ich will mich da auch an das anlehnen, was Oskar Lafontaine gesagt hat. In erster Linie müssen wir mit unseren klaren Zielstellungen, mit unserem klaren Programm, was auch sehr radikal ist im Gegensatz zu anderen Parteien, auch gegenüber der SPD, ein eigenes, gutes Wahlergebnis erzielen. Wir müssen also unsere Wählerinnen und Wähler ansprechen und sie für uns gewinnen. Das ist mit diesen linkeren Positionen leichter möglich. Besser als sich irgendwelchen sozialdemokratischen Positionen anzupassen. Weil dann sagen doch viele Wählerinnen und Wähler: Warum soll ich die Linken wählen, da wähle ich doch die SPD..- das Original. Und ich sage es wirklich so und hätte das auch vorher schon für Sachsen-Anhalt gesagt: Hätten wir einen stärkeren linken Kurs im Wahlkampf gefahren, und nicht wie eine Zeitung geschrieben hat, “Gallert geht mit neoliberalen Auffassungen auf Wahlkampf-Tour”, dann hätten wir mehr Stimmen erreicht. Aber wir dürfen nicht davon ausgehen, dass wir dann bundesweit 25 Prozent erreichen. Nicht mit diesen Positionen. Aber wir erreichen dann sicher 15 Prozent. Das ist mehr wert, als durch dieses Rumgeeiere dann an dieser Schmerzgrenze zu landen, wo wir ständig bangen müssen, ob wir das wieder schaffen. Also eine klarere Positionierung eröffnet uns eine größere Chance, wieder in diesen Bundestag einzuziehen und wieder linke Politik zu machen.
In einem Interview haben Sie mal gesagt, nur weil DIE LINKE gegen einen Krieg ist, heißt das noch lange nicht, dass Sie für Gaddafi gewesen wäre. Der ist nun weg und sogar tot. Wie haben sie davon erfahren und wie war ihre erste persönliche Reaktion?
Koch: Ich habe es über das Internet erfahren. Dort fand sich auch die Formulierung, dass er wie ein Hund erschlagen worden war. Ich gehe da aber in erster Linie rational ran. Gaddafi war für mich in aller erster Linie ein exzentrischer Typ. Ich mochte den überhaupt nicht. Schon zu DDR-Zeiten nicht. Egal, welche politischen Ziele er auch immer vertrat. Spätere Wissenschaftler werden erstaunliches zutage tragen. Denn den einen oder anderen Erfolg wird auch er vorweisen können.
In meinen Augen war er ein Despot. Aber ich hätte mir gewünscht, dass man ihn festnimmt, ihn vor ein ordentliches Gericht stellt und seine Machenschaften offenlegt. Dann wäre nämlich auch die eine oder andere Zusammenarbeit mit den westlichen Regierungen zutage gekommen. Nach der Weise “der Zweck heiligt die Mittel”. Vor allem aber wäre dieser Prozess für das libysche Volk der richtige Weg gewesen, um diese Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich wünsche mir, dass dort ein demokratischer Prozess einsetzt, der letztendlich zu einem unabhängigen Libyen führt und zu einem Staat, der selbstbestimmend agieren darf und kann. Und zwar über alles, auch die Rohstoffe. Meiner Meinung nach hätte das alles aber auch ohne einen Militäreinsatz möglich werden können. Insbesondere Deutschland muss sich aufgrund seiner Vergangenheit aus solchen Konflikten heraushalten. Allgemein ist schlimmer für mich, dass hier internationales Recht in einem Ausmaß gebeugt und gebrochen wurde, dass einem Angst und Bange werden kann. Ich bin sehr gespannt und betrachte die Entwicklung der Zusammenarbeit der Staatengemeinschaften sehr kritisch.
Und dann die Soldaten. Wir bringen hier junge Menschen in eine Situation, die von ihnen überhaupt nicht verarbeitet werden kann.
Wie sollte sich denn Deutschland dann verhalten?
Koch: Wir sollten einfach unser Geld in den wirtschaftlichen Aufbau des Landes stecken. Das hätte eine unglaubliche Signalwirkung und wäre ein Zeichen dafür, dass wir wirklich an einem Frieden interessiert sind.
Man könnte auch Verwundete beider Lager aufnehmen, sich also als objektiver Unterstützer profilieren. Das hat positive Auswirkungen auf die Zeit danach und wird uns immer wieder positiv auf die Füße fallen.

- Die Menschen stellen nicht das ganze System Europa in Frage, bemerken aber, dass einigen schwere Fehler begangen wurden. (Foto: wikimedia.commons.org/Ssolbergj, CC BY 2.0)
Kommen wir zu Europa. Interessieren sich die Menschen in Ihrem Wahlkreis überhaupt für Europa?
Koch: Doch unbedingt. Die Menschen wissen schon, dass Europa wichtig ist. Parteiübergreifend habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen Europa durchaus positiv betrachten. In dieser Krise stellen sie nicht gleich das ganze System Europa in Frage, aber bemerken schon, dass in einigen Punkten schwere Fehler begangen wurden, die es jetzt zu korrigieren gilt. Da gibt es natürlich unterschiedliche Interpretationen, aber nicht einmal der Euro wird als Währung in Frage gestellt.
Was viele bewegt, ist die Erkenntnis, dass der Finanzwelt durch die Politik scheinbar ein zu großer Handlungsspielraum ermöglicht worden ist. Doch die Menschen äußern dort eher ihr Bauchgefühl, denn konkret verstehen können sie diese Situation oft noch gar nicht.
Wie erklären Sie persönlich den Menschen Europa?
Koch: Wenige verstehen, dass wir zwar eine Wirtschafts- und Währungsunion haben, aber eben keine Sozialunion. Diese Unterschiede versuche ich den Bürgerinnen und Bürgern in meinem Wahlkreis näherzubringen. Also Europa muss sein. Europa muss aber verbessert werden.
Herr Koch, vielen Dank für das Gespräch.
[SG]
(Teaserbild Harald Koch: Günzel)









