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Stoppt den Raubbau in den Meeren

- Ulrike Rodust fordert Reformen in der Fischereipolitik, um die Ausbeutung der EU-Meere zu verhindern. (Quelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
European Circle: Über Fische wird wenig öffentlich diskutiert. Dabei gehört der Fisch zum Grundnahrungsmittel. Worum wird momentan im EU-Parlament gekämpft?
Rodust: Es geht um eine neue Verordnung zur Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik. Ich erarbeite derzeit einen Bericht, der dann im Parlament diskutiert wird. Dieser Bericht wird zu den Vorschlägen der EU-Kommissarin für Fischerei, Maria Damanaki, Stellung nehmen.
European Circle: Was hatte diese vorgeschlagen?
Rodust: Maria Damanaki hat im Juli 2011 vorgeschlagen, die Gemeinsame Europäische Fischereipolitik radikal zu reformieren.
European Circle: Was bedeutet das konkret?
Rodust: Der Rat der Wissenschaftler soll bei der Festlegung von Fischfangquoten befolgt werden, damit unsere Fischbestände wieder wachsen können. Die Praxis des Rückwurfes von ess- und vermarktbarem Fisch ins Meer soll beendet werden. Subventionen sollen in Zukunft gezielt nachhaltige Fischereipraxis fördern. Ein Kernelement des Vorschlags ist auch, Detailregelungen künftig nicht in Brüssel sondern näher an den Betroffenen zu treffen.
European Circle: Warum diese radikalen Reformen?
Rodust: 60 Prozent der Fische, die wir in Europa verzehren, werden inzwischen importiert. Unsere Meere sind alles andere als optimal befischt und das ist einerseits ein erhebliches ökologisches Problem, da es Fischbestände gefährdet, andererseits aber ebenso ein wirtschaftliches Problem für die Fischer. Rund 400 000 Arbeitsplätze hängen in Europa an der Fischerei. Von diesen gilt es möglichst viele zu erhalten – allerdings nicht auf Kosten nachfolgender Generationen, die ebenso ein Recht haben, noch Fisch essen und als Fischer tätig sein zu können.
European Circle: Welche Rolle spielt jetzt dabei das EU-Parlament?
Rodust: Das Europäische Parlament ist erstmals gleichberechtigt mit dem Ministerrat an der neuen Gesetzgebung für die europäische Fischereipolitik beteiligt. Wir wollen mit unserer Arbeit verhindern, dass sich die Gegner einer nachhaltigen Fischereipolitik durchsetzen. Angesichts des desolaten Zustandes unserer Meere und der schwierigen Situation in den meisten Küstenregionen geht es um viel. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass uns eine wirklich umfassende Reform gelingt.
European Circle: Was sind Ihre Kernforderungen?
Rodust: Vor allem gehört dazu die intelligente Ausgestaltung eines Rückwurfverbots, eine stärkere Regionalisierung und Dezentralisierung der Entscheidungswege, das eindeutige Bekenntnis zur weltweiten Verantwortung für den Schutz der Fischbestände und eine deutliche Stärkung von Wissenschaft und Forschung im Fischereisektor. Wichtig wird es vor allem sein, wie wir mit den von der Kommission geplanten und bereits im Vorfeld heftig umstrittenen Vorschlägen zu handelbaren Fischereiquoten umgehen wollen.

- Ein Rückwurfverbot soll die skandalöse Verschwendung von Fisch verhindern. (Foto. magicpen / pixelio.de)
European Circle: Fischereibetriebe sollen eigene Fangquoten erhalten, fordert Frau Damanaki. Was würde sich damit ändern?
Rodust: Es spricht viel dafür anzunehmen, dass die europäischen Fischer verantwortungsvoller mit ihrem Fang umgehen, wenn sie, wie in Deutschland bereits üblich, feste eigene Fangquoten besäßen. Umstritten ist vor allem, ob diese Quoten handelbar sein sollen – ob ein Fischer also sein Recht zu fischen an einen anderen verkaufen kann.
European Circle: Was spräche dafür?
Rodust: Die Kommissarin sieht in handelbaren Quoten eine Möglichkeit der sozialen Abfederung bei der Reduktion der vielerorts noch vorhandenen Flottenüberkapazitäten. Deutlicher gesagt: Handelbare Fischereiquoten würden es den betroffenen Fischern gerade an südeuropäischen Küsten erlauben, mit einer Entschädigung aus ihrem Beruf aussteigen zu können.
European Circle: Was spricht dann dagegen?
Rodust: Ich sehe den handelbaren Quoten durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen. Meine Fraktion hat immer Wert darauf gelegt, dass der Abbau von Überkapazitäten sozial abgefedert werden muss. Ein Risiko der Regelung wäre allerdings, dass große Fischfirmen die Fanggründe aufkaufen könnten und so die Kleinfischerei kaputt machen. Als Schleswig-Holsteinerin ist es mir aber natürlich auch wichtig, das Überleben der kleinen Küstenfischer sicherzustellen. Denn ohne die möchte ich mir die Fischerei im Norden und Osten Deutschlands nicht vorstellen. Ich gehe deshalb davon aus, dass wir an dieser Stelle werden nachbessern müssen.
European Circle: Was bedeute eine Veränderung bei der Rückwurfpraxis?
Rodust: Jedes Jahr werden weltweit 7,3 Millionen Tonnen Fisch ins Meer zurückgeworfen. Der größte Teil stirbt. Es ist höchste Zeit, dass wir der skandalösen Verschwendung von essbarem Fisch ein Ende bereiten. Daher begrüßen wir das vorgeschlagene und geplante Rückwurfverbot.
European Circle: Aber was sollen denn zum Beispiel die Krabbenfischer in Schleswig-Holstein mit dem Fisch anfangen, den sie nicht wollen und deswegen bisher zurück ins Meer werfen?
Rodust: Für Sonderfälle wie die Nordseekrabbenfischerei, deren Beifang zum größten Teil den Rückwurf überlebt, werden wir über Ausnahmeregeln reden müssen.

- Jährlich werden weltweit 7,3 Millionen Tonnen Fisch ins Meer zurückgeworfen. Der größte Teil stirbt. (Foto: sabine schmidt / pixelio.de)
European Circle: Bisher wurde der Fischfang von der Bürokratie in Brüssel so geregelt, als ob man ein Netz über alle Fischer werfen würde. Egal ob großer oder kleiner Fisch im Netz hängen bleiben soll. Soll das geändert werden?
Rodust: Ja, wichtig ist ein Mentalitätswechsel auf allen Ebenen. Die EU-Kommission hat begriffen, dass nicht jede Netzmaschenweite, jedes Fisch-Mindestmaß und jedes Schutzgebiet in Brüsseler Bürotürmen festgelegt werden kann. Ebenso ist es an der Zeit, dass Regierungen und Behörden nachziehen und begreifen, dass ohne Investitionen in wissenschaftliche Daten die Fischerei langfristig verloren ist. Auch einige Fischer müssen noch begreifen, dass sie sich wirtschaftlich ihr eigenes Grab schaufelten, wenn sie nicht mithelfen, Überfischung zu beenden.
European Circle: Was steht einer nachhaltigen Politik entgegen?
Rodust: Probleme macht bisher der Ministerrat. Die Fischereiminister der Mitgliedsstaaten hatten bisher freie Hand und haben in klassischer Kuhhandelmanier die Fangquoten viel zu hoch angesetzt. Langfristig zerstört dies die Lebensgrundlage der Fischer. Ich hoffe aber, dass wir bei der gemeinsamen Arbeit an der Reform gute und vernünftige Lösungen finden werden.
European Circle: Wie viel Fisch essen wir Deutsche denn überhaupt?
Rodust: Etwa 15 Kilogramm Fisch pro Jahr, Spanier 40 und Portugiesen essen mit 55 Kilogramm deutlich mehr.
European Circle: Welche Fische sind besonders gefährdet in den EU-Meeren?
Rodust: Vom Ausstreben bedroht ist kaum ein Fisch, aber zu kleine Fischbestände sind nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein ökologisches Problem. Fische erfüllen wichtige Funktionen in ihrem Ökosystem. Richtig ans Eingemachte geht es beim Roten Thunfisch und beim Aal. Der Rote Thunfisch ist angesichts seines enormen Wertes - ein einzelnes Tier kann bis zu 100.000 Euro erzielen - ein bevorzugtes Ziel für die organisierte illegale Fischerei. Der Aal kämpft nicht nur mit Überfischung, sondern auch mit Wasserkraftwerken und anderen Hindernissen in Flüssen, die ihm den Weg zu seinen Laichplätzen im Atlantik versperren. Für mich ist ganz entscheidend, dass wir die Chance, die diese Reform uns bietet, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Eine gute Fischereipolitik wird es aber nur geben, wenn wir alle an einem Tampen ziehen. Politik und Verwaltung müssen die Fischer ins Boot holen. Denn wir machen diese Reform, damit die europäische Fischerei eine Überlebenschance hat! Spätestens 2013 soll eine grundlegende Reform der EU-Fischereipolitik vorliegen.
[PB]
(Teaserbild: Dieter Schütz / pixelio.de)









