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Russland hat gewählt
Das Ergebnis
- In der Staatsduma in Moskau konnte sich Ministerpräsident Wladimir Putin mit seiner Partei, trotz deutlicher Verluste bei der Wahl, erneut die Mehrheit sichern. (Foto: commons.wikimedia.org/Bucephalus, gemeinfrei)
Laut Wahlkommission entfallen auf die Partei des Ministerpräsidenten Wladimir Putin 238 der insgesamt 450 Mandate im russischen Unterhaus. Er hatte bisher in der Duma eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Die Kommunistische Partei (KP) belegt mit 92 Sitzen den zweiten Rang, gefolgt von der Mitte-links-Partei Gerechtes Russland (GR) mit 64 Sitzen. Die ultranationalistische Liberal-demokratische Partei (LDP) von Wladimir Schirinowski kommt auf 56 Abgeordnete. Die Abstimmung wurde von Manipulationsvorwürfen begleitet.
Auswirkungen
Welche Auswirkungen auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung Russlands werden sich aus den Wahlen ergeben? Und was bedeutet dies für die Beziehungen des Westens und insbesondere Deutschlands zu ihrem östlichen Partner? Das waren die Ausgangsfragen an diesem Morgen in der DGAP? Frau Dr. Kryschtanowskaja, war nur eine Stunde zuvor aus Moskau kommend in Berlin gelandet und brachte die neusten Erkenntnisse mit. Ihre Antworten waren klar, auch wenn sie mit einer rhetorischen Frage begann: “Putin und seine Partei haben die Mehrheit, aber haben sie auch einen Sieg errungen? Denn die Voraussagen waren anders. Der Partei “Einiges Russland” war eine deutlich größere Mehrheit vorausgesagt worden. Woran also lag es, dass Putin vom Volk, vom Wähler abgestraft worden ist.” Weiter sagte Frau Kryschtanowskaja: “Das russische Volk ist aufgewacht, ist sehr engagiert gewesen. Nicht auf Versammlungen, sondern im Internet. Das Volk will nicht länger Lügen und Fälschungen erdulden. Und so hat sich eine radikale Opposition im Internet gebildet.”
Internet und Fernsehen
Neben der Parteienstruktur, so die Moskauer Soziologin, haben sich zwei “unechte” Parteien gebildet. Da ist das Fernsehen, das täglich 130 Millionen Russen konsumieren. Und dann das Internet, das jetzt schon über 60 Millionen Russen benutzen. “Im Fernsehen herrscht die Regierungspartei, aber im Internet die Opposition. Und das in radikaler Form. Und die Führer der Opposition hatten über das Internet zum ersten Mal Zugang zum Volk. Und umgekehrt. Die Putin-Regierung hat gegen das Volk durch das Internet verloren. Denn die Regierung Putin hat bisher nicht mit dem Volk kommuniziert. Aber das Volk will kommunizieren. Und weil das staatliche Fernsehen die Opposition völlig verbannt hat, hat sie sich im Netz radikalisiert, ja es klang fast wie ein Aufruf zur Revolution, was da oft ablief. Die Opposition hat zur Wahl aufgerufen, hat Missstände angeprangert, hat Diskussionen entfacht. All dies hat die Regierung nicht gemacht. Und Putin wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.”
Revolution oder Veränderung?

- Moskau City, das neue Russland. Die Wahl wurde zwischen zwei "unechten" Parteien bestritten. Das kommunikationsreiche Internet übernahm dabei die Führung. (Foto: commons.wikimedia.org/NVO, CC by-sa 3.0)
Führt also jetzt diese Internet-Revolution auch zu einer wahren Revolution in der russischen Politik? Frau Kryschtanowskaja sagte abwägend: “Wie geht die Putin Partei damit um? Tatsache ist, dass die Wahl einigermaßen korrekt ablief. Bei 49 Prozent kann es keine großen Verfälschungen geben. Das, was von der OSZE moniert wurde, sind Vorkommnisse, die aber den Schluss einer Wahl-Fälschung nicht zulassen. Putin muss sich also nach diesem Ergebnis neu ausrichten. Er muss lernen, mit Niederlagen umzugehen. Und das ist die Frage, wie er das machen wird. Und hier setzt dann auch die Frage an, wie wird sich die neue Regierung bilden? Putin braucht eventuell einen Partner, das wären dann die Kommunisten. Richten sie sich dann gemeinsam neu aus, eventuell mit einer neuen gemeinsamen Partei? Wie wird das Verhältnis zum Westen, nach Asien sein werden?”
Der Mittelstand
DGAP-Russland Experte Alexander Rahr, der die Veranstaltung moderierte, warf ein, dass es inzwischen in Russland einen Mittelstand gebe, der keine Revolution wolle, sondern Rechtssicherheit, gute Geschäfte, gute Infrastruktur und der vor allem das Internet nutze. Daher müsse sich Putin mit den anderen so einigen, dass Russland auf dem Wege zur Modernisierung gut vorankomme.
Deutsche Wirtschaft

- Ministerpräsident Wladimir Putin muss sich nach der Wahl neu ausrichten und benötigt vielleicht einen Koalitionspartner. (Foto: commons.wikimedia.org/Kremlin.ru, CC by 3.0)
Das eben bejahte Rainer Lindner vom Ostausschuss der deutschen Wirtschaft. “Ich bin schon sehr überrascht, was da am Sonntag geschehen ist”, sagte er. “Immerhin gab es kaum Fälschungen. Das war schon einmal sehr ungewöhnlich. Nach meiner Ansicht hat Russland daher die ersten freien Wahlen gesehen. Aus der bisherigen gelenkten Demokratie ist eine kaum lenkbare Demokratie geworden. Russland zu regieren, wird schwerer werden. Deutlich erkennbar ist, dass die Wahl im Internet entschieden wurde. Und auch im Internet geführt wurde. Die Frage ist jetzt, wie wird Putin darauf bei den Präsidentschaftswahlen 2012 reagieren? Ganz wichtig für uns als deutsche Wirtschaft ist auch die Erkenntnis, dass das Volk genug hat von den Propagandatricks der Regierung. Das Volk blieb den Wahlen fern bzw. engagiert sich im Netz gegen die Regierung. Das ist wie im Westen und das halte ich auch für einen Trend der Normalisierung. Und es gibt noch eine Erkenntnis: Putin funktioniert nicht mehr wie ein Magnet. Das gibt ihm zu denken. Dadurch beginnt jetzt auch eine Dezentralisierung der Macht. Dadurch wird ein Mehrparteien System entstehen. Außenpolitisch wird sich Russland umorientieren, mehr nach Asien hin. Europa bleibt aber wichtig. Die Positionierung russischer Kriegsschiffe vor Syrien sollte uns schon zu denken geben. Ein Einsatz, wie in Libyen wird dadurch unmöglich. Vor allem aber wird die neue Regierung durch den Beitritt zur Welthandels-Organisation WTO am 1.1. 2012 gezwungen sein, die Märkte zu öffnen. Das führt dann auch zur “Verrechtlichung” des ganzen politischen Systems. Und das wiederum zur stärkeren Beachtung der Menschenrechte.”
Präsidentenwahlen 2012
Einig waren sich alle auf dem Podium: Russland wird auch unter einer neuen Regierung und einem neuen Präsidenten ab 2012 seine Modernisierungs-Partnerschaft mit dem Westen und Deutschland sehr ernst nehmen, gleichzeitig aber die euroasiatische Politik vorantreiben. Wie stark dabei das Militär wieder eingebunden wird, ist eine offene Frage. Russland will auf jeden Fall eine stärkere internationale Beteiligung. Das geht nicht ohne das Militär. Lindner: “Russland ist schon jetzt auf allen Gebieten für uns ein wichtiger Partner. Nicht nur auf dem Gebiet der Energie. Russland ist dabei, seine Sozialpolitik deutlich zu verbessern. Europa und Russland arbeiten auf vielen Gebieten schon eng zusammen. Und das wird noch stärker werden.” Die letzte Frage bleibt vorerst noch unbeantwortet: ”Wird Putin nächstes Jahr Präsident werden, oder greift er schon vor Ende 2011 nach der Macht?” Der Kreml bleibt spannend.
[PB]









