Donnerstag, 12. Januar 2012

Von: KS

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Euro | EU | Angela Merkel | Nicolas Sarkozy | Mario Monti | EU-Rettungsschirm
In Europa wachsen die Ressentiments gegenüber Deutschland

Die Nachbarn sprechen von Intoleranz

"Merkozy"
Angela Merkel als Wortführerin? In der EU wird das nicht gern gesehen. (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)

Auf dem Videoportal You Tube ist im Internet derzeit ein Filmchen der Renner, das eine Parodie des uralten "Diner for one" ist, was Jahr für Jahr zu Silvester Hunderttausende von Fernsehzuschauern beglückt. Darin bedient der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy als Butler James Bundeskanzlerin Angela Merkel als Miss Sophie. Die unsichtbaren Gäste am Tisch sind die Ministerpräsidenten maroder europäischer Staaten. Der Sketch ist zwar unter der Überschrift "Der 90. Rettungsgipfel oder Euros for No One" vom ARD-Morgenmagazin produziert worden – aber er erfreut sich inzwischen weit über Deutschlands Grenzen hinaus großer Beliebtheit. Vor allem in Frankreich. Mit bitterem Beigeschmack. Wird doch der Präsident der Grand Nation als Merkels Leibdiener (im wahrsten Sinne des Wortes) dargestellt.

Angela Merkel als wehrhafte Germania

Denn Angela Merkel als dirigierende Gastgeberin mit einem eilfertigen Butler Sarkozy bedient Ressentiments, die sich in Europa verstärken. In Italien beispielsweise wird die Kanzlerin inzwischen "la colonna" genannt, was in schlichter Übersetzung zwar lediglich "die Säule" heißt, aber im europäischen Kontext etwas Bedrohliches impliziert. So, wie die in südeuropäischen Ländern wieder aus der Schublade geholten Karikaturen, die Angela Merkel in Ritterrüstung zeigen, das Schwert in der hochgestreckten Hand: Das ist die wehrhaft-gefährliche Germania. Solche Tendenzen zeigen sich in allen südeuropäischen Ländern – von Portugal bis Griechenland. Schon vor einem knappen Jahr entlud sich dies beispielsweise in Athen. In die Proteste gegen erste Sparkurse der griechischen Regierung mischten sich Ressentiments gegen die Europäische Union und der Vorwurf, vor allem Deutschland sei schuld daran, dass auf die Griechen harten Zeiten zukamen. Auf Demonstrationen wurden mit Hakenkreuzen verunstaltete EU-Fahnen mitgeführt und Anti-Merkel-Parolen skandiert. Die traditionelle Liebe der Griechen zu den Deutschen schien in Hass umzuschlagen.

"Monti, was erbittest Du in Deutschland?"

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich inzwischen auch in Italien ab. Das vom amtierenden Ministerpräsident Mario Monti erstaunlicherweise durch Parlament und Senat gebrachte 25-Milliarden-Sparpaket wurde auf der Straße wütend mit den Worten quittiert: Italien muss jetzt Europa sanieren. Eine Logik, die zwar alle Tatsachen auf den Kopf stellt, die aber beispielsweise auch von einer der bisherigen Regierungsparteien, der Lega Nord, mit Fleiß kolportiert wird. So wird Misstrauen gesät. Als Regierungschef Monti am 11. Januar 2012 zu politischen Gesprächen mit der Kanzlerin nach Berlin reiste, gab er zuvor der Tageszeitung "Die Welt" ein Interview. Das fand in Italien breites Echo. Der zweitgrößten Zeitung des Landes, die in Mailand erscheinende "La Repubblica" war es die Aufmachung wert – allerdings mit der bang klingenden, in Frageform gekleideten Schlagzeile: "Monti: Was erbittest Du in Deutschland?"

Berlin als "Anführer der Intoleranz"?

Germania
Das Bild einer Angela Merkel als wehrhaft-gefährliche Germania verstärkt sich vor allem in südeuropäischen Ländern. (Foto. commons.wikimedia.org/Olllli, CC by-sa 2.5)

Die zusammenfassende Darstellung dieses Interviews in der italienischen Presse spricht insgesamt Bände. Denn hervorgehoben wurde zuvorderst die Klage Montis, dass es trotz aller Sparbemühungen, trotz aller Opfer der Italiener, "kein Entgegenkommen der EU" gebe. Hier fuhr der ehemalige EU-Kommissar schweres Geschütz auf: "Wenn es für die Italiener in absehbarer Zeit keine greifbaren Erfolge ihrer Spar- und Reformbereitschaft gibt, wird in Italien ein Protest gegen Europa entstehen, auch gegen Deutschland, das als Anführer der EU-Intoleranz gilt".

"Merkozy" – ein negativ belegter Begriff

Insgesamt, das Ausland sieht, dass die von Sarkozy und Merkel vor allem seit Mitte 2011 gefassten Beschlüsse zur Euro-Sanierung oft als verbindlich galten auf Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs und meist nur noch abgesegnet werden mussten oder sollten. Dieser Führungsanspruch, den Berlin auch gegenüber Paris immer stärker für sich reklamiert hat, fand naturgemäß geteilte Resonanz. Deutschland und auch Frankreich als "große Player" bewirken die Furcht kleinerer EU-Mitgliedstaaten, an Souveränität einzubüßen. Und weiter: Dass die Europäische Kommission wie das EU-Parlament an Bedeutung verlieren könnten. Die "Koalition" Merkel-Sarkozy hat inzwischen den Spitznamen Merkozy erhalten. Er ist weithin negativ belegt.

[KS]

(Teaserbild: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)