Donnerstag, 19. Januar 2012

Von: SC

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Amerikanischer Wahlkampf | Barack Obama | Mitt Romney | Europa | Christoph von Marschall | Schwarzkopf Stiftung | Schwierigkeiten | Chancen
USA: Wahlen 2012

Ist Obama noch zu retten?

Obama
Kann Barack Obama die Präsidentschaftswahlen 2012 wieder für sich entscheiden? (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2010)

 Als Christoph von Marschall den Raum betritt, nimmt keiner der Anwesenden Notiz von ihm. Vielleicht liegt es an seinem unscheinbaren Äußeren, vielleicht aber auch daran, dass sein Gesicht nicht sehr bekannt ist. Dabei spielt der 52-jährige eine bedeutende Rolle bei der Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf. Christoph von Marschall ist der einzige deutsche Korrespondent in Amerika, der gelegentlich Zugang zum Weißen Haus bekommt.
An diesem Abend referiert er in der Schwarzkopf Stiftung in Berlin über Obamas Chancen bei den Wahlen im November wiedergewählt zu werden. Unser Reporter Stefan Czimmek war für The European Circle dabei.

Politikbegeistertes, junges Publikum

Der enge, aber gemütliche Saal der Schwarzkopf Stiftung in Berlin Mitte ist gut gefüllt. Viele Jugendliche sind gekommen. Von einer politikverdrossenen, jungen Generation ist nichts zu spüren. Im Gegenteil - bereits vor dem Vortrag wird über das amerikanische Wahlsystem, Obamas Chancen wiedergewählt zu werden und die derzeit laufenden Vorwahlen der republikanischen Kandidaten diskutiert, von denen einer am Ende des Jahres gegen Barack Obama antreten wird. Die jungen Leute scheinen zu wissen, dass Amerika anders tickt als Europa. Sie wissen, dass die Republikaner in Amerika ebenfalls Chancen auf einen Wahlsieg haben. Auch wenn die Umfragewerte von Obama sowohl in Europa als auch in Amerika seit der gewonnenen Wahl 2009 stark gesunken sind, möchte sich hier kaum einer der Anwesenden in der Schwarzkopf Stiftung mit einem republikanischen Präsidenten anfreunden. Zu stark sind noch die Erinnerungen an den in Europa so unbeliebten Präsidenten George W. Bush.

Die vielen Gesichter Amerikas

“Wer von euch war schon mal in Amerika?”, beginnt von Marschall seinen Vortrag. Einige Hände gehen hoch. “Wer von euch war schon mal in New York?”. Wieder einige Hände. “Wer in San Francisco?”. Erneut heben sich Fingerspitzen. Amerika ist ein beliebtes Reiseziel. Ob zum Urlaub, Schüleraustausch oder Auslandssemester, die Vielfalt der amerikanischen Staaten zieht viele Jugendliche und Erwachsene nach Übersee. “Aber, wer war schon mal in Nebraska?”, fragt von Marschall weiter. Die Hände bleiben unten. “Wer war schon mal in Iowa?”. Wieder keine Hände. Ein selbstsicheres Lächeln huscht über sein Gesicht. Es ist offensichtlich, dass er dieses Ergebnis erwartet hat. 

Iowa - Stimmungstest für die Vorwahlen

Iowa
Der nördlich gelegene US-Bundesstaat wird der erste Abstimmungsstaat bei den Vorwahlen sein. (Foto: commons.wikimedia.org/Ashton B Crew, CC BY-SA 3.0)

Enthusiastisch beginnt er Fotos von ihm mit amerikanischen Politikern zu zeigen. Häufig ist Barack Obama darauf zu sehen, teilweise gemeinsam mit von Marschall. Er zeigt aber auch Fotos, auf denen er nicht nur in den “beliebten” Staaten gewesen ist, sondern auch seltenen Reisezielen wie Nebraska und Iowa einen Besuche abstattete. “Um hierher zu kommen, muss man auch mal in der Mitte des Landes landen, anstatt von einer zur anderen Küste zu fliegen”, erklärt von Marschall. Auf einem Foto sieht man einen Mann hinter einem Grill. Er grillt Truthahnkeulen. Im Hintergrund befindet sich ein Schild: Iowa steht darauf. Der nördlich gelegene US-Bundesstaat ist der erste Abstimmungsstaat bei den Vorwahlen. Die Vorwahl gilt als wichtigster Stimmungstest für die weiteren Wahlen. In Iowa beginnen die Geschicke der Präsidentschaftskandidaten. In diesen Staate werden Meinungen vertreten wie: “Obama war ja nur Sozialarbeiter. Er weiß nur wie man Geld ausgibt, was andere verdient haben”, (Mitt Romney, früherer Gouverneur von Massachussets). Eine typisch republikanische Einstellung. Für Europäer ist das kaum nachvollziehbar und darum gibt von Marschall einen Crashkurs zur amerikanischen Mentalität. 

Unterschiedliche Mentalitäten

In den letzten sieben Jahren, die von Marschall als Korrespondent in den USA gelebt hat und für den Tagesspiegel berichtete, lernte er viele verschiedene Meinungen und Lebensweisen der Amerikaner kennen und zu verstehen. Zweifelsohne gibt es große Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Insbesondere bei der Mentalität. Während bei uns der Umweltschutz eine große Rolle spielt, ist bei den Amerikanern ein Bewusstsein darüber kaum vorhanden. Ebenfalls schwer nachvollziehbar ist, warum die Amerikaner sich so sehr gegen eine gesetzliche Krankenversicherung wehren.
Der Grund ist die Sichtweise, die ein Amerikaner auf den Staat hat. Bezogen auf die Krankenversicherung ist die Meinung weit vertreten, dass jeder das Recht auf eine Krankenversicherung hat, aber keiner vom Staat dazu zwangsverpflichtet werden darf. “Die Gesundheitsfrage in Amerika ist keine Sicherheitsfrage, sondern eine Freiheitsfrage”, erklärt von Marschall. “Die Amerikaner finden Staat und Regierung schlecht und organisieren ihre Sachen lieber selbst”, fügt er hinzu.

Unpopuläres Wahlprogramm begeistert

So verwundert es auch nicht, dass regierungskritische Präsidentschaftskandidaten wie Ron Paul (Ronald Ernest Paul, Republikaner) steigende Umfragewerte verbuchen können. Und das bei einem Wahlprogramm, welches vorsieht, verschiedene Ministerien, wie beispielsweise das Bildungs- und Umweltministerium, abzuschaffen, die Regierung drastisch zu verkleinern und Gold als Währung einzuführen. Erstaunlicherweise kann der 76-jährige mit diesem Wahlprogramm insbesondere junge Leute begeistern. 

Hohe Eigenverantwortung der Amerikaner

Die Bevölkerung der USA sieht sich selbst in der Verantwortung, um das eigene Wohl zu bemühen. (Foto: commons.wikimedia.org/BrokenSphere, CC BY-SA 3.0)

Wofür brauchen wir eigentlich Regierungen? Kurz zusammengefasst: Um den Staat am Laufen zu halten. Die Amerikaner sind dabei deutlich strenger als die Europäer. Sie sehen sich selbst in der Verantwortung, um das eigene Wohl zu bemühen. Der Staat sollte die organisatorischen Rahmenbedingungen schaffen, sich jedoch nicht an der Freiheit des einzelnen bevollmächtigen. Das zeigt sich zum Beispiel in der Spendenbereitschaft der Amerikaner: In Amerika wird zehnmal so viel gespendet wie in Deutschland. Von dem Geld werden Schwimmbäder, Opernhäuser, Kindergärten und andere Einrichtungen gebaut und unterhalten. Wer Geld hat fühlt sich moralisch dazu verpflichtet etwas an die Gesellschaft zurückzugeben. In Deutschland wäre das in dieser Form nicht denkbar. “Hier verlässt man sich eher auf den Sozialstaat”, meint von Marschall. 

Mutterschutz

Ein weiteres Beispiel für den Drang sich selbst zu organisieren, ist die Solidarität untereinander. Christoph von Marschall erzählt von den Erfahrungen die er gemacht hat, wenn er Amerikanern vom Mutterschutz in Deutschland erzählt. Sechs Wochen vor der Geburt und acht Wochen nach der Geburt darf eine Frau zu Hause bleiben. “Die Amis schütteln den Kopf darüber”, so von Marschall. In Deutschland zahlt die Krankenversicherung diese Ausfälle. Wenn Amerikaner das hören fragen sie: “Warum? Kinder kriegen ist doch ein Glück und keine Krankheit!” Lacher im Saal. 

Starke Solidarität

Natürlich gibt es Härtefälle, in denen eine Frau das Haus nicht verlassen kann. In einem solchen Fall wird ein betriebsinterner Aufruf gestartet, wer seine Urlaubstage spenden möchte. Von Marschall hat es selbst erlebt, dass Arbeitskollegen seiner Frau ihren Urlaub für eine andere Arbeitskollegin spendeten. “Könnten sie sich vorstellen, dass jemand in Deutschland auch nur einen Urlaubstag spendet? Niemals. Das ist undenkbar.” Während er das erzählt, werden seine Augen etwas feucht. Man merkt ihm sichtlich an, wie sehr in die gesellschaftliche Solidarität in Amerika berührt.
Auch in der Politik spiegelt sich diese Mentalität wieder. Zum Beispiel wenn es darum geht, sich als Wahlkampfhelfer zu engagieren. In Amerika ist das freiwillige Engagement eine Selbstverständlichkeit und bringt für Bewerber im Lebenslauf Pluspunkte beim Arbeitgeber. “In Deutschland würde das keiner machen”, mutmaßt von Marschall.

Erwartungen und Hoffnungen

Weiße Haus
Sollte die Rettung Europas scheitern, würde Obama wohl nich mehr wiedergewählt werden. (Foto: commons.wikimedia.org/UpstateNYer, CC BY-SA 3.0)

Wenn es um die politischen Handlungen geht, ist für uns Europäer die amerikanische Außenpolitik wichtig, für die Amerikaner eher die Innenpolitik. In Europa haben wir alleine aufgrund unserer Mitgliedschaft in der EU eine ganz andere Sichtweise. In Zeiten der Immobilien- und Wirtschaftskrise messen die Amerikaner Themen wie Guantanamo und dem Klimawandel keine große Bedeutung bei. Für sie zählt nur eins: Der Arbeitsmarkt. Und dafür soll Obama kämpfen. “Barack Obama ist ein innen- und wirtschaftspolitischer Präsident”, erklärt von Marschall. Mit hohen Erwartungen wurde er damals ins Amt gewählt. Die Hoffnung: All das was Bush zerstört hat, wieder gut zu machen. Eine unrealistische Mammutaufgabe. “Für einen amerikanischen Präsidenten hat Obama aber bereits sehr viel erreicht”, so von Marschall.

Was zählt ist der Arbeitsmarkt

Aufgrund der gegenwärtigen Situation hat sich in den Präferenzen der Bevölkerung jedoch etwas geändert. Die gängige Meinung ist: “Obama macht zu viel oder das Falsche”, erläutert von Marschall. Das amerikanische Volk will, dass das Wahlprogramm hinter die Bekämpfung der Wirtschaftskrise tritt. “Zurzeit gibt es drei wichtige Themen für den amerikanischen Bürger: 1. Wirtschaftskrise, 2. Wirtschaftskrise und 3. ich denke sie wissen, was jetzt kommt”, sagt von Marschall und blickt in die Runde. Vereinzelte Lacher kommen aus dem Publikum. In Deutschland ist die Krise nicht wirklich angekommen, aber die Medien berichten täglich über die Krisenländer Griechenland, Italien und Spanien. Die meisten Zuhörer im Raum scheinen deshalb die amerikanischen Sorgen nachvollziehen zu können.

Spitzenkandidat Mitt Romney

Doch zurück zum gegenwärtigen Vorwahlkampf. Die Zustimmungswerte für den bisherigen republikanischen Favoriten Willard Mitt Romney sind schlecht. Bisher konnte er die 30 Prozent-Marke bei den Zustimmungswerten nicht knacken. Das hat verschiedene Gründe: Der ehemalige Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts gilt als etwas abgehoben und arrogant. Außerdem hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil er sich in früheren Zeiten für eine Gesundheitsreform á la Obama eingesetzt hat. Für einen Republikaner ein “No Go”- Kriterium. Außerdem hat er es bisher nicht geschafft die Basis für sich zu begeistern.
Trotzdem ist er bislang Spitzenkandidat, mit den besten Voraussetzungen das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur zu gewinnen. Einige seiner Konkurrenten liegen teilweise weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Manche, wie die konservative Republikanerin Michele Bachmann, haben das Rennen bereits aufgegeben.

Schlechte Ausgangslagen

Willard Mitt Romney
Die Zustimmungswerte für den bisherigen republikanischen Favoriten Willard Mitt Romney sind schlecht. (Foto: commons.wikimedia.org/Jessica Rinaldi, CC BY 3.0)

Die Demokraten werden im November vermutlich wieder Barack Obama aufstellen. Aber auch die Demokraten, und damit der Präsident selbst, leiden unter schlechten Umfrageergebnissen. “Obamas Umfragewerte sind konstant schlecht. Demnach würde er nicht wiedergewählt”, analysiert von Marschall. Aber: Es gibt noch einen republikanischen Gegenkandidaten und um den ist es zur Zeit nicht besser bestellt. Bezieht man sich auf die derzeitigen Umfragewerte, gibt es eine Patt-Situation zwischen Demokraten und Republikanern. Folglich wird die Wahl darüber entschieden, “wer bei den Wählern weniger Widerstand, ja, fast schon weniger Abscheu hervorruft,” meint von Marschall.
Derzeit steht es für den amerikanischen Präsidenten aber gar nicht schlecht. Eine Faustregel sagt, dass der Präsident die herrschende Figur ist und doppelt so viel Zustimmung haben sollte wie der Kongress. Dieser wird momentan von den Republikanern dominiert, hat aber weniger als ein Drittel der Zustimmung. Für die Republikaner ist das ein schlechtes Vorzeichen.

Angst vor Europa

Doch was geschieht wenn die Rettung Europas scheitern würde? “Dann wird Obama wohl nicht wiedergewählt”, so Marschall. Auch andere Themen könnten Obama auf die Füße fallen. Je mehr Menschen in Amerika arbeitslos werden, desto unzufriedener werden sie mit ihm. Sollte sich die Krise weiter verschärfen, könnte Obama auch daran scheitern.
“Die Amerikaner haben Angst vor einer Europäisierung”, erklärt von Marschall. Angst vor Veränderungen spielen dabei eine große Rolle, ebenso die vielen wirtschaftlichen und politischen Probleme, denen die EU derzeit gegenübersteht.

Neu erschienenes Buch

Zum Schluss der Diskussion, stellt Christoph von Marschall sein neues Buch “Was ist mit den Amis los? - Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben” vor, welches nun im Handel verfügbar ist. In dem Buch erklärt Christoph von Marschall “die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten.” Ein Buch also, was auf viele Punkte dieses Artikels dezidiert eingeht.

Kulturelles Verständnis

Mit vielen neuen Eindrücken und einem größeren Verständnis für die amerikanische Gesellschaft und Politik verlassen die Zuhörer nach anderthalb Stunden den Raum. Die lebhafte Erzählung hat viele gespannt zuhören lassen. Der Vortrag bot eine neue Sichtweise auf Amerika und konnte helfen das Unverständnis über die Handlungsweise der Amerikaner zu reduzieren. Vieles bleibt dennoch nicht nachvollziehbar, einige Argumente sind aus unserer Sicht auch mit einem neuen Verständnis nicht zu begreifen.
Dennoch hat es Christoph von Marschall in seinem Vortrag exzellent gemeistert, eine kulturelle Brücke zwischen Amerika und Europa zu schlagen. Nicht zuletzt durch seine mitreißende Art zu erzählen und das zu machen, was den amerikanischen Präsidentschaftskandidaten zur Zeit schwer fällt: Begeistern.

[SC]