Donnerstag, 02. Februar 2012

Von: Peter Brinkmann

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Russland | Wahlen | Wladimir Putin | Dimitrij Medwedew | Natalja Tscherkessowa
Vor den Wahlen

Moskau vor schwerer Entscheidung

Berlin – Am 04. März 2012 wählt Russland einen neuen Präsidenten. Er wird Wladimir Putin heißen. Der jetzige Ministerpräsident unter Präsident Dimitrij Medwedew tritt damit zum 3. Mal dieses Amt an, welches er bereits von 2000 bis 2008 innehatte. Die Wahl ist jetzt schon umstritten, zumal die Parlamentswahlen vom Dezember 2011 noch immer Ziel großer Demonstrationen in ganz Russland sind. So finden nahezu täglich in Moskau und anderen Städten große Massenkundgebungen gegen den Kandidaten Putin, als den mutmaßlichen Fälscher bei den Parlamentswahlen, statt. Einer der Vertreter der Opposition und Mitorganisator des Protestmarsches, Ilja Ponomarew, berichtete am 19. Januar 2012 im Haus der "Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik" (DGAP) aus erster Hand über die dramatischen Veränderungen in der russischen Politik. Dabei war auch Natalja Tscherkessowa, Generaldirektorin der unabhängigen Informationsagentur "Rosbalt" und in den 90er Jahren die Chefredakteurin der ersten liberalen Zeitung St. Peterburgs "Chas Pik". Moderiert wurde die Diskussion von Alexander Rahr, Programmdirektor des Berthold-Beitz-Zentrums in der DGAP. Der Wissenschaftler hat zu dem Thema "Putin und Russland" im Januar 2012 auch eine Analyse verfasst. European Circle - Korrespondent Peter Brinkmann fasst beides zusammen.

Russland vor dem Umbruch?

Präsidentschaftskandidat Wladimir Putin (rechts), hier mit Präsident Dimitrij Medjedew, kümmert sich nicht um die Proteste der unzufriedenen Bürger. (Foto: commons.wikimedia.org/Presidential Press and Information Office, Kremlin.ru, CC BY 3.0)

Das Volk rumort in Russland. Nach den Parlamentswahlen gingen Tausende auf die Straße. Ministerpräsident Wladimir Putin und Präsidentschaftskandidat für die Wahlen im März kümmerte das nicht. Er beschimpfte die Demonstranten in einer Fernsehansprache. Anders Präsident Dimitrij Medjedew. Er versprach demokratische Reformen und hat offenbar die Lage besser erkannt als sein Vorgänger und wohl bald auch Nachfolger im Amte. Denn der junge russische Mittelstand fordert vom Kreml mehr Demokratie. Und so versprach Dimitrij Medwedew folgerichtig eine Liberalisierung des politischen Systems. Nun haben die Demonstranten einen prominenten Unterstützer gewonnen: Der ehemalige Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, forderte, dass man das Volk über eine Verfassungsreform abstimmen lässt. Ein Wechsel des Personals genüge nicht. Zehntausende Demonstranten wollten nicht nur einen Wechsel von Personen, sondern auch eine Änderung des politischen Systems, schrieb der frühere Sowjetpräsident in einem Beitrag für die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta".

Und auch der Koordinator für die deutsch-russische zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit, Andreas Schockenhoff, zeigt sich besorgt. Am 26. Januar 2012 teilte er mit: "Die Berichte über neue Schikanen gegen die unabhängige russische "Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte der Wähler - GOLOS" erfüllen mich mit ernster Sorge. Nach den Unregelmäßigkeiten bei den jüngsten Duma-Wahlen hat die russische Führung angekündigt für einen korrekten Ablauf der Präsidentschaftswahlen zu sorgen. Die Wahlbeobachtung durch GOLOS ist dafür sehr nützlich. Dem widerspricht die vorzeitige Kündigung der Moskauer Arbeitsräume von GOLOS und neuer Druck auf regionale Abteilungen ihrer Zeitschrift. Eine freie und unabhängige Wahlbeobachtung gehört zu den Kernelementen europäischer und internationaler demokratischer Standards. Zu diesen Standards ist Russland durch seine Mitgliedschaft in internationalen Organisationen wie der OSZE und dem Europarat verpflichtet. Es ist zwar ein gutes Zeichen, dass die OSZE/ODIHR die Möglichkeit hat, die Präsidentschaftswahlen zu beobachten. Das Vorgehen gegen GOLOS lässt jedoch Zweifel aufkommen, ob die russische Führung wirklich an einem korrekten Ablauf der Wahlen interessiert ist. Nur durch transparente Wahlen kann die russische Führung der wachsenden Entfremdung zwischen Staat und Gesellschaft entgegenwirken. Voraussetzung für neues Vertrauen ist ein Dialog mit der Zivilgesellschaft. Dafür dürfen zivilgesellschaftliche Akteure nicht weiter diskreditiert, sondern müssen als Partner des Staates anerkannt werden."

Russischer Frühling?

Im Westen wurden die Protestkundgebungen in Moskau und anderen russischen Städten schon mit den Aufständen des arabischen Frühlings verglichen. Doch wie homogen ist die russische Opposition tatsächlich? Welche politischen Ziele verfolgt sie? Das waren die Grundfragen in der DGAP. Alexander Rahr, Russland-Experte der DGAP, machte in seiner Eröffnungsrede deutlich, dass Putin vor einer Entscheidung stehe: entweder einen Dialog beginnen – oder die Proteste durch Schweigen weiter anfachen.

Proteste in Russland

Natalja Tscherkessowa
Natalja Tscherkessova erwartet keinen radikalen Umbruch. Sie rechnet allerdings mit einer allmählichen Entwicklung einer aktiveren Zivilgesellschaft. (Foto: Peter Brinkmann)

Sowohl der Oppositionelle, Ilja Ponomarev, wie auch die Journalistin, Natalja Tscherkessova, erwarten keinen radikalen Umbruch – wohl aber die allmähliche Entwicklung einer aktiveren Zivilgesellschaft. Motor der Proteste sei der neue russische Mittelstand, sagte Ilja Ponomarev, Oppositionspolitiker der Partei „Gerechtes Russland“ auf der DGAP-Veranstaltung. „Diese 15 Prozent waren bislang apolitisch und hielten sich aus der Politik heraus“, betonte das ehemalige Mitglied der Jugendbewegung der kommunistischen Partei. Doch dann habe Putin einfach gesagt: „Lasst die Hoffnung fahren! Ich komme für zwölf Jahre zurück. Und wir können noch zwölf dranhängen.“ Das, so Ponomarev, habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Auf die Straße strömte überwiegend eine junge, gut ausgebildete urbane Mittelschicht. Doch der Protest hat auch eine soziale Dimension, wie die Gründerin der ersten liberalen Zeitschrift des damaligen Leningrad, Natalja Tscherkessowa, erläuterte: „Knapp 60 Prozent der Bürger sind arm, finden oft keine Arbeit, sind medizinisch schlecht versorgt und haben kaum Bildungschancen.“ Das trifft vor allem auf die ländliche Bevölkerung zu, die zaghaft beginnt, ihren Unmut zu äußern – ein Novum im postsowjetischen Russland. Zudem lasse die Regierungspartei „Einheitliches Russland“ die Bürger in den moralischen Abgrund blicken: „Diejenigen, die in den Wahllokalen die Fälschungen begangen haben, sind Menschen des öffentlichen Lebens, Lehrer zum Beispiel. Ein solches Handeln in der breiten Bevölkerung zu fördern untergräbt die Fundamente eines jeden Staates“, sagte Tscherkessowa.

Opposition ohne Kopf

Ilja Ponomarev sieht die nächsten Schritte klar vor Augen: "Wir müssen zeigen, dass wir immer mehr werden." Ob sich das mit einer, wie er betont, "apolitischen Opposition ohne klares Zentrum" bewerkstelligen lässt, bleibt fraglich. Dementsprechend skeptisch fragte die Europaabgeordnete der Grünen, Marie-Luise Beck: "Kann die Macht mit einer solch amorphen Bewegung nicht relativ leicht umgehen?" Eine nationale Plattform würde wohl rasch an ihren inneren und regional bedingten Widersprüchen zerbrechen, entgegnete Ponomarev. Doch mit dem "alternden Diktator" Putin an der Staatsspitze und dem zu einem "Komma im Text der russischen Geschichte" (Tscherkessowa) degradierten Medwedew als Juniorpartner an dessen Seite, bestünde die erhebliche Gefahr eines politischen Stillstandes. Damit wiederum war Volker Rühe, Bundesminister a.D., nicht einverstanden: "Da werden Sie Medwedew nicht gerecht. Auch wenn er wenige gesetzliche Veränderungen eingebracht hat, so hat er doch den ganzen freiheitlichen Diskurs in Russland neu belebt."

Protestbewegung ohne Zukunft?

Hat die Protestbewegung eine Zukunft, kann sie nachhaltige Veränderungen bewirken? Abschließend beantworten ließ sich diese Frage nicht. Vieles hängt davon ab, ob es weitere Wahlfälschungen bei der Präsidentschaftswahl am 04. März geben wird. Putin könnte durchaus die nötigen 50 Prozent im ersten Wahlgang verfehlen. "Dann wird er Koalitionen mit dem liberalen Lager schmieden müssen", sagte Rahr. "Das wäre nicht schlecht für die russische Demokratie."

Russland zwischen Restauration und Modernisierung

In einer Untersuchung für die DGAP, auf die Alexander Rahr in eigener Sache hinwies, hatte der Russland-Experte Nummer 1 in Deutschland schon zwei Szenarien aufgestellt und sagte: "Putin wird es mit einer Mischung aus Kontinuität und Modernisierung versuchen. Anknüpfend an seine zweite Amtszeit könnte der kommende Präsident den Weg einer "autoritären Modernisierung", also einer weiteren Stärkung des Staates und der Geheimdienste, beschreiten. Pessimisten warnen gar, es gehe ihm nur um seinen persönlichen Machterhalt. In diesem Szenario würde das staatskapitalistische Wirtschaftssystem ausgebaut – was allerdings Investoren verunsichert. Zudem würde man dadurch den Beitritt zur Welthandelsorganisation gefährden. Der Regierung Medwedew käme die undankbare Rolle zu, unpopuläre soziale Einschnitte durchzuführen."

Außenpolitik

Demo
Die Präsidentschaftswahl ist jetzt schon umstritten, zumal die Parlamentswahlen vom Dezember 2011 noch immer Ziel großer Demonstrationen in ganz Russland sind. (Foto: commons.wikimedia.org/Bogomolov.PL, CC BY-SA 3.0)

Außenpolitisch könnte Putin auf Konfrontationskurs mit dem Westen gehen, sich mit Washington wegen der Raketenabwehr endgültig überwerfen, in einen teuren Rüstungswettlauf eintreten, gemeinsam mit China westliche Sanktionsregime unterminieren und die Rivalität um die Kontrolle im postsowjetischen Raum, vor allem in der Ukraine und Zentralasien, verschärfen. Mit der Europäischen Union birgt vor allem die Schaffung eines gemeinsamen europäischen Gasmarktes Konflikte.

Optimisten hoffen auf ein anderes Szenario: Der neue Putin wird demnach kein engstirniger Restaurator, sondern ein Modernisierer, der demokratische Gouverneurs- und Föderationsratswahlen wieder einführt, liberal gesinnte Minister akzeptiert und Geheimdienstler von der Macht fernhält. Dimitrij Medwedew würde als Premier mit der Modernisierung der Wirtschaft beauftragt. Der Westen und die ausländischen Investoren wüssten das zu schätzen. Insgesamt würde das internationale Konfliktpotenzial schwinden, Russland eine Freihandelszone mit der EU aushandeln und in Fragen der Sanktionen gegen Iran und Syrien an der Seite des Westens stehen. Schließlich, so wird argumentiert, führte Putin in seiner ersten Amtszeit 2000 bis 2004 die liberalsten Wirtschaftsreformen der jüngeren russischen Geschichte durch, gab dem Land eine Sozialgesetzgebung, half durch diese Politik entscheidend, den Lebensstandard der Bevölkerung um ein Vielfaches zu heben und ging eine strategische Partnerschaft mit dem Westen ein.

Wachsende Mittelschicht

Ein Blick auf die Entwicklung der russischen Gesellschaftsstruktur kann Antwort auf die Frage geben, welchen Kurs ein erneuter Präsident Putin einschlagen wird. In den vergangenen Jahren hat sich in Russland ein moderner Mittelstand entwickelt, der heute bereits 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung ausmacht und sich bald kaum noch vom westeuropäischen Bürgertum unterscheidet. Diese neue Mittelschicht erfreut sich bürgerlicher Rechte, die keine Generation von Russen vor ihr besaß, verfügt über Privatbesitz und ist konsumorientiert. Früher konnte Putin mit Slogans wie „Russland wird sich von seinen Knien erheben“ eine große Anhängerschaft gewinnen. Für die kommenden Jahre knüpft die Mittelschicht an den Präsidenten viel konkretere Erwartungen, die vor allem auf den Wunsch nach einem höheren Lebensstandard ausgerichtet sind. Wenn die russische Politik die in sie gesetzten hohen Erwartungen nicht erfüllt und es etwa zu einer längeren wirtschaftlichen Stagnation kommt, könnte sie in einigen Jahren mit denselben Problemen konfrontiert sein wie die heutigen autokratischen Regime in der arabischen Welt.

Regionale Wirtschaftsintegration

Außenpolitisch hat Russland just zum zwanzigsten Jahrestag des Zerfalls der Sowjetunion den Versuch unternommen, ein Reintegrationsmodell für die ehemaligen Sowjetrepubliken zu schaffen. Aufbauend auf der bereits bestehenden Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Belarus wurde eine weitere Integrationsvereinigung – die "Eurasische Union" – aus der Taufe gehoben. Sie soll noch durch den Beitritt der Ukraine gestärkt werden, die sich auf ihrem langwierigen Weg der EU-Integration in Wertekonflikten mit dem Westen verfangen hat. Die Eurasische Union hat als politische Integrationsstruktur allerdings kaum eine Entwicklungschance. An einer Neuerrichtung des russischen Imperiums haben Moskaus Nachbarstaaten kein Interesse. Auch wird dieser Zusammenschluss kaum eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik zustande bringen. In einer Zeit, in der die USA und die EU in der globalen Finanzkrise schwächeln, ist dagegen die regionale Wirtschaftsintegration für postsowjetische Staaten, die dringend billige Kredite und billiges Gas benötigen, von erheblichem praktischem Nutzen.

Außenpolitische Priorität Europa

Ilja Ponomarev
Motor der Proteste sei der neue russische Mittelstand, so Ilja Ponomarev, Oppositionspolitiker der Partei "Gerechtes Russland". (Foto: Peter Brinkmann)

Vieles deutet darauf hin, dass der künftige Kreml-Kurs eine Mischung aus beiden Szenarien wird, also zwischen einer Politik des starken Staates und notwendiger Modernisierung liegen wird. Anders als zahlreiche westliche Staaten geht Russland als einer der Gewinner aus der Finanzkrise hervor. Das Land hält die drittgrößten Währungsreserven der Welt, ist praktisch schuldenfrei, hat einen ausgeglichenen Staatshaushalt und verfügt über alle notwendigen Rohstoffe und Energiereserven, die westliche und asiatische Wirtschaften für ihr Wachstum benötigen. Russland wird versuchen, die sich wandelnde Weltordnung in seinem Sinne zu einer multipolaren Ordnung umzubauen und das Entstehen neuer Pole durch die Unterstützung regionaler oder globalwirtschaftlicher Foren und Vereinigungen wie die G20, die BRICS-Gruppe, die Gas-OPEC, die Schanghai Organisation für Zusammenarbeit und die Eurasische Union zu fördern. Die politische und wirtschaftliche Ausrichtung nach Asien könnte sich unter einem neuen Präsidenten Putin verstärken, doch der Wunsch nach einer führenden Rolle im "gemeinsamen Haus Europa" bleibt Priorität russischer Diplomatie. Der scheidende Präsident Medwedew hat es bei seinem Antrittsbesuch in Berlin 2008 deutlich gemacht: Moskau strebt eine Kohabitation zwischen der EU und Russland auf dem gemeinsamen Kontinent an.

Westen und Russland

Der Westen hält allerdings bislang wenig von einem solchen Konzept, Russland gilt nach wie vor als absteigende, nicht als aufsteigende Macht. Politische Entscheider sollten jedoch die wirtschaftlichen Modernisierungsschritte, die gesellschaftliche Transformation Russlands und dessen außenpolitische Ausrichtung genau beobachten. Russland verfügt über größere Stabilität als Europa dies im Augenblick wahrnimmt. Diese Stabilität könnte für eine von der Schuldenkrise angeschlagene EU auch jenseits einer Politik der Energiesicherheit von größtem Vorteil sein.