Mittwoch, 8. Februar 2012

Von: Peter Brinkmann

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Windkraft | Sonnenenergie | Marokko | EU | KfW | Wolf Muth | Nordafrika | Wüstenstrom | Ägypten
Deutsche Entwicklungsbank KfW

Strom aus Wind und Sonne für Europa

Berlin – Nordafrika hat viel Sonne und noch mehr Wind. Mithilfe der deutschen KfW Entwicklungsbank soll aus Wind und Sonne Strom für Deutschland und Europa gewonnen werden. European Circle-Korrespondent Peter Brinkmann sprach mit Wolf Muth, dem KfW-Projektmanager „Energie“ für die Mena-Region (Nahost und Nordafrika).
Windenergie
In Ägypten und in Marokko gibt es die besten Voraussetzungen zur Erzeugung von Windenergie. (Foto: Marcus Stark/pixelio.de)

European Circle: Mena ist ein riesiges Gebiet. Wo weht der beste Wind in Nordafrika, um daraus auch für Europa und sogar Deutschland, Strom zu machen?

Muth: In Ägypten und in Marokko. Und hier wird die Windenergie auch mächtig vorangetrieben.

European Circle: Welche Rolle spielt dabei die KfW?

Muth: Wir sind im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in der Mena-Region mit etwa einer Milliarde Euro engagiert. Diese Milliarde verteilt sich auf zahlreiche Windprojekte in Ägypten und Marokko. Außerdem haben wir dezentrale Fotovoltaik-Anlagen in Marokko finanziert. Ebenfalls in Marokko ist derzeit ein Concentrated Solar-Projekt (CSP) in der Umsetzung, das eine installierte Kapazität von 160 Megawatt haben wird. Weitere solarthermische (CSP) Projekte in Ägypten und Tunesien sind in Planung.

European Circle: Was ist der natürliche Vorteil von Marokko und Ägypten?

Muth: Wir haben in Marokko starke Winde. Insbesondere die Regionen im Norden und Osten des Landes weisen mittlere jährliche Windgeschwindigkeiten von acht bis elf Metern je Sekunde auf. Das Sahara Küstenplateau von Marokko bis nach Senegal ist der größte, dünn besiedelte sowie windigste Standort im Einzugsbereich des europäischen Elektrizitätsnetzes. Eine erwartete jährliche Produktion von mehr als 4500 Volllaststunden könnte, wie einzelne Windmessungen an manchen Standorten durch die "Sahara Wind" ergeben haben, erreicht werden. Die Größe dieses Einzugsbereichs ist beeindruckend, da die Küste über 2.000 Kilometer lang ist. Die Überlagerung von atlantischem Passat- und dem Wüstenwind der Sahara bieten ein enormes Windkraftpotenzial. Die ersten Windparks sind mit deutscher Unterstützung entstanden.

European Circle: Mit Hilfe der KfW?

Muth: Ja. So haben wir als KfW beispielsweise im Rahmen eines Pilotprojektes den ersten Windpark Marokkos in Tanger (3,5 MW) finanziert, der die Grundlage für die beiden, ebenfalls KfW mitfinanzierten Windparks "Essaouira" und "Tanger II" an der Atlantikküste bildete. Die beiden Anlagen sind seit 2007 bzw. 2010 in Betrieb und liefern seither Elektrizität. Sie verfügen über eigene Umspannstation und haben eine installierte Leistung von 60 Megawatt (MW) bzw. 140 MW.

Marokko
Ein möglicher Standort für weitere Windprojekte in Marokko. (Foto: Sahara Wind Maroc)

European Circle: Und die KfW ist weiter engagiert?

Muth: Ja, derzeit ist die KfW in die Vorbereitungen für den 150 MW Windpark "Taza" sowie bei der Strukturierung des marokkanischen 850 MW Windprogramms involviert. Der König unterstützt das Thema erneuerbare Energien stark und wir sind dabei ein wichtiger Partner. Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf 42 Prozent zunehmen. Zur Umsetzung der Strategie wird in den Bereichen Wind- und Solarenergie jeweils eine installierte Leistung von 2.000 MW geschaffen. Die Investitionen hierfür werden auf fünf Mrd. US-Dollar (Windkraft) und neun Mrd. US-Dollar (Solarenergie) veranschlagt.

European Circle: Aber lohnt sich das denn überhaupt? Ist der erzeugte Strom nicht zu teuer?

Muth: Bei den herrschenden i.d.R. stark subventionierten Energiepreisen ist Ökostrom in der Regel nicht wettbewerbsfähig. Um den erneuerbaren Energien trotzdem zum Durchbruch zu verhelfen, muss über eine zinsgünstige Anschubfinanzierung sowie Unterstützung aus dem staatlichen Haushalt, die Markteinführung dieser klimafreundlichen Zukunftstechnologien unterstützt werden. Marokko ist dazu bereit.

European Circle: Ähnlich gute Winde wehen in Ägypten..

Muth: Dort sind die Voraussetzungen für die Windkraft sogar noch besser. Starke, gleichmäßige Winde mit geringer Richtungsänderung sind hier charakteristisch. Potenzielle Gebiete liegen an der Küste vom Roten Meer sowie links und rechts des oberen Nils. Die Ägypter wollen die klimatischen Bedingungen in ihrem Land stärker nutzen: Da die ägyptischen Wasserkraftressourcen weitestgehend erschlossen sind, will das Land zukünftig sehr viel mehr Strom aus Wind- und Solarkraft gewinnen. Grundsätzlich verfügt das Land über ein enormes Windkraftpotenzial von über 20.000 Megawatt (das entspricht in etwa der Leistung von 16 Atomkraftwerken), das hierzu genutzt werden soll. Neben den günstigen Standortbedingungen für Windkraft ist auch das Potenzial für die Entwicklung der Solarenergie in Ägypten auch im internationalen Vergleich herausragend. Bis 2020 sollen rund 20 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden.

European Circle: Wo entstehen diese Windanlagen? Oder sind schon fertig?

Muth: Die Küste des Roten Meeres ist einer der weltweit besten Standorte für die Nutzung von Windenergie. Rund 400 Kilometer südöstlich von Kairo, entsteht unter Leitung der KfW aktuell der 200 MW Windpark "Golf von el Zayt". Als europäisches "Leuchtturmprojekt" gelang es erstmals,  ein innovatives Finanzierungspaket unter Beteiligung der Europäischen Kommission, der Europäischen Investitionsbank und der KfW zu schnüren. Die Leistung dieses Windparks soll ausreichen, um fast 700.000 Ägypter mit sauberer Energie zu versorgen. Weitere 440 MW an Windenergie werden durch andere Geber vorbereitet. Mit insgesamt 660 MW entsteht dort einer der größten Windparks Afrikas. Rund 120 Kilometer südlich von Suez liegt der Windpark "Zafarana", mit 700 Windrädern, einer Leistungskapazität von 550 MW und einer jährlichen Stromeinspeisung von 1.400 Gigawattstunden aktuell der größte Windpark Afrikas. Mit Hilfe der KfW wurden hiervon 150 MW realisiert. Die Anlage ist teilweise schon seit 10 Jahren in Betrieb. Ein weiterer großer Windpark ist in der Region "Golf of Suez" geplant. Auch hier wird sich die KfW an der Umsetzung eines 200 MW Windparks beteiligen.

European Circle: Wie kann Europa davon profitieren? Die KfW zahlt und wir Verbraucher schauen zu. Oder zeichnet sich schon eine Wende ab?

Muth: Wir finanzieren diese Projekte mit. Aber bei allen Initiativen und Projekten haben wir natürlich auch im Blick, dass Europa eine weniger stark von Atom und fossilen Energiequellen abhängige Stromversorgung möchte und somit Strom aus Wind, Wasser und Sonne braucht. Strom, der auch aus den Wüsten Afrikas kommen kann. Dazu gehören die schon genannten und im Rahmen der deutschen FZ (Finanziellen Zusammenarbeit) geförderten Windparks und Solarprojekte aber auch politische Initiativen wie der Mittelmeersolarplan (MSP) der EU oder privatwirtschaftliche Initiativen wie die „Dii - Desertec Industrial Initiative“. Gemeinsames Ziel ist es, die Entwicklung der erneuerbaren Energien in der Mena-Region zu fördern und umweltfreundlichen Strom zu erzeugen, mit der langfristigen Perspektive diesen aus Nordafrika nach Europa zu exportieren. Ziel der Dii ist es, dass bis zu 15 Prozent des europäischen Strombedarfs im Jahr 2050 mit Wüstenstrom aus großflächigen Solar- und auch Windkraftanlagen in der Sahara gedeckt werden.

European Circle: Die KfW ist dabei, das real werden zu lassen. Wo liegen die Probleme derzeit? Strom aus Afrika nach Europa zu bringen, erfordert eben auch neue Netze.

Muth: Es geht. Schauen Sie nach Marokko. Hier besteht bereits eine Stromleitung über die "grüner" Strom nach Europa exportiert werden könnte. Aktuell werden die Optionen für solch einen Export geprüft. Die finanziellen Herausforderungen für den "Strom aus der Wüste" sind aber gewaltig. Den erforderliche Ausbau des Stromnetzes gibt es nicht zum Nulltarif. Die öffentlichen Geber wie die KfW können hier nur die Entwicklung anschieben. Ohne ein Engagement des privaten Sektors und entsprechende Rahmenbedingungen seitens der EU wird diese Vision nicht realisierbar sein. Aber wenn Gaspipelines quer durch die Ostsee realisiert werden können, wieso dann nicht auch Stromleitungen durch das Mittelmeer?
Schauen wir nach Libyen. Da beginnt die Entwicklung jetzt erst. Hier könnte ich mir ganz persönlich eine Leitung nach Sizilien und damit eine Anbindung an das europäische Stromnetz vorstellen. Libyen hat wie seine Nachbarstaaten ein großes Potenzial an Wind- und Solarkraft. Aufgrund seiner Öl- und Gasvorkommen verfügt das Land über nicht unerhebliche eigene finanzielle Mittel. Libyen wäre daher in der Lage die Entwicklung der erneuerbaren Energien sehr viel stärker aus eigener Kraft voranzutreiben, als es seinen Nachbarn möglich ist.

European Circle: Und die Rolle der EU?

Muth: Die vorhandenen wirtschaftlichen Verbindungen der EU mit den Mittelmeerländern sind geeignet, dieses Potenzial an Wind- und Solarenergie zu einem der Hauptansatzpunkte einer nachhaltigen, wirtschaftlichen Entwicklung der Region zu machen. Die Nähe beider Kontinente ermöglicht die Erschließung bedeutender, erneuerbarer Energiepotenziale. Daher könnte der steigende Energiebedarf Europas gedeckt und gleichzeitig die Industrialisierung Nordafrikas gefördert werden.

European Circle: Wird dies politisch unterstützt?

Muth: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrem Video-Podcast vom 3. Dezember 2011 Fragen dazu beantwortet. Und ging auf Strom aus der Wüste ein. Auch der EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, ist ein großer Befürworter für eine engere Energiekooperation zwischen MENA und EU bei der Erschließung der erneuerbaren Energiepotenziale.

Wolf Muth
Wolf Muth ist der KfW-Projektmanager "Energie" für die Mena-Region. (Foto: Wolf Muth)

European Circle: Sind die erneuerbaren Energien überall weit von der Wettbewerbsfähigkeit entfernt?

Muth: Nein, die Windenergie ist an vielen Standorten bereits nahe an der Wettbewerbsfähigkeit. In Ägypten kann Strom aus Windkraft beispielsweise für vier bis fünf Cent pro Kilowattstunde produziert werden. Ein Hauptproblem bleiben aber die nach wie vor stark subventionierten Energiepreise in der Mena-Region, die einer Entwicklung der erneuerbaren Energien entgegenstehen.

European Circle: Warum ist die KfW so stark in dem Bereich "Erneuerbare Energien" engagiert?

Muth: Die KfW Entwicklungsbank fördert im Auftrag der Bundesregierung eine nachhaltige Energieentwicklung in der Mena–Region. In diesem Rahmen sind wir in der Lage, mit zinsgünstigen Krediten Projekte zu finanzieren, die ein kommerzieller Anbieter nicht finanzieren würde. Bei uns stehen entwicklungspolitische Themen im Vordergrund. Wir fördern auch Projekte, die sich einzelwirtschaftlich nicht rechnen, sondern volkswirtschaftlich: Weil die Projekte zum globalen Klimaschutz beitragen, beschäftigungswirksam sind, weil Forschungs- und Entwicklungskapazitäten entstehen oder weil perspektivisch die Möglichkeit besteht, dass ein Land weiter in erneuerbare Energien investiert. Die KfW ist davon überzeugt, dass Investitionen in die erneuerbaren Energien in den Mena-Ländern ihre Früchte tragen werden.

European Circle: Zusammengefasst heißt das?

Muth: Die KfW investiert in alle sinnvollen Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien. Wenn man Fotovoltaik und Solarthermie vergleicht, muss man immer wieder darauf hinweisen, dass solarthermischen Anlagen aufgrund der Speicherfähigkeit von thermischer Energie ein großes Potenzial zur kontinuierlichen Stromversorgung d.h. zur Grundversorgung bieten. Das heißt: CSP-Anlagen können auch zu Spitzenlast-Zeiten Strom anbieten, wenn in einem Land wie Deutschland der Strom am teuersten ist. Der Fotovoltaik- Anbieter kann dagegen nur liefern, wenn die Sonne scheint.

European Circle: Zu welchen Preisen?

Muth: Die Entwicklung großer Solarkraftanlagen ist im Vergleich zur Windkraft aber auch der Fotovoltaik allerdings noch am Anfang, sodass – analog zur Preisentwicklung der Stromgestehungskosten bei der Windkraft erst mittelfristig mit niedrigeren Gestehungskosten zu rechnen ist. Was mir wichtig erscheint: Langfristig müssen alle Technologien zusammenspielen – Wasserkraft, Windkraft, Fotovoltaik, Solarthermie und auch Gasturbinen als Back-up-System.

(Teaserbild: Wolf Muth)