Grichenland: Mangelnde Wirtschaftskraft

Von: Claudia Hangen

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Keywords:
Grichenland | Krise | Sparpolitik | Wirtschaft | EU-Strukturfonds | Finanzpaket | Industrialisierung
Für einen Marshall-Plan aus EU-Mitteln

Griechenland: Mangelnde Wirtschaftskraft

Die Ursache der Verschuldung Griechenlands sieht Alexander Kritikos, Forschungsdirektor am DIW in Berlin, in der unzureichenden Wirtschaftskraft des Landes. Die Industrie besteht bisher aus kleinen Unternehmen. Eine nachholende Industrialisierung in Griechenland müsste nicht nur den maroden Staat sanieren, sondern auch in neue Forschungseinrichtungen und zukunftsträchtige Branchenzweige wie beispielsweise Energie und Gesundheit investieren. Eine reine Sparpolitik hilft Griechenland nicht weiter
Griechenland
Laut Alexander Kritikos ist das Problem Grichenlands die mangelnde Wirtschaftskraft. (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Kritikos: Was die von mir vorgeschlagenen Branchen angeht, sehe ich diese als beispielhafte Vorschläge. Wenn man an innovative Prozesse denkt, lässt man unter Umständen offen, wohin die Reise geht. Es gibt zwei Herangehensweisen:

1. Man glaubt an bestimmte Branchen, die zukunftsträchtig sind, investiert in entsprechende Forschungseinrichtungen und versucht, Unternehmen in der Branche/Industriezweig zu etablieren.

2. Man nutzt aktiv Forscher, die angewandte und umsetzungsrelevante Forschung betreiben, die in der Vergangenheit auch erfolgreich war. Ich denke dabei an viele griechische Forscher, die im Ausland tätig sind, in jeder Universität auf der ganzen Welt zu finden sind, nur nicht in Griechenland. Man könnte sie für Griechenland nach dem Prinzip der Clusterentwicklung folgend gewinnen: Man muss ein Dutzend Forscher als Nukleus in einem oder maximal zwei Bereichen gewinnen und sehen, wie man für sie in Griechenland attraktive Bedingungen herstellen könnte. Dazu passend müssen zum Cluster kleine high-tech-Unternehmen etabliert werden.

Großindustrien müssen sich anreizorientiert in Griechenland niederlassen

European Circle: Warum ist die griechische Wirtschaft so kleinteilig? Warum haben sich große Unternehmen seit den fünfziger Jahren, dem Beginn des Wirtschaftswunders in Deutschland, nicht in Griechenland ansiedeln können?

Kritikos: Aus meiner Sicht hat es immer wieder Versuche gegeben. Es gab beispielsweise Automobilkonzerne, die Montagewerke in Griechenland etablieren wollten. General Motors hat das mal versucht, Nissan, das damals noch Datsun hieß, ebenso. Doch die Erfahrungen vor Ort ergaben, dass, wenn man die Arbeiter fix bezahlt, man in Griechenland eine schlechte Qualität bekommt. Hinzu kam, dass zur damaligen Zeit die Löhne sehr niedrig waren. Es gab damals nicht nur Mindest-, sondern auch Höchstlöhne in allen möglichen Bereichen und das in der Kombination mit der fixen Bezahlung hat einfach dazu geführt, dass der Einsatz der Arbeiter eher beschränkt war.

European Circle: Ist denn die Verteilung der Gelder aus EU-Strukturfonds die richtige Strategie, um wirtschaftliche Anreize zu schaffen? Die Eurozonen-Finanzminister kamen ja jetzt Anfang der Woche wieder in Brüssel zusammen, um ein zweites Finanzpaket in Höhe von 130 Milliarden Euro für Griechenland zu schnüren. Die Krise Griechenlands beruht ja darauf, dass das Land die Zinsen der Kredite nicht mehr zurückzahlen kann. Halten sie dies für sinnvoll?

Kritikos: Hier sind zwei Aspekte wichtig. Das eine sind die Hilfspakete, die jetzt geschnürt werden, damit Griechenland im Prinzip zahlungsfähig bleibt. Die EU zahlt aber hierbei nur begrenzt Geld unmittelbar aus. Ein großer Teil besteht aus Garantien, um Kredite weiterhin aufrecht zu erhalten. Das, worauf ich mich beziehe, wenn es um die Verteilung von EU-Mitteln geht, sind die Strukturfonds. Das ist eine andere Schiene als das Hilfspaket, das gerade geschnürt wird. Es sind die EU-gestützten Programme, die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren entwickelt worden sind.

EU-Strukturfonds nur für starke Regionen Griechenlands sinnvoll

Kritikos: Hierbei wird häufig auf Verteilungs- und regionale Aspekte geschaut. Beispielsweise gibt es in Deutschland die sogenannten Ziel-eins-Regionen. Da geht es darum festzulegen, wo sind die schwächsten Regionen, die aus EU-Sicht gestützt werden müssen. Das halte ich gerade für Griechenland für nicht hilfreich. Das bedeutet nämlich, dass in Nordgriechenland in irgendwelchen Dörfern Plätze renoviert oder Straßen gebaut werden. Wichtig wäre es, wenn man in den Regionen Griechenlands, die ökonomisch relativ stark sind wie die Athener Region oder die Region um Thessaloniki regionale Innovationssysteme entwickelt, bei denen Forschungseinrichtungen passend zu jungen technologisch orientierten start-up-Firmen unterstützt werden.

European Circle: Soll die Investition in start-up-Firmen in neue Bereiche wie Energie und Gesundheit fließen?

Kritikos: Ja, beispielsweise Energie. Wobei die Branchenwahl rein beispielhaft ist. Der Punkt ist eben, nicht in die Regionen zu investieren, die wirtschaftlich schlecht dran sind, sondern eher in die jetzt noch stärksten Regionen und dort kleinere Innovationssysteme zu errichten.

European Circle: Wer wird sich dabei um das Monitoring in Griechenland kümmern, damit das Geld auch wirklich in die Investition und nicht in den privaten Konsum fließt?

Kritikos: Hier müssen Meilensteine entwickelt werden mit der Auflage, dass die nächsten Mittel nur dann fließen, wenn die vorher vereinbarten Schritte genau umgesetzt wurden. Dabei muss man die Schrittfolge genau beschreiben. Es wäre gut, wenn man die Verwaltung der Mittel künftig nicht mehr der etablierten Politikerkaste überlässt, sondern dass man Personen findet, die unbelastet vom politischen System in Griechenland sind.

"Griechenland braucht eine Sanierung des Staates"

European Circle: Wie lange wird Griechenland brauchen, um aus der wirtschaftlichen Talsohle herauszukommen?

Kritikos: Bis so ein System etabliert ist, braucht man zehn bis zwanzig Jahre. Man darf aber auch nicht vergessen, dass man psychologisch einen Kontrapunkt zur Abwärtsspirale setzt, die derzeit unaufhaltsam weiter nach unten geht. Man muss dafür sorgen, dass die Abwärtsspirale wieder umgedreht wird.

European Circle: Der bekannte griechische Philosoph Nikos Dimou sagte kürzlich, dass die Griechen die Krise brauchen, um aus dem Widerspruch Neues zu schaffen. Schließen Sie sich dieser These an?

Kritikos: Ich würde dem noch etwas anderes hinzufügen wollen, was man als zusätzliches Problem sehen muss. Man hat in Griechenland in den letzten knapp 200 Jahren, seitdem es wieder einen griechischen Staat gibt, nicht mehr viel Vertrauen in diesen Staat entwickelt. Im Gegenteil, der Staat ist praktisch nur ein Alimentationssystem. Die Tatsache, dass vielleicht die Krise notwendig ist, um ein Wachrütteln durch das Land zu bringen, gibt der Krise den Sinn, den Griechen klar zu machen, sie müssen ein neues Verhältnis zu ihrem Staat entwickeln, das nicht mehr darauf ausgerichtet ist: Wie kann mich der Staat alimentieren und wie kann ich ihn betrügen?

European Circle: Herr Kritikos, ich danke Ihnen für das Gespräch.