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Ring frei für Runde zwei: Sarkozy versus Hollande

- Hollande ist der Sieger der Vorwahlen in Frankreich. (Fotoquelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Die Vorauswahl ist getroffen: dem Ergebnis der ersten Wahlrunde zufolge wäre der sozialistische Kandidat François Hollande mit 28,63 Prozent aller Stimmen Frankreichs neues Staatsoberhaupt. Doch der amtierende Präsident Nicolas Sarkozy ist ihm mit 27,18 Prozent dicht auf den Fersen. Auch wenn die erste Wahlrunde offiziell keinerlei Aussagekraft hat, gilt es nichtsdestotrotz als unumstritten, dass der Sieger mit einem psychologischen Vorteil in die Stichwahl geht. Wer zukünftig das Zepter im Élyséepalast in der Hand halten wird, entscheidet sich am 06. Mai. Nach aktuellen Umfragen kann der amtierende Präsident Sarkozy schon mal die Kisten packen: demnach läge der Sozialist Hollande mit 54 Prozent der Stimmen in der Stichwahl vorn. Doch Sarkozy zeigt sich kampfeslustig: in drei TV-Debatten will er seinen Kontrahenten im verbalen Zweikampf ausstechen. Eine Analyse der Ergebnisse des ersten Wahlgangs.
Sarkozy fischt am rechten Ufer
Jüngsten Prognosen zufolge kann François Hollande entspannt in die Stichwahl am 06. Mai gehen: demnach würden 54 Prozent der Franzosen für den Sozialisten stimmen. Während sich der sozialistische Kandidat also theoretisch zurücklehnen könnte, geht Sarkozy auf Beutefang am rechten Ufer. Er versucht die Wähler der rechtsextremen Front national an Land zu ziehen - und die Größe des Schwarms ist nicht zu unterschätzen. Schließlich hat die rechtsextreme Partei rund um Spitzenkandidatin Marine Le Pen mit 17,9 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis bei einer Präsidentenwahl erzielen können. Nach aktuellen Umfragen werden am 06. Mai 52 Prozent der Le Pen-Wähler ihr Kreuzchen für den konservativen Amtsinhaber Sarkozy setzen. Die übrigen 48 Prozent, von denen 27 Prozent angaben für den sozialistischen Kandidaten votieren zu wollen, versucht Sarkozy nun für sich zu gewinnen. Noch am Wahlabend begann Sarkozy die Rechten zu ködern. "Ich rufe alle, die ihr Vaterland lieben auf, mich zu wählen", rief er energisch in die Massen. Auch inhaltlich will er die Rechts-Sympathisanten locken, indem er eine Verschärfung der Grenzkontrollen sowie eine Begrenzung der Zuwanderung fordert. Sarkozy, der als guter Redner gilt, sucht außerdem den Nahkampf mit seinem Kontrahenten. Er forderte Hollande auf, sich in den nächsten zwei Wochen gleich drei Live-Debatten zu stellen. Üblich ist im französischen Wahlkampf nämlich nur eine."Alles muss debattiert werden, ohne Scheinheiligkeit, ohne Ausweichen ohne Verstecken", so der amtierende Präsident.
Wählerzustrom von links
Hollande kann in der Stichwahl den größten Wählerzustrom aus dem linken Lager erwarten: 91 Prozent der Wähler des Linksfront- Kandidaten Jean-Luc Mélenchon gaben an, in der zweiten Runde für den 57 jährigen Hollande stimmen zu wollen. Mélenchon selbst forderte seine Anhänger bereits auf, gegen Sarkozy und damit für Hollande zu stimmen. Kurz nach der Bekanntgabe des vorläufigen Wahlergebnisses verkündete Hollande in seiner Wähler-Hochburg Tull: "Am 06. Mai will ich einen Sieg, einen schönen Sieg". Dem Sozialisten zufolge sei das Wahlergebnis die Strafe für die Politik Sarkozys. Desweiteren ließ Hollande verlauten, Europa zurück auf den Pfad von Beschäftigung und Wachstum führen zu wollen. Er sei sich durchaus bewusst, dass er dabei aus dem Ausland scharf beobachtet werde. Der mögliche Machtwechsel in Frankreich hat viele Anleger bereits verunsichert. Sie befürchteten, dass Europa seinen strikten Sparkurs verlassen könnte. Denn dem sozialistischen Kandidaten wird nachgesagt, bei einem Sieg den Europäischen Fiskalpakt nachverhandeln zu wollen. Dr. Daniela Schwarzer, Stiftung Wissenschaft und Politik, hält eine Nachverhandlung des Fiskalpaktes für unwahrscheinlich. "Die Nachverhandlungen am Fiskalpakt halte ich für irreal", so Schwarzer. Laut Schwarzer liegt Hollandes Augenmerk auf einer Wachstumsinitiative in Europa und "sowas gehört nicht in den Fiskalpakt, sondern in eine politische Kampagne."Weitere Kernpunkte der Agenda Hollandes sind eine umfassende Reform zum Steuersystem sowie Maßnahmen in den beiden Bereichen Bildung und Beschäftigung. So sollen Besserverdiener und Unternehmen einen Spitzensteuersatz von bis zu 75 Prozent zahlen müssen. Gleichzeitig will der Sozialist 60.000 neue Jobs an Schulen schaffen. Sarkozys Lager nutzt die Agenda des Kontrahenten, um gegen ihn mobil zu machen. So seien Hollandes Wahlversprechen eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Frankreich. Das Medienecho für Hollande fällt eher verhalten aus. So wird er vielerorts als “moderate Alternative”, "blass" oder kleineres Übel" bezeichnet. Gleichzeitig werden skeptische Stimmen laut, die an Hollandes Regierungsfähigkeit und seinem angekündigten Sanierungsprogramm zweifeln. Seine politischen Gegner werfen ihm außerdem vor, ihm fehle Regierungserfahrung und internationales Profil. Doch der Sozialist gibt sich selbstbewusst: "Das Ergebnis ist ein Vertrauensvotum für mein Projekt für Frankreich. Ich bin der Kandidat aller Franzosen, die ein neues Kapitel aufschlagen wollen."
Schelte für Sarkozy: die Extreme auf dem Vormarsch

- Die vielen Stimmen für die rechtsextreme Marine Le Pen in der Vorauswahl beunruhigen die anderen Kandidaten. (Fotoquelle: commons.wikimedia.org/NdFrayssinet CC by-SA-3.0)
Man könnte die Vorwahl auch als Sternstunde der Extreme bezeichnen. Die Rechtspopulisten Marine Le Pen und ihr linkes Pendant Jean-Luc Mélenchon gewannen gemeinsam mehr Stimmen als Hollande oder Sarkozy. Die Front National erzielte 17,9 Prozent der Stimmen und die Linksfront Parti de Gauche 11,11 Prozent. Ein Ergebnis, welches das Ausmaß des Frusts der französischen Wähler in seinen Ansätzen skizziert. Traurig aber wahr: Marie Le Pen scheint den Nerv der leidenden französischen Unterschichten mit ihrer Hetzerei gegen Ausländer und die französischen Eliten getroffen zu haben. Die 44 jährige Rechtspopulisten thematisiert bewusst die größten Problemfelder der sozial benachteiligten Wählerschaft: die schwindende Kaufkraft und die Arbeitslosigkeit. Le Pens Vater, Jean-Marie Le Pen, war 2002 bereits mit 16,86 Prozent gegen Jacques Chirac in die Stichwahl eingezogen. 2007 gelang es Sarkozy noch die Stimmen der Front National-Wähler zu gewinnen. Der Front National fiel um knapp 6 Prozent auf 10,44 Prozent zurück. Im Wahljahr 2012 hat Sarkozy diese Wähler wieder verloren. Die Front-National-Vorsitzende Le Pen will erst am 01. Mai eine mögliche Wahlempfehlung abgeben. Ihren Anhägern rief sie zu, dass die Schlacht um Frankreich erst begonnen habe. Nichts werde mehr so sein wie vorher, denn "heute sind Millionen von Franzosen in den Widerstand gegangen.". Auch Hollande zeigt sich im Hinblick auf die jüngst demonstrierte Stärke der Rechten besorgt: "Nie zuvor hat die Front National ein derartiges Niveau bei einer Präsidentschaftswahl erreicht. Das ist ein neues Signal, das in der Republik ein Aufbegehren nötig macht". Sarkozy hingegen empfindet die rechte Tendenz innerhalb der Bevölkerung als "Ausdruck der Zukunftsangst der Bürger" .Er sagte weiter "die Franzosen haben ein Votum der Krise abgegeben". Doch nicht nur die Wähler von links und rechts sind für die beiden Spitzenkandidaten entscheidend - auch die 9,13 Prozent des Mouvement démocrate (demokratische Bewegung) Vorsitzenden François Bayrou gilt es nicht außer Acht zu lassen. Sowohl dem zukünftigten Staatsoberhaupt als auch den Europäern sollte es zu Denken geben, dass sich rund 30 Prozent der Franzosen durch die Wahl der Extreme gegen das gegenwärtige Europa ausgesprochen haben. Dr. Claire Demesay, von der deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP), sagte hierzu "Die Protestwähler werden einen Einfluss auf Frankreichs Europapolitik haben".
Sarkozys (gebrochene) Wahlversprechen von 2007
Was ist seit 2007, dem Jahr in dem Sarkozy mit 31,18 Prozent der Stimmen in die Stichwahl gegen Ségolène Royal einzog, geschehen? Aus dieser ging Sarkozy mit 53,06 Prozent aller Stimmen als Sieger hervor - warum sind ihm die Wähler von der Seite gewichen? Sarkozy hat viele seiner Wahlversprechen nicht einhalten können, viele Franzosen machen ihn und seine Politik für die derzeitigen Missstände verantwortlich. Sarkozy kündigte 2007 einen Bruch mit den elitären und reformfaulen Eliten, die es sich unter François Mitterrand und Jacques Chirac gemütlich gemacht hatten, an. Mehr noch: Sarkozy kündigte eine ganze Palette an Reformen an: er versprach den Staat zu verschlanken, die Unternehmen zu stärken, die Politik wollte er reinigen und das Sozialsystem sanieren. Das war noch nicht alles: auch neue Jobs, Kaufkraft und rentable Arbeitsplätze versprach der Vorsitzende der Union pour un mouvement populaire (UMP). Er wollte in Zeiten, in denen sich das Land einer hohen Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und einem Handelsdefizit ausgesetzt war, gleichzeitig die französische Identität wahren und es gleichzeitig zum Akteur des globalen Kapitalismus machen. In einer Meinungsumfrage des Ifop empfanden im Februar 2012 nur 32 Prozent aller Franzosen ihr Land im globalen Wettbewerb als gut aufgestellt - in Deutschland sind es mit 61 Prozent vergleichsweise fast doppelt so viele. 79 Prozent der Franzosen glauben außerdem, ihr Land befände sich noch “voll in der Krise”. Die EU-Kommission prognostiziert für 2012 eine milde Rezession, einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,3 Prozent, für Frankreich. Wenn auch die Bilanz der Amtszeit Sarkozys in Hinblick auf die Innenpolitik eher verhalten aussieht, so hat er außenpolitisch dennoch einige Erfolge zu verzeichnen. Vor allem der Sturz Gaddafis ist eine seiner größten außenpolitischen Errungenschaften. Auf dem transnationalen Parkett wirkte Sarkozy führungs- und handlungsbereit. Kritik hingegen hagelte es für seine Äußerungen zu den Roma und Sinti. Es gilt festzuhalten: die gegenwärtigen Schwierigkeiten Frankreichs sind nicht nur konjunktureller Natur oder krisenbedingt - vielmehr sind sie der Ausdruck einer Reihe struktureller Probleme. Diese werden die Agenda des Präsidenten, völlig gleich ob Sarkozy oder Hollande, beherrschen.
“Noch ist nichts entschieden”

- Nach einem schwierigen Anfang gelten Merkel und Sarkozy heute als eingespieltes Team. (Fotoquelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Sarkozys Außenminister Alain Juppé akzentuiert, dass immer noch nichts entschieden sei und auch Sarkozy selbst gibt sich selbstbewusst. So rief er seinen Anhängern in Paris zu "Wir können mit Zuversicht in die zweite Runde gehen". Sarkozys Agenda sieht vor allem vor, dass Budgetdefizit zu reduzieren, den Verwaltungsapparat auszudünnen und die Ausländerpolitik zu verschärfen. Am Sonntag Abend wandte sich Sarkozy noch einmal ans Volk: "Ich verspreche Ihnen, alle meine Energie aufzuwenden, die ich habe. Es wird darum geben, wer die Verantwortung für unser Leben übernehmen wird und die Franzosen in den kommenden fünf Jahren verteidigen wird.".
Merkollande als Nachfolger Merkozys?
Der SPD-Chef Sigmar Gabriel hat François Hollande bereits zum "Riesenerfolg" gratuliert. Gabriel mutmaßte außerdem, dass die Chancen für Hollande am 06. Mai als Sieger aus der Stichwahl hervorzugehen gut stünden. Das wiederum sei, dem SPD-Chef zufolge, ein wichtiges Signal für ganz Europa. Denn ein Sieg Hollandes würde demonstrieren, dass es eine Alternative zur strikten Sparpolitik von Angela Merkel und Sarkozy, die nichts für Wachstum tut und Spekulanten ungestraft davon kommen lässt, gebe. Mit dem Ergebnis der Stichwahl steht und fällt ohnehin die Zukunft "Merkozys", die Zukunft des deutsch-französischen Duos, das vor allem in Zeiten der Eurokrise Einheit demonstriert hat. Es wurden bereits Spekulationen laut, ob bei einem möglichen Sieg Hollandes zukünftig "Merkollande" von sich reden machen wird - oder gar "Gabrollande", Sigmar Gabriel und François Hollande. Schließlich hat Hollande bereits im Rahmen seines Wahlkampfes an einem Parteitag der SPD in Deutschland teilgenommen. Experten glauben nicht, dass sich das deutsch-französische Verhältnis bei einem Machtwechsel keine tiefgreifend verändern würde.
Der neue Präsident und die europäische Handschrift
Dr. Daniela Schwarzer zufolge würde sich mit einem Sieg Hollandes vor allem die Handschrift der Europapolitik verändern: “Die Handschrift in der Europäischen Union war in den letzten Wochen und Monaten stets konservativ gefärbt, mit einem Sieg Hollandes würde diese eine linke Färbung bekommen”. Gesetzt des Falls, Hollande ginge als Sieger aus der Stichwahl am 06. Mai hervor, würde er ein schweres Erbe antreten und obendrein beim Bewältigen dessen stets kritisch beäugt werden. Denn vor allem die Ratingagenturen sind sehr aufmerksam. Trotz der gegenwärtigen Schwierigkeiten Frankreichs - eine milde Rezession, eine Arbeitslosenquote die sich knapp unter 10 Prozent einpendelt sowie zahlreicher struktureller Probleme - ist Frankreich noch immer die fünftstärkste Ökonomie der Welt und nach Deutschland die zweitstärkste in Europa. Das Potential ist also da. Was es bedarf um dieses Potential auszuschöpfen ist ein Präsident, der keine mutigen Reformen scheut und der französischen Wirtschaft wieder zu einer dauerhaften Dynamik verhilft.
(Teaserbild: flickr.com/Nicolas SAL1 CC BY-NC-ND 2.0)









