Donnerstag, 07. Juni 2012

Von: Redaktion

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Fußball-EM | Ukraine | Janukowitsch | Reporter ohne Grenzen | Julia Timoschenko | Pressefreiheit | Reporter ohne Grenzen | Charité Berlin
Auftakt Fußball-EM

Getrübte Vorfreude

Nationalstadion
Hier, im Nationalstadion in Warschau, findet morgen um 18 Uhr das Auftaktspiel der Fußball-EM 2012 statt. (Foto:commons.wikimedia.org/Przemysław Jahr, gemeinfrei)

Fußballfreunde haben vier Jahre auf diesen Tag hingefiebert. Morgen hat die Zeit des Wartens ein Ende. Um 18 Uhr wird im Nationalstadion in Warschau das Auftaktspiel der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft angepfiffen. Griechenland und Polen treten im ersten Spiel dieser europäischen Großveranstaltung gegeneinander an. Alles könnte so schön sein. Doch die Vorkommnisse im Mitgastgeberland, der Ukraine, haben die Vorfreude getrübt. Die Berichterstattungen über Menschenrechtsverletzungen, die eingeschränkte Pressefreiheit und nichtzuletzt über den Hungerstreik Julia Timoschenkos haben ihren Teil dazu beigetragen.Während die einen zum Boykott aufriefen, forderten die anderen, die Aufmerksamkeit zu nutzen, um die Misstände publik zu machen. Kurz vor dem Auftakt des europäischen Großspektals stellt sich die Frage nach dem angemessenen Verhalten.

35 Angriffe auf Journalisten

Zur Fußball-Europameisterschaft haben Menschenrechtsorganisationen stärkeren politischen Druck auf den Mitgastgeber Ukraine gefordert. “Reporter ohne Grenzen war immer gegen einen Boykott der Fußball-EM, genauso wie wir gegen den Boykott anderer Großveranstaltungen waren. Auch wenn wir ganz fest davon überzeugt, dass solche Großveranstaltungen nicht unpolitisch sind. Für uns ist es vielmehr Anlass genauer hinzuschauen. Wir fordern Journalisten und Fans auf, die Stimme gegen die Verletzung der Pressefreiheit zu erheben!“, sagt Christian Mihr von der Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG). Die Organisation erklärte, die Lage der Pressefreiheit habe sich in der Ukraine seit der Wahl von Präsident Viktor Janukowitsch vor zwei Jahren kontinuierlich verschlechtert. Das bestätigt auch die ukrainische Fernsehjournalistin Ivanna Kobernyk die gemeinsam mit der Grünen-Bundestagsabgeordneten Viola von Cramon-Taubade von ROG zu einer Pressekonferenz eingeladen wurde: “Die Situation in der Ukraine ist schlimmer geworden. Journalisten können nicht entspannt recherchieren, sie werden unterdrückt und müssen fürchten, verfolgt zu werden“. Mit mindestens 35 Fällen allein im Jahr 2011 habe die Ukraine im Vergleich zu anderen GUS-Staaten die zweithöchste Zahl von Angriffen auf Journalisten zu verzeichnen, hinter Russland, aber vor Weißrussland und Kasachstan. Vor allem außerhalb der Hauptstadt Kiew seien Reporter immer wieder Opfer von Polizei- und Justizwillkür. Auch die ukrainische Opposition stehe massiv unter Druck. Politiker werden systematisch verfolgt, inhaftiert und mit juristischen Tricks an einer Teilnahme an den nächsten Parlamentswahlen gehindert.

Julia Timoschenko im Fokus der Öffentlichkeit

Julia Timoschenko
Julia Timoschenkos Gesundheitszustand hat sich stabilisiert. Gegenüber den Ärzten hegt sie jedoch großes Misstrauen. (Foto:commons.wikimedia.org/ European People's Party, CC BY 2.0)

Im Fokus der Aufmerksamkeit steht die erkrankte Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko. Die ehemalige Oppositionsführerin und selbsterklärte Feindin des amtierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch ist mit ihrem Hungerstreik zum Dauerthema der westlichen Medien geworden. Der Vorstandsvorsitzende der Berliner Charité, Karl Max Einhäupl, hat am Dienstag dieser Woche im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin eine Einschätzung zum derzeitigen Gesundheitszustand Timoschenkos abgegeben. Einhäupl war einer der ersten deutschen Ärzte, der Timoschenko vor rund einem Monat im Gefängnis in Charkow besuchte und sie überzeugen konnte, den Hungerstreik zu beenden. “Wir können froh sein, dass wir deutschen Ärzten Frau Timoschenkos Behandlung übernehmen durften. Damit will ich nicht die Kompetenz der ukrainischen Ärzte anzweifeln. Das Vertrauen von Frau Timoschenko ist diesen gegenüber allerdings sehr eingeschränkt“, sagt Einhäupl. “Das Problem ist, dass die Behandlung im Krankenhaus unter ständiger Bewachung stattfindet. Einerseits sind da die Videokameras, andererseits ist das Überwachunspersonal ständig präsent“, gibt Einhäupl preis. Er berichtet von abgeklebten Fernstern und beschreibt die Krankenhaussituation von Timoschenko als bedrückend. “Vor allem das Wachpersonal, dass auch den Gesprächen mit den behandelnden Ärzten beiwohnt, ist ein Hindernis für den Aufbau einer vertrauensvollen Patienten-Ärzte-Beziehung“, sagt Einhäupl.

Beherrscht von Misstrauen und Angst

Das Vertrauen von Timoschenko wurde nochmals erschüttert, als ihre Krankenakten samt handschriftlicher Notizen der behandelnden Ärzte im ukrainischen Fernsehen gezeigt worden. Das Misstrauen behindere die Behandlung enorm, so Einhäupl. Aus Angst dabei gefilmt zu werden, weigert Timoschenko sich für Untersuchungen zu entblößen. Sie fürchtet, dass man das Bildmaterial im Anschluss nutzen könne, um sie politisch zu diskreditieren. Auch die Blutabnahme lehnt sie aus Angst mit einer Krankheit infiziert zu werden ab. Mittlerweile sei man allerdings der Forderung die Kameras während der Behandlungen abkleben zu dürfen nachgekommen, erzählt Einhäupl. Insgesamt habe sich Timoschenkos Zustand verbessert, sie sei wieder mobil und könne sich bereits innerhalb ihres Raums bewegen. Gleichzeitig weist er aber daraufhin, dass die Schmerzen noch nicht vollkommen weg seien.“Nachdem sie mehr als ein halbes Jahr nicht wirklich behandelt wurde, ist klar, dass man die Schäden nicht innerhalb weniger Wochen beheben kann“, so Einhäupl. Eine vollkommene Heilung sei unter den bisherigen Bedingungen nicht absehbar, sagt Einhäupl abschließend. Der Charité-Chef und die behandelnden Ärzte unterstützen den Wunsch der Inhaftierten nach einer Verlegung in ein Kiewer Krankenhaus oder in Hausarrest.

Die Frage nach dem angemessenen Verhalten

Viola von Cramon-Taubadel
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Viola von Cramon-Taubadel fordert Sanktionen gegen einzelne Regierungsmitglieder. (Foto:commons.wikimedia.org/ Heinrich Böll Stiftung, CC by-SA-2.0)

“Mit dem Fokus auf Timoschenko wird man der Situation in der Ukraine nicht gerecht. Wir sollten sie medial nicht in einem Strahl erleuchten lassen, sondern sollten uns auf das konzentrieren, was in der zweiten Reihe passiert“, sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Viola von Cramon-Taubade auf der Pressekonferenz der Reporter ohne Grenzen. Von Cramon-Taubade spricht sich für Sanktionen gegen einzelne Regierungsmitglieder aus: “Man muss mit Gegenmacht reagieren, denn sie verstehen nur die Sprache der Macht“. Während Reporter ohne Grenzen die ukrainischen Behörden und die Justiz dazu auffordert, ungeklärte Mordfälle von Journalisten vollständig aufzuklären, rät Box-Weltmeister Wladimir Klitschko Politikern zum Verzicht auf Auftritte mit Janukowitsch. Wenn der Präsident versuche, ein Foto mit Ihnen zu machen, weichen Sie ihm aus, so Klitschko. Auch der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Philip Lahm, kündigte an Janukowitsch nicht die Hand schütteln zu wollen. Die ukrainische Journalisten Kobernyk hält das für den richtigen Weg.“Das ist ein richtiges Zeichen. Das Frau Merkel Janukowitsch in Chicago nicht die Hand gegeben hat, wurde ihr in der Ukraine hoch angerechnet“, sagt Kobernyk.

Mehr als nur Sport

“Es ist nicht nur Sport. Es ist mehr“, sagt die Grünen-Bundestagsabgeordneten Viola von Cramon-Taubade, “es ist unsere Aufgabe als Europäer auf die Ukraine zuzugehen und zu sagen, dass wir die zunehmend repressive Entwicklung nicht zu lassen“. Das Handeln der übrigen europäischen Länder sollte sich nicht darauf beschränken, Janukowitsch aus dem Weg zu gehen. Vielmehr sollte man den medialen Fokus nutzen, um immer wieder auf die gegenwärtigen Missstände aufmerksam zu machen.


(Teaserbild:commons.wikimedia.org/Mateusz Włodarczyk,CC BY-SA 3.0)