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Im Kampf gegen den Menschenhandel

- Viele Frauen und Kinder aus Osteuropa fallen der Zwangsprostitution zum Opfer. (Fotoquelle: Kay Chernush for the U.S. State Department)
Es ist die Geschichte eines unvorstellbaren Leidenswegs, die Geschichte eines Martyriums, wie man es sonst nur aus grausamen Märchen oder Horrorfilmen kennt. Schauplatz ist das kleine Dorf Gojcin im Nordosten Bosnien und Herzgowinas. Hier, inmitten der bäuerlichen Armut, ist eine 19-jährige Deutsche acht Jahre lang durch die Hölle gegangen. Das Mädchen – das die Behörden Karla tauften – wurde von 2004 bis zum 17. Mai 2012 von einem bosnischen Ehepaar als "Sklavin" gehalten. Als die Mutter der jungen Frau einen heute 52-jährigen Bosnier heiratete, obwohl sich dieser bereits in einer gültige Ehe mit einer bosnischen Frau befand, hat die "Zweitfrau" ihre Tochter dem Stiefvater überlassen. Gemeinsam mit seiner rechtmäßigen Ehefrau hat dieser Karla jahrelang misshandelt – dabei sei sie von unzähligen Männern missbraucht und von Hunden gehetzt worden. Ein Nachbar machte die Beamten schließlich auf den Fall der jungen Frau aufmerksam. Als man Karla fand, war diese auf 40 Kilo abgemagert und ihr Körper mit zahlreichen Wunden übersät.
500.000 Frauen und Kinder aus Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa
Das eine solche Geschichte sich innerhalb Europas zuträgt – das bosnische Dorf ist rund 1075 km Luftlinie von Berlin entfernt – scheint kaum möglich. Doch Menschenhandel ist weiter verbreitet als man sich vorzustellen vermag. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) schätzt, dass allein innerhalb Europas jährlich rund 500.000 Frauen und Kinder aus Mittel- und Osteuropa nach Westeuropa gehandelt werden. Auch vor der Europäischen Union macht das Schreckensphänomen keinen Halt. Die EU-Kommission spricht von Hunderttausenden, die dem Menschenhandel innerhalb der Union zum Opfer fallen. Genaue Zahlen fehlen. Um dem entgegenzuwirken hat die Kommission gestern eine EU-Strategie zur Beseitigung des Menschenhandels angenommen."Sklaverei findet man leider nicht nur in den Geschichtsbüchern. Es ist erschreckend, dass in unserer heutigen Zeit noch immer Menschen verkauft oder als Zwangsarbeiter oder Prostituierte gehandelt werden", kommentierte Cecilia Malmström, EU-Kommissarin für innere Angelegenheiten, den Vorstoß. Aufgabe der neuen Strategie sei es in erster Linie sicherzustellen, dass die Opfer Unterstützung erhalten und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. "Unser oberstes Ziel muss es sein, dem Menschenhandel definitiv ein Ende zu bereiten", sagte Malmström weiter.
EU-Strategie gegen den Menschenhandel
Mit der EU-Strategie legt die Kommission konkrete Maßnahmen fest, welche die Rechtsvorschriften zur Bekämpfung des Menschenhandels unterstützen und ergänzen sollen. Der neue Fünf-Jahres-Plan der EU umfasst insgesamt 40 Maßnahmen. Diese sind das Ergebnis umfassender Beratungen mit Fachleuten, Regierungen, zivilgesellschaftlichen und internationalen Organisationen und Sozialpartnern. Sie legen die wichtigsten Anliegen dieser Interessengruppen sowie die Sichtweisen der Opfer dar und werden die bereits bestehenden Bemühungen ergänzen. Die Strategie wird nun im Europäischen Parlament und im Rat erörtert. Die Kommission wird die Fortschritte bei der Bekämpfung des Menschenhandels weiterhin bewerten und dem Europäischen Parlament und dem Rat alle zwei Jahre Bericht erstatten.
Drei Viertel aller Taten sexuell motiviert
Die Daten, die die EU-Mitgliedsstaaten gesammelt haben, stützen die Erkenntnisse internationaler Organisationen wie die der UNODC (Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung). Demnach werden Dreiviertel der in den EU-Mitgliedstaaten ermittelten Opfer zum Zwecke sexueller Ausbeutung verschleppt. Rund 14 Prozent der Betroffenen werden als Zwangsarbeiter gehandelt. Die vorläufigen Daten zeigen außerdem, dass im Zeitraum 2008 bis 2010 vor allem Frauen und Mädchen in die Fänge von Menschenhändler gerieten. In insgesamt 79 Prozent der registrierten Fälle waren Frauen betroffen. Männer und Jungen machen 21 Prozent der Opfer aus. Das Strategiepapier der EU umfasst Präventions- und Schutzmaßnahmen, welche die Opfer in Zukunft vermehrt unterstützen soll. Die Kommission will fortan die Bereitstellung leicht verständlicher Informationen für die Opfer zu ihren Rechten gewährleisten. Dabei sollen die Betroffenen insbesondere zu ihrem Recht auf Unterstützung und medizinische Betreuung sowie auf Aufenthaltserlaubnis und zu ihren Arbeitnehmerrechten informiert werden. Darüber hinaus soll ein EU-Mechanismus zur besseren Erkennung und Verweisung sowie zum besseren Schutz und zur besseren Unterstützung der Leidtragenden errichtet werden.
Zahl der Verurteilungen geht zurück

- Die EU-Kommissarin Cecilia Malmström will entschieden gegen Menschenhandel in Europa vorgehen und hat dazu, zusammen mit Experten, einen Aktionsplan vorgelegt. (Fotoquelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2012)
Den Opfern wird nicht nur die Autonomie, die Möglichkeit über ihr eigenes Leben zu bestimmen, entrissen, sie erleben obendrein eine Vielzahl an Grausamkeiten. Diese Erlebnisse zu verarbeiten und sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern fällt ihnen schwer. Erschreckend ist, dass nur wenige der Täter für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass die Zahl der Verurteilungen wegen Menschenhandels von rund 1500 im Jahr 2008 auf etwa 1250 im Jahr 2010 zurückging. "Das ist wirklich ein Skandal", sagte EU-Kommissarin Malmström sichtlich besorgt über diese Entwicklung. Oftmals fehlten allerdings die notwendigen Beweise. Die Strafen für Menschenhandel seien zudem in der EU sehr unterschiedlich und reichten von einigen Monaten bis zu 20 Jahren Haft. Um dieser Tendenz entgegenzuwirken setzt die Kommission im Rahmen der jüngst verabschiedeten Strategie vor allem auf Maßnahmen, welche die Strafverfolgung der Täter verbessern soll. So will man auf EU-Ebene gemeinsame Ermittlungsgruppen schaffen. Zudem sollen sich zukünftig Europol und Eurojust in alle grenzüberschreitenden Fälle von Menschenhandel einschalten.
Anhebung des Strafmaßes
Bereits 2011 haben die EU-Staaten beschlossen, Menschenhandel härter zu ahnden. Das Strafmaß soll künftig in allen EU-Ländern zwischen fünf und zehn Jahren Gefängnis liegen. Die Justiz kann Kriminelle auch für Taten außerhalb ihres Heimatlandes bestrafen und gegen ausländische Menschenhändler ermitteln. Bis April 2013 muss diese EU-Richtlinie in der ganzen EU in nationales Recht umgesetzt werden, sagte die zuständige Kommissarin Malmström.









