24.06.2009


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Keywords:
Adam Posen | Finanzkrise | Deutschland
US-Star-Ökonom in Berlin

Die Zukunft der Finanzpolitik

Ein bis auf den letzten Platz gefüllter Saal erwartet Adam Posen, als er kurz vor 18.30 Uhr im Internationalen Club im Auswärtigen Amt erscheint. Der Vizechef des Peterson-Institutes für internationale Wirtschaft in Washington D.C. hielt einen Vortrag zum Thema „Germany, Finance and the Future of Capitalism“.
Das Handeln Angela Merkels bewertete Adam Posen nicht nur positiv (Quelle: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2009)

Als Erstelobte Posen die gute Führungsrolle Angela Merkels, um im selben Atemzug ihren „falschen Ansatz zur Krisenbewältigung“ zu kritisieren. Konkret meinte er damit weitere Konjunkturprogramme, denen Merkel eine Absage erteilt hatte. Mehr als das bedauerte er jedoch, dass die Kanzlerin andere Staaten beeinflusse, um ihnen ihrerseits von weiteren Konjunkturprogrammen abzuraten. Deutschland habe eine starke Vorbildfunktion für das restliche Europa, schöpfe aber nicht das ganze Potential zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise aus.

Universalbankensystem fragwürdig

Weiterhin sei das Universalbankensystem, das außerhalb Deutschlands auch in vielen weiteren europäischen Staaten anzutreffen ist, eher schlecht als recht für die Bewältigung der Krise geeignet. Investmentbanken sollten von Geschäftsbanken getrennt werden und auch die halb privaten, halb staatlichen „Bankhybriden“ (Mischformen, die sich zum Teil in öffentlicher, zum Teil in privater Hand befinden) würden ihre Aufgaben nicht ausreichend gut erfüllen. Posen verwies in dem Zusammenhang auf die Finanzkrise Japans in den Neunziger Jahren: Rapide ansteigende Immobilienpreise Ende der Achtziger führten wenige Jahre darauf zum Platzen der Spekulationsblase. Die Folgen waren sinkende Vermögenspreise, Verarmung der Bevölkerung, Anstieg der Arbeitslosigkeit und eine langjährige Deflation.

Zukunft Osteuropa

Investmentbanken sollten von Geschäftsbanken getrennt werden, meint Posen (Quelle: Florentine/pixelio.de)

Die europäischen Länder spielen durch den starken Euro eine Schlüsselrolle bei Investitionsentscheidungen. Doch anstatt die Krise zu nützen und in aufstrebende osteuropäische Staaten zu investieren, fließen viele Gelder lieber in erfolgversprechende und risikoarme Investitionen. Dieses Versäumnis, so Posen, könnte sich für die EU in Zukunft als Nachteil herausstellen: das osteuropäische Potential bleibe leider ungenützt.

Das Argentinien Osteuropas

Insgesamt müsse man Europa mehr als eine Einheit sehen. In vielen osteuropäischen Staaten wurde zu lange über den jeweiligen Verhältnissen gelebt, was sich nun in ihrer aktuellen Wirtschaftslage bemerkbar mache. Als Beispiel nannte Posen Ungarn, das er als das „Argentinien Osteuropas“ bezeichnete. Was in der südamerikanischen Republik die Korruption und Militärdiktatur waren, sind in Ungarn unter anderem die fahrlässig hohen Sozialausgaben im Vergleich zur Wirtschaftskraft. Regierungschef Gordon Bajnai spricht von lediglich 57 % legal Beschäftigten; viele Magyaren finanzierten ihr Heim und Auto durch Fremdwährungskredite. Die anfängliche Attraktivität durch günstige Zinsen wandelte sich durch die Abwertung des Forint in teure Kreditrückzahlungen, die viele Ungarn nicht mehr aufbringen können.

Fragwürdiges Image

Wie sieht man die Europäische Union in den USA? Auf diese Frage antwortete Posen, dass viele seiner Landsleute den alten Kontinent als schwerfälligen Apparat wahrnehmen würden. Die Europäer seien eher träge, teilweise faul, man arbeite wenig und ruhe sich auf seinem Wohlstand aus. Vieles würde auch in einem Topf geworfen, so seien beispielsweise die Löhne in der EU überall dieselben (was real aber nicht zutrifft). Eventuell schwingt hier ein Funke Neid auf die momentan noch bessere Wirtschaftslage mit.

Fazit

Zurück bleibt das Gefühl eines warnenden Vortrags durch einen charmanten Redner. Die Wirtschaftskrise sei in Europa noch nicht voll angekommen, besonders Deutschland habe aufgrund seiner Schlüsselrolle als größte Volkswirtschaft im europäischen Wirtschaftsraum mit Einbußen zu rechnen. Es bleibt zu hoffen, dass auch Wirtschaftsexperten Sachverhalte gelegentlich falsch einschätzen oder zumindest übertreiben.

Adam Posens neues Buch „Reform and Growth in a Rich Country: Germany“ erscheint am 30. Juni.

[TD]