13.07.2009

Von: Markus Stradner

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Keywords:
Gas | Ukraine | Pipeline | Russland | Gasversorgung | Erdgas | Energie
Nabucco Gaspipeline

Entscheidender Schritt gegen weitere Erdgaskrisen?

Europa ist zu sehr vom russischen Gas abhängig. Das haben die Gaskrisen im Winter 2005/2006 und nicht zuletzt der Streit zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2009 gezeigt, als für die Gasversorgung der EU-Mitgliedstaaten beträchtliche Schwierigkeiten auftraten. So wurde in der Europäischen Union immer wieder der Ruf laut nach einer stärkeren Diversifizierung der Gasversorgung.
José Manuel Barroso bezeichnet das Projekt als "von entscheidender Bedeutung" (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2009)

Mit der Nabucco Gaspipeline, zu der am 13. Juli die rechtlichen Rahmenbedingungen zwischen Österreich, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und der Türkei unterzeichnet wurden, hofft die EU, etwas weniger abhängig vom russichen Erdgas zu werden. Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, bezeichnete das Projekt kurz vor der Unterzeichnung des Abkommens als „von entscheidender Bedeutung für die Europäische Energiesicherheit und die Politik der Diversifizierung von Gasversorgung und Transportrouten.“

3300 Kilometer bis nach Mitteleuropa

3300 Kilometer lang wird die neue Gaspipeline sein, die Gas aus den Grenzregion Georgiens und des Irans über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn an die slowakisch-österreichische Grenze nach Baumgarten bei Wien führen soll. Von dort aus kann das Gas in Mittel- und Westeuropa verteilt werden. Nach der geplanten Eröffnung im Jahre 2013 soll die Pipeline zunächst acht Millionen Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren. Diese Menge kann bis auf höchstens 31 Millionen Kubikmeter erhöht werden - dann erreicht die Pipeline ihre Leistungsgrenze. Rund acht Milliarden Euro sollen in den  Bau der Pipeline investiert werden. Durchgeführt wird das Projekt von einem Konsortium, das sich aus der österreichischen  OMV, der deutschen RWE, Botas aus der Türkei, Mol aus Ungarn, der rumänischen Transgaz und der bulgarischen Bulgarian Energy Holding zusammensetzt.

Deutlicher Anstieg des Gasverbrauchs erwartet

Die neue Pipeline soll Gas-Engpässe in Europa künftig verhindern (Foto: Thomas Max Müller/pixelio.de)

Neben der Verringerung der Abhängigkeit von Russland steht für die EU aber auch die grundsätzliche Aquise neuer Gaslieferanten für Europa im Vordergrund. Doch die sind rar. Zudem steigt der Gasverbrauch in der EU rasant an: Waren es im Jahr 2006 noch rund 300 Milliarden Kubikmeter Erdgas, die in der EU verbraucht wurden, gehen Schätzungen bis zum Jahre 2030 von einem Anstieg des Verbrauchs auf bis zu 575 Milliarden Kubikmeter aus. Dabei steigt gleichzeitig auch die Abhängigkeit von Importen, die von derzeit rund 40 Prozent auf 70 Prozent anwachsen könnten. Da Europa nicht über genügend Erdgasreserven verfügt, bleibt die Abhängigkeit weiter bestehen. Die Nabucco Pipeline könnte aber – zumindest teilweise – dazu beitragen, neue Erdgaslieferanten einzubinden.

Noch viele Fragezeichen

Obwohl das Projekt bereits im Jahr 2002 mit aller Vehemenz in Angriff genommen wurde, dauerte es sieben Jahre bis zur ersten Unterschrift unter einem Vertrag. Konfliktpunkt war dabei immer wieder, wieviel Erdgas die Türkei für sich beanspruchen könne. Trotz der nun am 13. Juli getätigten Unterschriften sind noch längst nicht alle Detailfragen geklärt. Völlig offen ist noch, wer die benötigten Gasmengen überhaupt liefern kann. Als einziger verlässlicher Partner gilt derzeit Aserbaidschan, am westlichen Ufer des Kaspischen Meeres gelegen. Wie aber auch Turkmenistan, ein weiterer möglicher Lieferstaat, haben die beiden Länder einen Großteil ihrer Fördermengen vertraglich bereits Russland und China zugesagt. Bleibt der Iran, der ebenfalls noch über große Erdgasreserven verfügt. Doch hier wird eine wirtschaftliche Zusammenarbeit derzeit von den USA nicht goutiert. Ohnehin liegt die Verantwortung dafür, mit welchem Land Lieferverträge abgeschlossen werden, in der Hand des Konsortiums.

Für Russland ein Konkurrent

Weiters scheinen Unstimmigkeiten mit Russland programmiert: Wie anders denn als Konkurrenz zu seinen eigenen Gasprojekten soll der Kreml das Nabucco Projekt auch sehen? Neben dem Besitz bereits bestehender, leistungsfähiger Rohrleitungen versucht Russland seine Lieferkapazitäten zu erhöhen: Erstens durch die - in Polen heftig umstrittene - Ostsee Pipeline, die ab 2010 rund 55 Milliarden Kubikmeter Gas ins deutsche Greifswald transportieren soll. Und zweitens durch die „Blue Stream“ Pipeline, bei der russisches Gas durch das Schwarze Meer in der Türkei gebracht werden kann.

Ex-Außenminister Fischer als Berater

Joschka Fischer berät das Projekt-Team (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2009)

Um dem Projekt den nötigen politischen Rückhalt zu gewährleisten, konnte kürzlich auch ein bekannter Mann als politischer Berater für das Projekt gewonnen werden: Der ehemalige deutsche Bundesaußenminister Joschka Fischer soll den geplanten Nabucco-Ausbau vorantreiben. „Fischer wird seine langjährige außen- und energiepolitische Erfahrung dafür einsetzen, die politische Unterstützung für das Projekt zu vertiefen und entsprechende Initiativen zu koordinieren“, erklärte die RWE dazu.

Der gordische Knoten bleibt erhalten

Eine ungeklärte Zukunft, der Versuch, Staaten in die Gaslieferungen einzubinden, die nicht gerade als die stabilsten der Welt gelten und die politische Dimension, die dieses Projekt angenommen haben, lassen trotz der getätigten Unterschriften und trotz der Unterstützungsbeteuerungen der EU und deren Mitgliedstaaten die Nabucco-Pipeline wohl weiterhin als schwieriger Fall in der Wirtschaftsgeschichte erscheinen. Der gordische Knoten aus mehr Unabhängigkeit von russischem Erdgas, Versorgungssicherheit der Bevölkerung und verstärktes Hinwenden zu erneuerbaren Energieträgern ist damit nicht zerschlagen.

[MS]