Dienstag, 03. November 2009

Von: Henning Paulmann

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Keywords:
Gründertum | Existenzgründer | Deutschland | Unternehmen
Kein Mut zum Risiko

Deutsches Unternehmertum im internationalen Vergleich

(Foto: S. Hofschlaeger/pixelio.de)

In Deutschland werden neue Unternehmen weniger häufig gegründet als in anderen hoch entwickelten Volkswirtschaften. Darüber hinaus werden die Aussichten für eine erfolgreiche Gründung eher pessimistisch eingeschätzt. Skandinavische Länder sind hier deutlich optimistischer. Zu diesen Ergebnissen kommt der aktuelle deutsche Länderbericht des Global Entrepreneurship Monitor (GEM), in dem Gründeraktivitäten von 42 verschiedenen Ländern verglichen werden.

Wie unterscheiden sich die deutschen Gründungsaktivitäten von anderen Staaten?In fast allem.

Nur rund 3,8% der deutschen Bevölkerung im Alter zwischen 18 bis 64 Jahren können als „Gründer“ bezeichnet werden. Das heißt sie gründeten in den letzten dreieinhalb Jahren ein Unternehmen oder sind gerade dabei es zu tun. Im Vergleich mit ähnlich hoch entwickelten Volkswirtschaften belegt hier Deutschland einen der hintersten Ränge. Ganz weit vorn: Die USA, Island und Südkorea mit „Gründer“-Anteilen von über 10 %.
Mit dieser niedrigen Gründungsneigung setzt sich eine mehrjährige Entwicklung fort. Seit 2005 ist der Anteil der jungen Unternehmen in Deutschland von damals noch 5,4 % rückläufig.

Was die Deutschen von ihren Gründern halten? Viel!

(Foto: S. Hofschlaeger/pixelio.de)

Auf die Frage, ob in meinem Land Gründer Respekt und hohes Ansehen genießen, antworteten in Deutschland rund 80 % der 4.700 Befragten mit „Ja“. Nur Irland und Finnland aus der Gruppe der hoch entwickelten Länder erreichen hier noch höhere Werte (Finnland rd. 90 %).
Nach den Studienergebnissen ist mehr als die Hälfte der Deutschen der Ansicht, dass Selbständigkeit eine gute berufliche Option ist, unabhängig davon, ob sie für sie persönlich in Frage kommt. Damit verfügen entgegen oft anderslautenden Berichterstattungen Unternehmer in Deutschland über ein hohes Ansehen. Kehrt man den Spiegel allerdings um und fragt nach den eigenen Gründungsfähigkeiten, zeigt sich ein komplett anderes Bild.

Was deutsche Gründer abhält? Die Angst zu scheitern.

Im Länderbericht der Forscher wird deutlich, dass die eigenen Gründungskenntnisse und –fähigkeiten im internationalen Vergleich bei Deutschen eher pessimistisch eingeschätzt werden. In Ländern wie Griechenland, Island oder USA glauben über 50 % der Befragten, dass sie das Wissen, die Fähigkeit und die notwendige Erfahrung haben, um ein Unternehmen zu gründen. In Deutschland sind es nur rund 35 %.
Demzufolge groß ist die Angst der Deutschen, bei Unternehmensgründungen zu scheitern. Fast jeder Zweite gibt an, dass die Angst vor Misserfolg ihn davon abhält, ein Unternehmen zu gründen. Skandinavische Länder sind hier deutlich optimistischer. In Finnland zum Beispiel fürchten nur rund 23 % als Unternehmer nicht erfolgreich zu sein.
 
Zum Zeitpunkt der Befragung – im Frühjahr 2008 – waren die Auswirkungen der globalen Finanzmarktkrise noch gar nicht absehbar, trotzdem wurden die Gründungschancen in Deutschland eher zurückhaltend eingeschätzt. Während zum Beispiel in Finnland und Dänemark über 50 % der Ansicht waren, dass sich in ihrer Region in den nächsten 6 Monaten gute Aussichten für eine Unternehmensgründung ergeben würden, waren es in Deutschland nur etwa halb so viele.

Warum gründet ein Deutscher ein Unternehmen? Oft aus purer Not.

Warum überhaupt ein Unternehmen gegründet wird, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Es wird danach unterschieden, ob die Gründung in erster Linie dazu dient eine Geschäftsidee auszunutzen oder eher aus Mangel an adäquaten Erwerbsalternativen erfolgt. Letztgenannte sind die so genannten „Gründer aus Not“ oder auch „getriebene Gründer“. Wer unternehmerische Ziele verfolgt wie Gewinnstreben, Selbstverwirklichung und eigene Verantwortung, zählt zu den „klassischen“ Gründern.
International fällt dabei auf: In Deutschland ist der Anteil von Gründern, die aus Mangel an Alternativen gründen, sehr hoch. Auf nur 2,7 Gründer mit „klassischen“ unternehmerischen Gründungsmotiven kommt ein „Gründer aus Not“. Selbst in unmittelbaren Nachbarländern wie Frankreich oder den Niederlanden ist dieser Quotient mit Werten von über 8 deutlich höher.

Wie lernt man das Geschäft des Gründens? In Deutschland schon mal gar nicht.

(Foto: Rolf van Melis/pixelio.de)

Der Länderbereicht kommt ohne den kritischen Blick auf die Rahmenbedingungen für Gründer nicht aus, zählen sie doch zu den Grundvoraussetzungen für erfolgreiches Unternehmertum. Hierzu zählen Faktoren, die bei der konkreten Umsetzung einer Geschäftsidee relevant sind. Zum Beispiel Infrastrukturen des Straßenverkehrs und der Waren- und Dienstleistungsversorgung sowie öffentliche finanzielle Förderinstrumente. Darüber hinaus auch „weiche Faktoren“ welche auf die Gründungsbereitschaft allgemein Einfluss nehmen.
Nach Auswertung von 62 Interviews mit Gründungsexperten verfügt Deutschland über insgesamt günstige Infrastrukturen für erfolgreiche Unternehmensgründungen und steht hier international sehr gut dar. Anders dagegen, wenn es um die „weichen Faktoren“ geht. Eine gründungsbezogene Ausbildung an allgemein bildenden Schulen findet in Deutschland praktisch nicht statt. Selbständigkeit als Alternative zur abhängigen Beschäftigung wird den potentiellen Gründerinnen und Gründern von Morgen nicht vermittelt. Hier belegt Deutschland im internationalen Vergleich einen der letzten Plätze.
Dieser Umstand ist umso Besorgnis erregender, da Deutschland zur Wahrung seines hohen Lebensstandards auf ständige Innovationen und deren Vermarktung angewiesen ist. Ein unternehmerfreundliches Klima, in dem Selbstständigkeit nicht nur wertgeschätzt, sondern auch vermittelt und verstetigt wird, ist dafür die Grundvoraussetzung.
 
Der vollständige Länderbericht zum "Global Entrepreneurship Monitor (GEM)" steht beim Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zur Verfügung.

[HP]