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Alte Feinde - neue Partner?

- Roter Platz in Moskau (Foto: Harry Hautumm/pixelio.de)
Das European Council on Foreign Relations (ECFR) hat eine Essaysammlung namhafter russischer Experten herausgegeben. Ihre Sichtweise auf die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Russland legen offen, wie wenig der Westen von Russland versteht oder verstehen will. Dem gegenüber stellen die Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde fest, dass in Russland ein neues Feindbild „Westen“ entstanden ist.
„Wenn wir Russland beeinflussen oder mit ihm Handel treiben wollen, dann müssen wir es verstehen. Aber wenn wir das wirklich wollen, müssen wir uns auch für Russland interessieren“, fordern die ECFR-Russlandexperten Ivan Krastev, Mark Leonard und Andrew Wilson. Stattdessen, so stellt zum Beispiel Gleb Pavlovsky, die „Graue Eminenz der russischen Politik, fest, werde Russland vor allem von den Amerikanern „schwach“ geredet, weil diese nicht wahrhaben wollten, dass ihre gesamten Militärstrategien gegen die Sowjetunion gerichtet waren. Außerdem werde bei der Definition von "Schwäche" immer der Vergleich mit der UdSSR bemüht.
Die Krise stärkt das Selbstbewusstsein
Militärisch mag das nachvollziehbar sein, aber was die Wirtschaft betrifft, hat sich Russland in den letzten zehn Jahren dank eines satten Inlandswachstums von seiner planwirtschaftlichen Vergangenheit entfernt. Durch die weitgehende Marktöffnung ist es aber nun ebenso von der Weltwirtschaftskrise erfasst worden wie die EU, für die Russland der drittwichtigste Handelspartner ist. Offensichtlich hat diese Mitbetroffenheit Russlands Selbstbewusstsein gestärkt, und zwar im Sinne Putins. Dessen großer Rückhalt in der Bevölkerung resultiert laut Professor Vyacheslav Glazychev, Verlagsleiter von „Evropa“, daraus, dass er das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit fester Hand aus der darauf folgenden Phase anarchischer Demokratie geführt hat. Hinter dem selbstbewussten Auftreten verbirgt sich jedoch nach Einschätzung Fyodor Lukyanovs, Herausgeber der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, eine tiefe Verunsicherung, denn: „Kein Land der früheren Sowjetunion einschließlich Russland kann mit Bestimmtheit sagen, dass seine Grenzen historisch begründet, natürlich und deshalb unantastbar sind.“
Hohes Konfliktpotenzial

- Dmitri Trenin (Foto:NATO)
Die russische Führung sieht sich diesbezüglich zu vielen ungelösten Problemen ausgesetzt. Abgesehen von den Konflikten im Kaukasus sind es die direkte Grenze zum Schengen-Raum im Baltikum und die vom Kernland abgeschnittene Oblast Kaliningrad, die es immer wieder notwendig machen, auf die EU zuzugehen. „Überall erwartet man von uns Russen, etwas zu unterstützen, ohne an der Gestaltung teilzuhaben“, beschreibt Gleb Pavlovsky die Rolle, die Russland aus der Sicht eines Großteils der Bevölkerung in der Welt spielen darf. Damit ist es nicht zufrieden.
Und offenbar erst recht nicht damit, sich vorrangig um den „größten Grundbesitz der Erde zu kümmern“, wie Dmitri Trenin das Territorium in seinem Buch „Russland – Die gestrandete Weltmacht“ nennt. Aber um den ökonomischen und sozialen Anschluss an die westlichen Industrienationen nicht zu verlieren, muss es modernisiert werden. Der Gründer und Direktor des Zentrums für postindustrielle Studien, Vladislav Inozemtsev, sieht dafür derzeit unter anderen folgende Hemmnisse: Dadurch, dass die reiche Elite von der Öl- und Gasförderung lebt, hat sie kein Interesse an der Modernisierung unterentwickelter Wirtschaftszweige. Es herrscht Unverständnis darüber, was zur Modernisierung überhaupt gebraucht wird. Ohne eine profunde Erfahrung in Fertigungsprozessen direkt in ein post-industrielles Zeitalter zu springen, funktioniere nicht.
Das Feindbild „Westen“ eint die Nation
Susan Stewart hat in einem Beitrag für die Russland-Analysen das neue Feindbild „Westen“ untersucht: „Das Feindbild wird von oben lanciert, findet in der russischen Gesellschaft aber starke Resonanz. Es bezieht sich vor allem auf die USA und ist eng mit einem positiven Selbstbild Russlands verbunden, das offiziell verbreitet wird.“ Das Feindbild trage auch zum Aufbau eines Gefühls von Nationalstolz in der Bevölkerung bei, das wiederum die Akzeptanz des Regimes erhöht. So leistet das auf den Westen bezogene Feindbild einen Beitrag, das ideologische Vakuum zu füllen und von inneren Unzulänglichkeiten abzulenken. Parolen wie „Russland schafft es allein“ und „Russland geht seinen eigenen Weg“ verfehlen indes ihre Außenwirkung nicht.Hier schließt sich der Kreis zwischen Außen- und Innenwahrnehmung. Letztlich muss die russische Führung selbst entscheiden, wie für ihre rund 142 Millionen Einwohner der Weg durchs 21. Jahrhundert verlaufen soll. Trenin sieht drei Optionen: Revisionismus, Zerfall oder schöpferische Anpassung. Er bleibt aber die Antwort schuldig, welche er für die wahrscheinlichste hält.
[AB]









