Dienstag, 08. Dezember 2009

Von: Henning Paulmann

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Keywords:
HARTZ | Arbeitsmarkt | Beschäftigung | Arbeitnehmer | Erwerbstätigkeit
Kluft zwischen niedrigen und mittleren Einkommen wächst

Beschäftigung um jeden Preis

Gleichzeitig sind für die Beschäftigten neue Risiken entstanden. Befristete Arbeitsverhältnisse sind längst Alltag, und die Kluft zwischen den niedrigen und mittleren Einkommen wird immer größer. Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuelle Studie „Arbeitsmarkt und Beschäftigung in Deutschland 2000-2009“ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

(Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Die Beschäftigungssysteme innerhalb der EU sind insgesamt flexibler als noch vor zehn Jahren. Die deutschen Arbeitsmarktreformen (HARTZ-Reformen) liegen dabei innerhalb eines internationalen Reformtrends, gekennzeichnet durch den Anspruch dass der Arbeitsmarkt immer mehr Personen, insbesondere auch Älteren und Frauen, Beschäftigung ermöglichen soll. Diese so genannte Aufnahmefähigkeit eines Arbeitsmarktes hat sich in den letzten Jahren als übergeordnetes Reformmotiv innerhalb der EU fest etabliert.

Flexible Erwerbstätigkeit und „employability“ liegen international voll im Trend

Ein weiteres internationales Reformelement besteht in der lebenslangen Qualifizierung, um die Beschäftigungsfähigkeit („employability“) der Bürgerinnen und Bürger zu erhalten oder auszubauen. Dahinter verbirgt sich das Ziel, weitgehend anpassungsfähige Qualifikationsprofile zu ermöglichen, wodurch Arbeitnehmer flexibler auf Veränderungen am Arbeitsmarkt reagieren können als bisher.
Letztlich sind auch strukturelle Veränderungen bei der Arbeitslosenversicherung Kennzeichen internationaler Reformtrends, wie z.B. kürzere Bezugszeiten von Arbeitslosengeld und strengere Zumutbarkeitsregelungen.
Diese weit reichenden Reformprozesse werfen die Frage auf, wie sich der deutsche Arbeitsmarkt im Vergleich mit anderen EU- oder OECD-Staaten entwickelt hat.

Beschäftigungsquote ist deutlich gestiegen

Der deutsche Arbeitsmarkt ist zwischen 2001 und 2008 stark gewachsen (Foto: Beate Klinger/pixelio.de)

Im Vergleich der Jahre 2001 und 2008 ist die Beschäftigungsquote in Deutschland um 4,4 % auf rund 70 % gestiegen. Ein stärkeres Wachstum des Arbeitsmarktes gab es nur in Spanien, Griechenland, Polen und der Slowakei. Deutschland näherte sich in den letzten zehn Jahren den hier überaus erfolgreichen Ländern Österreich und den Niederlanden an.
Gleichzeitig haben noch immer die skandinavischen Länder sowie die Schweiz das im Vergleich mit anderen EU- oder OECD-Staaten höchste Beschäftigungsniveau. Island lag 2008 trotz Zusammenbruchs des isländischen Finanzmarktes mit einer Beschäftigungsquote von rund 84 % klar an der Spitze

Immer mehr Frauen sind erwerbstätig – aber fast jede Zweite in Teilzeit

Von dem generellen Beschäftigungswachstum in der Bundesrepublik profitieren insbesondere weibliche Beschäftigte. Von 2001 bis 2008 ist die Beschäftigungsquote der Frauen um mehr als fünf Prozent auf nun 64,3 % gestiegen. Dieses Wachstum zählt zu den stärksten innerhalb der EU. Ebenfalls hohe Wachstumsraten erreichen die Niederlande, Spanien und Belgien.
Die Erwerbstätigkeit der Frauen in Deutschland ist aber gleichzeitig von einem überdurchschnittlichen Anteil an Teilzeitarbeitsverhältnissen gekennzeichnet. In den letzten Jahren ist dieser Anteil deutlich gestiegen. Rund 46 % aller erwerbstätigen Frauen arbeiteten 2008 in Teilzeit. Im Vergleich dazu liegt diese Quote bei unmittelbaren Nachbarländern wie z.B. Italien, Frankreich oder Polen unter 30 %.

Bessere Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt

Die 55- bis 64-Jährigen finden heute viel öfter eine neue Beschäftigungs als noch vor 15 Jahren (Foto: Paul Marx/pixelio.de)

Mit Blick auf die letzten zehn Jahre gilt: Die Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt sind verbessert worden. Der sich gegen Ende der 90er Jahre zunehmend verfestigende Trend, ältere Arbeitnehmer vom Arbeitsmarkt auszugrenzen, wurde gehemmt und in Teilen umgekehrt.
Die Beschäftigungsquote der 55- bis 64-Jährigen in der Bundesrepublik ist von 2001 bis 2008 um rund 16 % gestiegen. Im Vergleich mit anderen EU- oder OECD-Ländern hat nur die Slowakei mit 17 % ein hier noch höheres Wachstum. Völlig anders ist die Situation bei den Jugendlichen.

Jugendliche haben oft das Nachsehen

In der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen ist die so genannte Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland auf über 10 % weiter gestiegen. Dieser Wert liegt zwar noch immer unterhalb des OECD-Durchschnitts, gibt aber trotzdem Anlass zur Sorge. Andere Länder wie z.B. Dänemark oder die Niederlande sind mit niedrigen Quoten arbeitsloser Jugendlicher (zwischen 7,2 % und 5,6 %) hier deutlich überlegen.
Als Grund für diese Schwierigkeiten jüngerer Erwerbstätiger auf dem Arbeitsmarkt wird in der Regel deren oft unzureichendes Bildungsniveau angeführt. In Deutschland verlassen mit rund 13 % noch immer zu viele Jugendliche die allgemein bildende Schule ohne einen weiterführenden Schulabschluss. Länder wie Schweiz, Finnland oder Schweden haben längst vorgemacht, dass sich der Anteil früher Schulabgänger auf weniger als 10 Prozent reduzieren lässt.
Doch selbst dann, wenn der Sprung in den Arbeitsmarkt gelingt, bedeutet das noch nicht, ausreichend Geld zu verdienen.

Die Schere zwischen niedrigen und mittleren Einkommen wird immer größer

Die Kluft zwischen niedrigen und mittleren Einkommen in Deutschland wird immer größer (Foto: Gerd Altmann/Shapes:AllSilhouettes.com/pixelio.de)

In den letzten zehn Jahren hat sich die Einkommensstruktur der Vollzeit-Beschäftigten in Deutschland deutlich gewandelt. Der Anteil von erwerbstätigen Personen mit geringeren Stundenlöhnen ist hier so stark gestiegen wie in keinem anderen OECD-Land. Geringverdiener erzielten in Deutschland Ende der 90er Jahre noch 64 % des Einkommens von Arbeitnehmern mit mittlerem Einkommen. Ende 2007 waren es nur noch 53 %.
Obwohl die Lohnungleichheit bei Vollzeit-Beschäftigten in den meisten Ländern über die letzten Jahre hinweg zugenommen hat, nimmt Deutschland an dieser Stelle eine Sonderstellung ein.
Das Beschäftigungswachstum der letzten Jahre wurde vor allem durch einen Zuwachs am unteren Ende der Lohnskala erreicht – insbesondere im privaten Dienstleistungssektor wie z.B. im Hotel- und Gaststättengewerbe, in Callcentern oder bei der Gebäudereinigung.
Ein Phänomen, das sich auch auf den Teilzeitbereich erstreckt. Analysen belegen hier eine besonders ausgeprägte Häufigkeit von niedrigen Löhnen, insbesondere bei so genannten „Minijobs“.
Dahinter verbirgt sich ein großes Risiko für die Beschäftigten. Erwerbstätigkeit wird hier teuer erkauft. Denn mit wenig Lohn kann man kaum seine eigene Existenz sichern, geschweige denn notwendige Rücklagen für das Alter bilden oder sich "einfach mal was leisten". Die schwache Binnennachfrage ist aber eine der Gründe für die gegenwärtige Finanzkrise.

[HP]

(Teaserbild: Matthias Balzer/pixelio.de)