Montag, 25. Januar 2010
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Grüne Woche | IGW | Berlin | Messe | Agrarministergipfel | Global Forum for Food and Agriculture
75. Internationale Grüne Woche in Berlin

Agrargipfel und Publikumsmagnet

Wolpertinger aus Tier, Obst und Gemüse lockten dieses Jahr die Besucher in den Tagen vom 15. bis zum 24. Januar 2010 zur Internationalen Grünen Woche (IGW) nach Berlin: Eine AuberginenEnte und ein BananenFisch zusammen mit einem KartoffelElch und einem KiwiFerkel luden auf bunten Plakaten Öko-Interessierte und Bio-Schlemmerer aus dem In- und Ausland zu dem 75. Jubiläum der grünen Messe ein.

(Foto:pixelio.de)

„Unglaublich abwechslungsreich“ - Die aufsehenerregenden Phantasie-Tiergattungen bestätigten das diesjährige Motto der weltgrößten Fachmesse für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, die zudem ihre 75. Wiederkehr feiern konnte. Dafür wurde eine stattliche Geburtstagstorte aufgefahren, die gewaltige 60 Kilo wog und stolze 120 mal 40 Zentimeter maß. Das süße Backwerk war denn auch rasch verteilt.

Prospekte, Pfannen, Proben

Auch in diesem "Jahr der Biologischen Vielfalt", das die Vereinten Nationen ausgerufen haben, wurde die Grüne Woche von den Berlinerinnen und Berlinern förmlich überrannt. Schließlich lädt die Welt zu Tisch: Knapp 1600 Aussteller aus 56 Ländern sind es diesmal, und sie alle haben Berge von Broschüren ausgelegt, riesige Pfannen und Töpfe aufs Feuer gestellt und jede Menge Probiergäbelchen und -näpfchen bereitgelegt. Da gibts nicht nur die bunten Landestrachten hübscher Hostessen (aus Hohenschönhausen) zu bewundern und allerlei zu kosten - da gibt es richtig was zu erleben! 115.000 Quadratmeter Messezirkus unter dem Berliner Funkturm bringen täglich Abertausende große und kleine Besucher aus aller Welt zum Staunen und Miterleben, und das diesmal für ganze zehn Tage, mit extralangen Öffnungszeiten.

IGW - die ImmerGrüneWoche ist ein Evergreen

"Die Grüne Woche ist ein Evergreen" - sagt schmunzelnd Dr. Christian Göke, der Geschäftsführer der Messe Berlin GmbH und einer der Veranstalter der IGW, und fügt hinzu: „Welt-Agrargipfel und Publikumsmagnet, das sind die Pole, zwischen denen sich die Grüne Woche mit all ihren Facetten bewegt.“ Zum Einen strömen Verbraucher in Massen zur Grünen Woche, zum Anderen treffen sich die Spitzenvertreter des Agrobusiness zum Gedankenaustausch mit Agrarministern aus aller Welt – diese Kombination, sagt Dr. Göke, mache die IGW so bedeutsam.

Scharfes Gastland: Ungarn kocht köstlich

(Foto:pixelio.de)

Das offizielle Partnerland der Grünen Woche 2010, Ungarn, setzt auf seine traditionell scharfe Gewürzpaprika: Sie kommt auf den Plakaten gehörnt daher und hat keine Beine bekommen. Stolz steht sie als Symbol für die gastronomischen und kulturellen Werte Ungarns. Aber Ungarn ist nur nur Paprika: Auf den Ständen warten neben Salamischeibchen und Schnäpschen Hunderte Agrar- und Lebensmittelprodukte darauf, von den Vorbeiströmenden probiert zu werden: An Tokajer und Pálinka, dem traditionellen ungarischen Wein und „Nationalschnaps“, kamen die Besucher jedoch kaum vorbei. Wer sich ein wenig ausruhen will, kann auf eine virtuelle Reise durch das Land gehen. Der Informationsstand „Pécs 2010“ bietet Wissenswertes zur Europäischen Kulturhauptstadt, dem früheren Fünfkirchen, an.

„Die Hauptverbündete ist die Natur selbst“

József Gráf stammt aus dieser Gegend, darum freut ihn die internationale Aufmerksamkeit besonders. Der kantige ungarische Landwirtschaftsminister rekapituliert den Stellenwert der Agrarwirtschaft in Ungarn scherzhaft und zugleich treffend: „Wir sind mit ausgezeichnetem Ackerland und günstigen Klimaverhältnissen bedacht worden. Die Hauptverbündete des ungarischen Landwirts ist daher keine geringere als die Natur selbst.“ Auch die deutsch-ungarischen Handelsbeziehungen in der Agrarwirtschaft sind überzeugend, denn rund 15 Prozent des gesamten ungarischen Agrarexports, der sich auf rund 5,7 Milliarden Euro beläuft, gingen im letzten Jahr nach Deutschland. Wenn das kein Grund ist, darauf ein Gläschen zu leeren!

Global Forum for Food and Agriculture (GFFA)

(Foto:pixelio.de)

Das Hauptaugenmerk der IGW richtete sich natürlich auch auf die Politik. Parallel zu dem Schlemmerparadies und der Verbrauchermesse trafen sich die Agrarminister aus der ganzen Welt mit den Interessenvertretern aus Wirtschaft und Verbänden, um die globalen Hauptthemen des 21. Jahrhunderts „Welternährung“ und „Klimawandel“ unter einen Hut zu bringen. Nach dem enttäuschenden Klimagipfel von Kopenhagen (The European Circle berichtete hierzu bereits) sah der Agrarminister-Gipfel sich vor eine schwere Aufgabe gestellt. Es galt den Bogen zwischen „Landwirtschaft und Klimawandel“ sowie „Ernährungs- und Trinkwassersicherung“ zu spannen. Im Hintergrund klangen erneut Fragen der letztjährigen Grünen Woche an mit dem Schwerpunkt „Ernährungssicherung“ an, die auch die Welternährungskonferenz in Rom vom November und der Kopenhagener Klimagipfel vom Dezember 2009 nicht beantworten konnten.

Agrarminister-Gipfel

Ilse Aigner stolziert im Dirndl durch die Messehallen, schüttelt Hände von Fremden und strahlt in die zahlreichen Kameras: Es ist ihre erste Grüne Woche, die sie als Bundeslandwirtschaftsministerin besucht, da ist alles neu für sie. Die Frau tut was auf den Konferenzen: sie tut besorgt. Das grundsätzliche Problem der Landwirtschaft stellt sich auf dem Agrarminister-Gipfel nämlich so dar: Einerseits der Kampf gegen Hunger und Mangelernährung auf der Welt, andererseits das Ringen um eine globale, nachhaltige Agrarpolitik, die das Klima schützt und nicht belastet. Trotz des Engagements der Bundeslandwirtschaftsministerin blieb das Etikett des „Umweltsünders“ an der Landwirtschaft haften.

Grüne Woche nicht „grün genug“

Denn die Umweltschützer des World Wildlife Fund (WWF) kritisierten, die Grüne Woche sei nicht grün genug. Sie forderten, die Landwirtschaft klimafreundlich zu gestalten, da bisher der Anteil der Agrarwirtschaft an klimaschädlichen Treibhausgasen weltweit rund 14 Prozent betrage. Dieser Wert müsse dringend gesenkt werden. Gleichzeitig müsse, um eine Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern, das Lebensmittelangebot bis zum Jahr 2050 um sagenhafte 70 Prozent steigen. Man muss kein Fachmann sein, um hier einen Zielkonflikt zu erkennen. Frau Aigner wie ihre Ministerkollegen wichen dem unbequemen Thema jedoch aus, indem sie mit ernster Miene lediglich verlauten ließen: die Landwirtschaft müsse so umgestaltet werden, dass sie klimaverträglich sei. Ja, das muss sie denn wohl. Aber wie mag sie das schaffen? Eine gemeinsame weltweite Klimaschutzinitiative oder gar ein konkreter Aktionsplan kommt weiterhin nicht zu Stande. Den Äußerungen der Landwirtschaftsminister zufolge müsse jedes Land die konkrete Umsetzung von Maßnahmen für sich selbst definieren. Mit anderen Worten: Da tut sich nichts.

Verbraucher-Information: Ökointeresse und Bioschlemmerei

(foto:pixelio.de)

Die Messebesucher ließen sich davon nicht beirren: Der Bio-Markt mit seinen gesunden und leckeren Lebensmitteln als Alternative zu all dem genmanipulierten und chemieverseuchten Zeug verzeichnte einen enormen Verbraucherandrang, und viele Besucher werden sich die Tage vom 17. bis zum 20. Juni in München schon einmal vorgemerkt haben, denn in diesem Zeitraum findet die Biomesse in München statt. Überhaupt stand das Genießen und Kennenlernen wie in jedem Jahr für die meisten Gäste der Grünen Woche im Vordergrund. Aber ob - wie auf dem Berliner Oktoberfest vorgestellt - "Känguru-Gulasch", "Wasserbüffel-Pfanne" oder gar "Krokodil-Steak" den Ausbruch einer weltweiten Ernährungskrise verhindern können, steht allerdings noch dahin.

[RM]