Montag, 29. Januar 2010
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Bildung | Wachstum | Wirtschaft | Pisa-Studie | Deutschland |
Was unzureichende Bildung kostet

Deutschland - Land der Dummköpfe?

Deutschland verschenkt ein hohes Wachstumspotenzial durch unzureichende Bildung. Mit den Erträgen einer Bildungsreform, die unzureichende Bildung weitgehend beseitigt, könnte die heutige Staatsverschuldung komplett getilgt werden. Bis zu 2,8 Billionen Euro Einsparung wären hier möglich. Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuelle Studie „Was unzureichende Bildung kostet“ des ifo Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

(Foto:pixelio.de)

Die PISA-Ergebnisse haben gezeigt: Noch zu viele Schülerinnen und Schüler kommen mit ihrer Bildung über ein Grundschulniveau nicht hinaus. Aber ohne ausreichende Bildung wird die Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz besonders schwer. Arbeitslosigkeit und das Abhängigsein von staatlichen Transferleistungen sind oft die Folge. In Deutschland ist der Anteil derjenigen Schüler, die in ihren Lernergebnissen lediglich Grundschulniveau erreichen, besonders groß. So zählen hierzulande zur Gruppe der sogenannten „Risikoschüler“ rund 20% aller 15-Jährigen. Diese Tatsache zieht weitreichende Konsequenzen nach sich - nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Volkswirtschaft.

Gute Bildung ermöglicht höheres Wirtschaftswachstum – national wie international

Gute Bildung - hohes Wirtschaftswachstum - zu diesem Ergebnis kommt die Studie, die zwölf OECD-Länder miteinander vergleicht. In einem Land, das in die Bildung mehr investiert hat, wächst die Wirtschaft deutlich. Wie groß wäre nun das Wirtschafteswachstum in Deutschland, wenn, ja wenn auch hier mehr Geld in die Bildung gesteckt würde? Angenommen, Deutschland hätte das Bildungsniveau Frankreichs - es zwar läge noch noch deutlich hinter der Schweiz und weit entfernt vom Bildungs-Spitzenreiter Finnland.

Wie viel Wirtschaftsleitung entgeht der deutschen Volkswirtschaft durch unzureichende Bildung?

Aber die Wirtschaft des Landes würde umgehend wachsen und im Ergebnis im Verlauf der nächsten 80 Jahre wahrscheinlich Erträge  von rund 2,8 Billionen Euro erzielen - zu diesen atemberaubenden Zahlen kommen die Forscher. Sie messen das Bruttoinlandsprodukt (BIP); es ist das beste verfügbare Maß für die Beschreibung des gesamtwirtschaftlichen Wohlstands, und sie stellen sich vor, wie sich ein heute geborenenes Kind entwickeln würde, das von Anfang an von den Segnungen einer besseren Bildungspolitik profitieren könnte. Da es aber diese Bildungsreform nicht gibt, kann man sagen: diese 2,8 Billionen Euro sind entgangenes Wirtschaftswachstum, heute bereits verschenkt durch unzureichende Bildung unserer Kinder. Dabei würden die einzelnen Bundesländer von einer Reform sehr unterschiedlich profitieren, insbesondere durch die unterschiedlichen Anteile an Risikoschülern. Zum Beispiel könnte Nordrhein-Westfalen durch seinen besonders hohen Anteilen an Risikoschülern rund doppelt so stark von einer Bildungsreform profitieren wie Bayern.

Mehr Wachstum durch Bildung funktioniert nur langfristig

(Foto:pixelio.de)

Der positive Effekt einer Bildungsreform und das damit verbundene Wirtschaftswachstum entsteht nicht von Heute auf Morgen. Dabei vollziehen sich zwei Entwicklungen teilweise parallel. Die Studie geht davon aus, dass es gelingen kann, nach Einführung der Reform die unzureichende Bildung bei den Schülern innerhalb von 10 Jahren schrittweise zu beseitigen. Zum anderen müssen aber diese besser gebildeten Schüler die heutige Erwerbsbevölkerung nach und nach ersetzen. Erst mit dem Eintritt in das Erwerbsleben kann die Reform ihre Wirkung entfalten und zusätzliches Wirtschaftswachstum produzieren. Da aktuell die durchschnittliche Dauer des Erwerbslebens in Deutschland 40 Jahre beträgt, dauert die Übergangsphase bis zur vollen Entfaltung der Reformkonsequenzen rund 50 Jahre. 10 Jahre für die Verbesserung der Bildungsleistungen und weitere 40 Jahre für den Austausch der gegenwärtigen Erwerbsbevölkerung durch die dann besser gebildeten Jahrgänge - für die Politik sind das Zeiträume von astronomischer Dauer, und sie passen nicht in die vorherrschende Denke, die das politische Handeln allein am nächsten Wahltermin orientiert.

Wie sieht eine Reform aus, mit der Bildungsleistungen verbessert werden können?

Forschungsergebnisse belegen, dass unterschiedliche Bildungskompetenzen einen großen Teil der internationalen Unterschiede im Wirtschaftswachstum erklären können. Dabei treten immer wieder drei Erkenntnisse in den Vordergrund, die berücksichtigt werden müssen, wenn eine Bildungsreform auf die Beine gestellt werden soll:

  • Bildungsmaßnahmen sind um so erfolgreicher, je früher sie ansetzen

Die Bildungsforschung hat immer wieder belegt, dass vor allem benachteiligte Kinder aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten von hochwertigen Bildungsangeboten profitieren, die schon vor der Schulzeit angeboten werden. Dieser frühkindlichen Bildung kommt in einer Bildungsreform eine Schlüsselrolle zu. Das heißt: in den Kindertagesstätten und in den Kinderläden muss es schon losgehen.

  • Gemeinsames Lernen in möglichst heterogenen Lerngruppen, aber individuelle Förderung

Die vielfältige Zusammensetzung von Lerngruppen aus schwächeren und stärkeren Schülern muss nicht – wie oft behauptet wird - zu Lasten der Stärkeren gehen. Forschungsergebnisse zeigen: wo immer eine individuelle Förderung praktiziert wird, können beide Seiten von der Vielfalt der Lerngruppe profitieren. Individuelle Förderung steht und fällt allerdings mit den Ressourcen der allgemeinbildenden Schulen und der Qualität des Lehrpersonals. Gut ausgebildete und motivierte Lehrer müssen also her. Doch woher nehmen?

  • Hochqualifizierte Lehrerinnen und Lehrer sind ein entscheidender Schlüssel, um unzureichende Bildung wirksam zu bekämpfen

Guter Unterricht mit bestmöglicher Förderung jedes Schülers ist die Voraussetzung dafür, dass alle Kinder ihre Potentiale vollständig entfalten können. Deshalb gehören in den Lehrerstand nur die für diesen Beruf fähigsten Personen. Gleichzeitig brauchen Schulen weitreichende Freiheiten und mehr Selbständigkeit. Die Leistungen gerade der im derzeitigen System benachteiligten Schüler steigen, wenn ihnen mehr Alternativen und Wahlmöglichkeiten offenstehen. Das könnten zum Beispiel auch Schulen in freier Trägerschaft sein. Was es also braucht, ist das genaue Gegenteil dessen, was es zur Zeit gibt.

Eine Bildungsreform kostet immer Geld – aber „schwarze Zahlen“ sind garantiert

Die vorliegenden Studienergebnisse sagen nichts darüber aus, wie eine Bildungsreform politisch erreicht werden kann und mit welchen Kosten die Bekämpfung der unzureichenden Bildung verbunden ist. Wie auch schon die Ertragsprognosen zeigten, werden auch die Aufwendungen bei der Einführung eines Reformvorhabens zwischen den Bundesländern sehr unterschiedlich sein. Gleichzeitig belegen die einfachsten Überschlagsrechnungen der Forscher, dass die Kosten-Nutzen-Analyse immer positiv ausfallen wird. Selbst wenn die Bildungsausgaben für jeden Risikoschüler dauerhaft verdoppelt werden müssten, wären diese Reformkosten nicht höher als ein Viertel ihres gesamten wirtschaftlichen Ertrages. Einmal mehr gilt: Investition in Bildung lohnt immer!

Die vollständigen Ergebnisse der Studie „Was unzureichende Bildung kostet – Eine Berechnung der Folgekosten durch entgangenes Wirtschaftswachstum" werden durch die Bertelsmann Stiftung online zur Verfügung gestellt.

[HP]