Deutsche Banken schlecht aufgestellt

- Dr. Jan Hagen (l.) und Felix S. Fremerey (r.) von der "esmt" (Foto: esmt.org)
Die Banken- und Finanzkrise steckt den Verlierern noch in den Knochen. Wie konnte dies geschehen und kann es wieder passieren? Das waren zwei der Fragen, die eine Forschergruppe um Dr. Jan Hagen und Felix S. Fremerey von der Berliner „European School of Management and Technology“ (esmt) beantworten wollte. Mitte März 2010 legte Dr. Hagen das Ergebnis vor.
Die Arbeit trägt den Titel „European Banks: The Way Forward Toward Resilient Business Models“. Auf gut Deutsch heißt das: „Der Weg zu nachhaltigen Geschäftsmodellen für europäische Banken.“ Oder im Klartext: Mit welchen Geschäften können Banken auf Dauer, will sagen: nachhaltig überleben? Und wo stehen die deutschen Banken dabei im Verhältnis zu ihrer europäischen Konkurrenz?
Kein gutes Ergebnis für Deutschland
Untersucht wurden 65 Institute in Europa. Das Ergebnis der Studie war dann nicht so schmeichelhaft für die deutschen Banken.
- Viele europäische Banken haben schon vor der Krise mit dem Geld ihrer Kunden schlecht gewirtschaftet. Die Krise hat sie dann um so schärfer erwischt.
- Deutsche Banken können im internationalen Wettbewerb eher nicht gut mithalten.
- "Investment Banking" und "Wachstum durch Akquisitionen" ist für viele Banken kein nachhaltiges Geschäftsmodell. Es zahlte sich nicht aus: Die Profite und damit die Bonuszahlungen für die Manager waren zu gering.
- Steigende Rendite bei weniger Risiko ist das Ergebnis vor allem langfristiger Kundenbeziehungen
Dr. Jan Hagen: „Langfristiger, also nachhaltiger Geschäftserfolg, beruht auf der Entwicklung und dem Angebot von Produkten und Dienstleistungen, die sowohl Privat- wie Firmenkunden Nutzen bieten. Der Fokus auf Investment Banking hat in Europa nur wenigen Finanzinstituten langfristigen Erfolg beschert; für Banken wie UBS, Dresdner Bank und NATIXIS war er regelrecht katastrophal.“
Mehr Kundennähe bringt mehr Nutzen

- Ohne grundlegende Reform werden deutsche Banken im internationalen Vergleich weiter zurückfallen. (Foto: pixelio.de)
Dr. Jan Hagen fordert daher mehr Kundengeschäft statt größerem Investmentbanking. „Die Untersuchung konnte nachweisen, dass bei steigender Rendite durch langfristige Kundenbeziehungen die Ertragsschwankungen und damit das Risiko sinken. Dieses Ergebnis erfordert ein sehr grundsätzliches Überdenken der bisherigen Geschäftsmodell-Annahmen zahlreicher Anbieter."
Darüber hinaus macht die Studie deutlich, dass eine auf Akquisitionen basierende Strategie kurzfristig Gewinn erwirtschaften kann, der Langzeitgewinn jedoch begrenzt ist. So haben nur sechs von den 65 untersuchten europäischen Banken in diesem Sinne „nachhaltig“ gewirtschaftet und das Geld ihrer Kunden vermehrt.
Spanien besser als Deutschland
Ein weiteres Ergebnis der Studie: die Banken in Spanien, Italien und dem Vereinigten Königreich sind international besser aufgestellt als die deutschen und französischen. „Die Studie verdeutlicht den Handlungsbedarf des deutschen Gesetzgebers im Hinblick auf das Drei-Säulen-System deutscher Banken“, erklärt Dr. Hagen und ergänzt: „Ohne eine grundlegende Reform, die zu europaweit gleichen Spielregeln führt und auch die Privatisierung öffentlich-rechtlicher Institute vorsieht, werden die deutschen Banken im internationalen Vergleich weiter zurückfallen und an Bedeutung verlieren."
Banken in Deutschland vor Veränderungen
Nicht zuletzt unter dem Eindruck der globalen Finanzmarktkrise hat sich im September 2008 die Bankenlandschaft in Deutschland tiefgreifend verändert. Die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank und die Beteiligung der Deutschen Bank an der Postbank stellen einen deutlichen Schritt zur Bereinigung des deutschen Bankenmarktes dar. Die beiden neuen Einheiten werden zwar mit einigem Abstand die größten privaten deutschen Banken sein, allerdings behalten die Sparkassen und Volksbanken ihre beherrschende Marktstellung. Insofern stellen die beiden Zusammenlegungen nur den Beginn einer überfälligen Marktzusammenfassung, die in allen anderen europäischen Ländern bereits deutlich fortgeschritten ist.
Deutsche Banken immer noch zu klein
Aber: Auch nach den Transaktionen bleiben die deutschen Banken im Vergleich zu ihren europäischen Wettbewerbern klein. Unter den nach Börsenwert zehn größten europäischen Banken gibt es kein deutsches Institut. Die Deutsche Bank steht auf Platz 14 der Rangliste, und die mit der Dresdner Bank zusammengeschlossene Commerzbank folgt auf dem 19. Platz. Dagegen finden sich auf den vorderen Plätzen in Europa Banken aus Großbritannien, Spanien, Frankreich, Italien sowie der Schweiz. Deutschland bleibt der mit Abstand am stärksten zersplitterte Markt.
Folgen sind negativ

- Die staatlich anerkannte private wissenschaftliche Hochschule "European School of Management and Technology" (Foto: esmt.org)
Im Geschäftsbrief der esmt heißt es dazu: „Die Folgen der anhaltenden Fragmentierung des deutschen Bankensystems sind in der Kostenquote (cost-income ratio) erkennbar. Diese ist für die Gesamtheit der deutschen Banken in den letzten zehn Jahren nicht dauerhaft zurückgegangen, sondern im Gegenteil noch leicht gestiegen. Dagegen kann im europäischen Durchschnitt - parallel zur Zusammenfassung im Bankwesen – ein anhaltender Rückgang der Kostenquote beobachtet werden. Der Wettbewerbsvorteil, den die deutschen Banken noch Mitte der neunziger Jahre im europäischen Wettbewerb hatten, ist somit verloren gegangen, und die meisten europäischen Banken haben mittlerweile einen Effizienzvorsprung vor ihren deutschen Wettbewerbern.“
Auswirkung der Finanzkrise
Das deutsche Universalbanksystem hat sich in der seit Juli 2007 anhaltenden Finanzmarktkrise als stabil erwiesen. Das gleiche gilt aber auch für alle anderen europäischen Bankenmärkte, die ohne die Besonderheiten der drei Säulen-Struktur des deutschen Bankenmarktes auskommen. Die privaten deutschen Banken wurden durch die Finanzmarktkrise nicht in ihrem Vermögen gefährdet. Nur die im Firmenkundengeschäft verankerte IKB Deutsche Industriebank erlitt existenzbedrohende Verluste, weil es in diesem Markt nur wenig zu verdienen gibt. Ein völliger Zusammenbruch der Bank wurde durch eine Rettungsaktion des Großaktionärs verhindert wurde: der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Allerdings musste die KfW zusammen mit dem Bund mehr als 9 Milliarden Euro zur Stützung der IKB aufwenden, ehe sie diese Spezialbank Ende August 2008 für nur noch 115 Millionen Euro an den Finanzinvestor Lonestar verkaufen konnte - also an eine "Heuschrecke".
Landesbanken in Gefahr
Erhebliche Auswirkung hatte die Finanzmarktkrise dagegen bei fast allen Landesbanken (LB), die bis Mai 2008 insgesamt 16 Milliarden Euro abschreiben mussten – weit mehr als die anderen Bankengruppen. Dabei musste die Sachsen LB von der LB Baden-Württemberg übernommen werden, um einen Zusammenbruch abzuwenden. Bei der West LB und Bayern LB waren Garantien ihrer Bundesländer in Höhe von zusammen mehr als 10 Milliarden Euro für den Fortbestand der Institute erforderlich.
Wachsende Probleme

- Die Sachsen LB musste von der LB Baden-Württemberg übernommen werden, um einen Zusammenbruch abzuwenden. (Foto: Landesbank Baden-Württemberg)
Die hohen Verluste der Landesbanken sind ein Indikator für wachsende Probleme im Geschäftsmodell dieser Institute. Der Internationale Währungsfonds hat bereits in einer umfangreichen Studie 2004 auf die Schwierigkeiten deutscher Landesbanken hingewiesen. Auch der Sachverständigenrat der Bundesregierung bezieht einen kritischen Standpunkt im Hinblick auf das Geschäftsmodell der Landesbanken und fordert eine umfassende Reform. Von führenden Politikern werden in der öffentlichen Diskussion Zusammenlegungen der Landesbanken zur Stärkung des deutschen Banksystems favorisiert – überlagert von länderspezifischen Argumenten für oder gegen einzelne
Zusammensetzungen. Im Hinblick auf den europäischen Wettbewerb wäre dagegen vielmehr eine säulen-übergreifende Zusammenlegung wünschenswert, wie sie z.B. bereits in den neunziger Jahren in Frankreich, Italien oder Österreich stattgefunden hat. Nur so können deutsche Banken künftig im Heimatmarkt eine bestimmte Größe erreichen, um in Europa in einer führenden Stellung als finanzielle Alleskönner das Marktgeschehen noch mitzubestimmen. Die Alternative könnte sonst die Übernahme der großen deutschen privaten Banken durch ausländische Institute sein – eine Vorstellung, das der deutschen Öffentlichkeit durch das Übernahmenangebot der chinesischen ICBC Bank für die Dresdner Bank deutlich vor Augen geführt wurde.
[PB]
Über die esmt
Die European School of Management and Technology wurde im Oktober 2002 auf Initiative von 25 führenden globalen Unternehmen und Verbänden gegründet. Die internationale Business School bietet Vollzeit- und berufsbegleitende Executive MBA-Programme, Management-Weiterbildung sowie maßgeschneiderte Programme für Unternehmen und forschungsbasierte Beratung. Die ESMT ist eine staatlich anerkannte private wissenschaftliche Hochschule mit Sitz in Berlin und einem zweiten Campus in Schloss Gracht bei Köln.
