Freitag, 09. April2010
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Brot | Becker | Peter | Salz | EU | Brüssel | Bürokratie
EU will den Bäckern an ihren Teig!

Die Salz-Schlacht ums Brot

Peter Becker
Präsident des Bäcker-Verbandes Peter Becker: „Die EU-Kommission plant, den Salzgehalt in Brot und Backwaren zu reduzieren.“ (Foto: baeckerhandwerk.de)

Das deutsche Bäckerhandwerk läuft Sturm! Am 22. März 2010 hatte der oberste deutsche Bäcker, Herr Peter Becker, in das Haus des „Zentralverbandes des deutschen Bäckerhandwerks“ in Berlin geladen. The European Circle-Korrespondent Peter Brinkmann war dabei und ließ sich bestes Brot und gute Argumente auf der Zunge zergehen. Peter Becker ist Präsident des Bäcker-Verbandes und daher gar nicht gut auf die EU-Bürokratie zu sprechen. Grund ist eine geplante Salz-Maßnahme! Becker: „Die EU-Kommission plant, den Salzgehalt in Brot und Backwaren zu reduzieren.“ Der Streit der deutschen Bäcker gegen die EU entzündet sich an einer Verordnung über gesundheitsbezogene Werbeaussagen, auf die sich die EU vor drei Jahren geeinigt hatte. Diese sieht Höchstwerte für Salz, Zucker und Fett vor. Wenn einer dieser Grenzwerte überschritten wird, darf ein Lebensmittel nicht mehr als „gesund“ beworben werden. Die Nahrungsmittel dürfen aber weiter auf den Markt.

Salz ist gut im Brot

Und so war dem obersten deutschen Bäcker, Peter Becker, nicht zum Scherzen zumute. „Das ist nicht nur ein Eingriff in die Rezepturfreiheit des Bäckerhandwerks, sondern auch eine unzulässige Bevormundung des Verbrauchers“, schimpfte er.  Aber wird das Brötchen wirklich zum Anlass für einen Brot-Krieg? 

Salz ist gesund oder ungesund? 

Es geht also um die sogenannte „Salzverordnung“: In die meisten deutschen Brot-Rezepte gehören rund zwei Prozent Salz – zu viel für eine gesunde Ernährung, findet die EU! 1,3 Prozent Salz - bezogen auf den Mehlanteil - sollen nach dem Willen der EU-Bürokraten genug sein, alles andere soll nicht mehr als „gesund“ beworben werden dürfen! „Vorerst“ hat der zuständige Ausschuss der EU hat den drei wichtigsten Forderungen des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerk im März  auf deren Protest hin nun doch nachgegeben. Die Betonung liegt auf „Vorerst“. Denn die Beschlüsse lauten:
„Vorerst“ wird es keine europaweit einheitlichen Nährwertprofile für Brot geben - also keine Vorschriften, mit wie viel Salz ein Brot gesund ist. Ebenfalls gibt es 

  • keine Kennzeichnungspflicht für lose Waren (unverpackte Brötchen, Brot, süße Teilchen)
  • und kein Bürokratie-Wahnsinn für die Kennzeichnung verpackter Ware (wie etwa eingeschweißter Stollen beim Bäcker zur Weihnachtszeit).

Becker: „Manches deutsche Brot dürfte dann nicht mehr als „gesund“ beworben werden!“ Außerdem fürchten die Bäcker, die EU wolle eine Kennzeichnungspflicht einführen – eine Art Etikett auf jedem einzelnen Brötchen. Becker legte daher beim Frühstück in Berlin weitere Fakten auf den Tisch.

Geschmacksvielfalt erhalten

Geschmacksvielfalt
300 verschiedene Brotsorten werden in Deutschland gebacken (Foto: baeckerhandwerk.de)

Allein in Deutschland werden über 300 verschiedene Brotsorten gebacken. Der traditionelle Bäcker, der sich gerade durch seine ureigene Rezeptur hervorhebt, müsste durch einen von der Brüsseler Bürokratie vorgeschriebenen Salzgehalt seinen individuellen Gestaltungsspielraum und seine Kreativität aufgeben. Aber gerade durch die geschmackliche Vielfalt zeichnet sich die Brot- und Backwarenkultur in Europa aus - und insbesondere in Deutschland. 

EU-Willkür verhindern

Diese Handhabung der Nährstoffe sei willkürlich und nicht nachzuvollziehen, so Peter Becker. Durch diese einseitige Betrachtung wird auf die kulturell bedingten unterschiedlichen Essgewohnheiten der einzelnen Mitgliedsstaaten nicht eingegangen. Und dies, obwohl die Health-Claims-Verordnung (HCVO) in den Erwägungsgründen Nr. 12 ausdrücklich fordert, dass der Verschiedenartigkeit der „Ernährungsgewohnheiten und Konsum-Mustern in den Mitgliedsstaaten“ bei der Festlegung von Nährwertprofilen „gebührende Beachtung geschenkt werden“ soll. Zu deutsch: Finger weg von den Rezepten für das täglich Brot.

Auslegungsmonopol für die EU?

Die Behauptung der Bürokraten in Brüssel, zu viel Salz im Brot sei ungesund, bezeichnet der Verband als „wissenschaftlich nicht gesicherte Aussage“. Verbraucher könnten auch zukünftig darauf vertrauen, dass deutsches Brot gesund sei. Dem faden EU-Einheitsbrot, das Brüssel allen seinen Bürgern aufzwingen will, erteilt Bäckerverbands-Chef Werner daher eine eindeutige Absage: „Brot soll nicht zur Sättigungsbeilage verkommen. Dann schmieren sich die Leute halt Salzbutter oben drauf, wie in Skandinavien, damit ist doch auch nichts gewonnen.“

Was darf als "gesund" gelten - und was nicht?

Salzgehalt im Brot
Der Bäcker-Verband befürchtet Langfristig ein gesetzliches Verbot des besonders salzhaltigen deutschen Brotes durch die EU. (Foto: baeckerhandwerk.de)

„Ich finde es diskriminierend, wenn wir unser gesundes Brot nicht mehr als gesund bezeichnen dürfen“, sagte Becker. „Das finde ich schon pervers“, fügte er hinzu. Die EU habe sich nicht um den Salzgehalt im Brot zu kümmern. Langfristig befürchtet der Verband sogar ein gesetzliches Verbot des besonders salzhaltigen deutschen Brotes durch die EU. Ein Kommissions-Sprecher widersprach den Befürchtungen aus Deutschland. Zwar sei zu viel Salz in der Ernährung "problematisch". Obergrenzen für einzelne Produkte gebe es aber nicht. Von der geplanten Kennzeichnungspflicht seien vor allem großindustriell hergestellte Produkte betroffen; traditionelle Lebensmittel wie Brot seien davon ausgenommen. "Der Bäcker an der Ecke wird sein Brot weiterhin als gesund bewerben können", sagte Kommissions-Sprecher Carsten Lietz. 

SPD: Kein Salz-Verbot im Brot

Jeder Bäcker könne so viel Salz einsetzen, wie er für richtig halte, bekräftigt auch die SPD-Europa-Abgeordnete Dagmar Roth-Berendt: "Es wird nie verboten werden, dem Brot Salz zuzufügen. Das kann jeder Bäcker machen, wie er will. Aber: Wenn er sagen will 'Mein Brot ist besonders gesund und voller Ballaststoffe', dann muss er daneben schreiben, wie viel Salz es enthält, wenn es den Wert übersteigt."

Perverse Pläne

Die deutschen Bäcker würde ein solcher Beschluss hart treffen. Immerhin werden hierzulande beim Brotbacken traditionell 1,8 bis 2,2 Prozent Salz verwendet. Zwar könnten die hiesigen Bäckermeister ihr gehaltvolles Brot vorerst weiter produzieren, als „gesundes“ Nahrungsmittel“ dürften sie es dann aber nicht mehr bezeichnen. „Dieser Logik folgend wäre künftig pappiges Toastbrot gesünder als das vitamin- und ballaststoffreiche Vollkornbrot“, wettert Becker. Der Verbandschef kritisiert die Pläne als diskriminierend, absurd und sogar pervers. Zumal er befürchtet, dass ein Werbeverbot erst der Anfang ist. „Die Regulierungswut der selbst ernannten Gesundheitsapostel wird weitergehen“, prognostiziert Becker.

Die EU hat keine anderen Probleme

Setzen sich die Regulierer in diesem ersten Schritt durch, rechnet er schon mittelfristig mit einem Komplettverbot von Brot mit einem aus EU-Sicht zu hohen Salzgehalt. Hinter den Kulissen wird daher in Brüssel heftig gerungen. Eineinhalb Jahre tobt der Streit um den Salzgehalt im Brot nun schon. Und noch vor Jahresfrist wähnten sich die Regulierungsgegner am Ziel.

Typisch "Brüssel"!

Lebensmittelkennzeichnung für Brötchen?
Die EU-Kommission wünschte für jedes Produkt die Einführung einer einheitlichen Lebensmittelkennzeichnung. (Foto: baeckerhandwerk.de)

Mit den Worten „Wir planen keinen Angriff auf das Brot oder die Brezeln“ war die EU-Kommission im Vorfeld der Europa-Wahl bereits im Frühjahr 2009 zurückgerudert – offenbar aus Angst, den Wählern ein Musterbeispiel für die oft beklagte Brüsseler Regulierungswut zu liefern. Denn mittlerweile ist von Zugeständnissen keine Rede mehr. Ob sich Brüssel am Ende mit seiner Idee durchsetzt, entscheidet nun im Mai die EU-Kommission. Zwar weist ein Sprecher darauf hin, dass traditionelle Lebensmittel wie Früchte, Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Milch und Brot von den Plänen ausgenommen sein sollen. Unklar ist aber weiterhin, was genau als „traditionelles Brot“ definiert wird. Deutschlands Bäcker bekommen Unterstützung vom Handelsverband Deutschland (HDE). „Die Debatte ist völlig überflüssig“, sagt Geschäftsführer Kai Falk. Auch Ernährungswissenschaftler zeigen sich überrascht. Schließlich sei Brot nicht die vorrangige Salzquelle für einen Erwachsenen. Die größten Mengen lauern ihnen zufolge in Fertiggerichten und Wurst, also unter anderem im Brotbelag.

EU will noch mehr

Soweit die Fakten, die beim Bäckerhandwerk offenbar jeder auswendig lernen musste! Jedenfalls können alle damit sehr gut argumentieren. Und weil viele zurecht auf die EU-Bürokratie schimpfen, legt Becker noch eins drauf. „Zudem beabsichtigt die EU-Kommission für jedes Produkt die Einführung einer einheitlichen Lebensmittelkennzeichnung. Es wäre dann Pflicht eines jeden Bäckers, seine Brötchen einzeln mit einem Nährwert-Etikett zu versehen. Können Sie sich vorstellen, dass ein Bäcker hinterm Tresen steht und Brötchen beklebt? Und die Kunden verhungern dabei?" Nun ist die Schlacht aber „vorerst“ geschlagen. Denn Brot werde - ähnlich anderen Lebensmitteln - von der Regelung über Nährwertangaben ausgenommen, heißt es in einem Brief von Kommissionspräsident José Manuel Barroso an Europaparlamentarier.

Als „gesund" beworben

Demnach sollen die Nährwertprofile, in denen die Kommission Höchstmengen an Salz, Fett und Zucker bestimmt, nicht angewandt werden auf "traditionelles Brot", Früchte, Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier und Milch. Sie können weiter als "gesund" beworben werden, ohne dass zum Beispiel ein Bäcker die einschränkende Angabe „Enthält viel Salz" hinzufügen muss. „Diese überflüssige bürokratische Regelung ist vom Tisch und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Das salz- und geschmacksarme europäische Kommissionsbrot bleibt uns erspart, “ so der südwestfälische CDU-Europaabgeordnete Dr. Peter Liese.  „Wir haben jetzt einen Etappensieg errungen“, sagt Armin Werner, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks. Ganz sei der Streit aber noch nicht ausgestanden. „Wir hoffen nun, dass EU-Parlament und Kommission den Vorschlägen des Ausschusses ebenfalls zustimmen.“ Insgesamt blickt das deutsche Bäckereihandwerk mit seinen mehr als 290.000 Beschäftigten in rund 15000 Betrieben auf ein zufriedenstellendes Jahr zurück. Der Umsatz sei mit 12,9 Milliarden Euro stabil geblieben. Zudem habe sich das Brot nicht verteuert. Mit starken Preiserhöhungen für Backwaren müssen die Verbraucher auch in diesem Jahr nicht rechnen. Falls es 2010 zu Preiserhöhungen komme, dann „sehr moderat“ und lediglich regional, sagte Becker.

[PB]