Falsche Frührentner in Italien

- Jährlich kommen 12.000 Frührentnerausweis-Betrüger hinzu. (Foto: schramm)
Die vom statistischen Landesamt in Rom veröffentlichten Zahlen für das Jahr 2009 und die Prognose für 2010 ist in der Tat erschreckend: Der Betrug mit dem Frührentnerausweis – in Italien werden deren Inhaber "baby-pensionati" genannt – hat den italienischen Staat im Jahr 2009 schätzungsweise rund eine Milliarde Euro gekostet. Die Steuerbehörde kann die Zahl der falschen Frührentner zwar nicht beziffern, weil ihr offenbar noch geeignete Kontrollmechanismen fehlen. Sie geht aber davon aus, dass jährlich rund 12.000 hinzukommen -besonders im Süden des Landes.
Ein Gespinst der Begünstigung
Insgesamt ist es auf der Apenninen-Halbinsel eine alte und immer wieder beklagte Geschichte: Wer sein Ticket zum Besuch eines Heimspieles des Fußballclubs SSC Neapel aus eigener Tasche bezahlt, gehört zu den „Gescheiterten der Stadt“. Das ist ein böses, sarkastisches – und zugleich wahres – Wort des Philosophen Luciano De Crescenzo, der zu den intimsten Kennern der neapolitanischen Volksseele gehört. Es beleuchtet jenes Gespinst der Begünstigung und Bereicherung, das seit jeher vor allem im Süden Italiens Ausdruck von Klientel- und Vetternwirtschaft ist. Zu Wahlkampfzeiten steigt die Zahl der Ehrenkarten. Viele von denen, die in Napoli ihre Mannschaft im Stadion San Paolo unterstützen, haben entweder eine Ehrenkarte – oder einen Invalidenausweis. Die Ehrenkarte weist ihren Besitzer als jemanden aus, der in der Gunst eines anderen wichtigen Menschen steht. Sei es ein einflussreicher Beamter, ein Unternehmer oder ein Politiker. So kommt es beispielsweise, dass in Wahlkampfzeiten die Zahl der Ehrenkartenbesitzer sprunghaft ansteigt und die Stadionränge gut gefüllt sind.
Die gelben Dokumente sind heiß begehrt

- Der Invalidenausweis ermöglicht jegliche Vergünstigungen sowie frühzeitige Rentenzahlung (Foto: pixelio.de)
Der Invalidenausweis jedoch gilt als ein noch bedeutenderes Gütesiegel, denn dessen Besitz bringt mehrfachen Gewinn. Er ist ein Sesam-öffne-dich nicht nur für Stadiontore, sondern auch für öffentliche Verkehrsmittel oder der Schlüssel für frühzeitige Rentenzahlung – schließlich für reduzierte Kfz-Steuer und kostenfreie Parkplätze in den Zentren der überfüllten Städte. So hatte die Polizei, diesmal nicht in Neapel, sondern in Palermo, vor einiger Zeit eine Razzia gestartet, um Inhaber falscher Invalidenausweise aufzuspüren. Mit einigem Erfolg: rund 22.000 gefälschte oder auf betrügerische Weise ergaunerte echte gelbe Dokumente wurden eingezogen. Es waren Ausweise längst gestorbener Familienangehöriger. Auch Ausweise, die mit Hilfe gefälschter Atteste erworben worden waren. So wurden Erinnerungen wach an die Amtszeit des früheren, aus Palermo stammenden römischen Postministers Carlo Vizzini. In seinem Ministerium waren fast im Akkord Invaliditätsbescheinigungen verkauft worden, zu Preisen bis zu seinerzeit 30 Millionen Lire, nach heutigem Wert etwa 15.000 Euro. Das Beispiel ließe sich fortsetzen: Im Vorfeld der Regionalwahlen Ende März 2010 wurde Fälle bekannt, in denen Rentnerausweise gegen Wahlstimmen „verhökert“ wurden. Die Behörden sprechen von einem kriminellen Netzwerk.
Der Beinamputierte spielte eifrig Fußball
Italiens falsche Invaliden, das war und ist immer wieder ein teilweise tolldreistes Spiel vor den Augen einer amüsierten Öffentlichkeit. Über lange Jahre hinweg wurde dieses Spiel kaum geahndet. So erzählen Spötter die Geschichte von dem „Blinden“ aus Spoleto, der seine Rente bezog und sie gleichzeitig als Chauffeur eines Stadtverkehrsbusses aufbesserte. Da gab es den mit Brief und Siegel beglaubigten Beinamputierten, der eine Stütze der heimischen Fußballmannschaft war, und da gab es das Dörfchen Militello Rosmarino in Sizilien: etwa 500 der insgesamt 1200 Einwohner firmierten als Lahme, Blinde, Sieche mit vorzeitigem Rentenanspruch. Und eigentlich ist es ein Zeichen von Hilflosigkeit, das die Carabinieri auf Weisung der Regierung jetzt dazu übergegangen sind, mit Videokameras in den Postämtern, wo die Renten traditionsgemäß ausgezahlt werden, die in der Schlange stehenden Rentner zu überprüfen.
[KS]
