19. August 2010

Von: PB

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AntonioTajani | Heinz Zourek | Rohstoffinitiative | EU-Kommission | Günther Verheugen | Germanium
Droht Funkstille für Handys?

Rohstoffe für Batterien werden knapp

Berlin – Sind unsere Handys bald alle stumm? Europa droht eine Unterversorgung mit Mineralien, die für die ganze Handy-Industrie wichtig sind. Insgesamt ist die Versorgungslage bei 14 von 41 überprüften Mineralien kritisch. Was Europa jetzt unternehmen muss, um diese Lücke zu füllen, darüber sprach Heinz Zourek, Generaldirektor der EU-Kommission für Rohstoffsicherung am 1. Juli 2010 in Berlin. European Ciricle-Korrespondent Peter Brinkmann war dabei.
Lithium Handy-Akku
Europa hat zu wenig Lithium. (Foto: a.schramm)

Ohne Rohstoffe keine industrielle Produktion. In einem Mobiltelefon werden beispielsweise 40 verschiedene Stoffe verwendet wie Lithium, Tantal, Kobalt und Antimon, und diese Stoffe sind immer schwieriger zu bekommen. Auch für Rechner und Fernsehbildschirme werden diese Metalle benötigt. Für einen Rechner braucht man rund 60 verschiedene Rohstoffe, von denen manche in Europa nicht vorkommen. Wegen steigender Nachfrage aus Schwellenländern wie China und Indien sind die Preise für diese Stoffe gestiegen.

Wir benutzen unsere Handys inzwischen ganz selbstverständlich. Doch die Batterien brauchen Lithium. Und davon hat Europa zu wenig. Germanium ist ein anderer Rohstoff, den wir für die moderne Fiberglastechnik und Infrarotoptik benötigen, von dem wir aber auch nicht genug haben. Zu den knappen Rohstoffen gehören auch Magnesium und Graphit, aber auch Kobalt, das für die Herstellung von Akkus und synthetischen Kraftstoffen genutzt wird. Ferner Gallium, das unter anderem für dünne Sonnenkollektoren benötigt wird und Platin, das in  Katalysatoren Verwendung findet. Oder Neodym, mit dem unter anderem Magnete für Kernspintomografen produziert werden. Indium wird für Bildschirme und Dünnschichtphotovoltaikmodule benutzt, Palladium für Katalysatoren und Meerwasserentsalzung, Niob für Mikrokondensatoren und Eisenlegierungen; Tantal für Mikrokondensatoren und medizinische Techniken.

Heinz Zourek
Heinz Zourek, Generaldirektor der EU-Kommission für Rohstoffsicherung (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2010)

Nur vier Länder

Zourek: „Das alles brauchen wir, haben es aber nicht in ausreichendem Maße.“  Ein sehr großer Teil dieser Mineralien stammt aus nur vier Ländern: China (Antimon, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Magnesium, seltene Erden, Wolfram), Russland (Metalle der Platingruppe), die Demokratische Republik Kongo (Kobalt, Tantal) und Brasilien (Niob und Tantal). In China wird  etwa 90 Prozent des Neodyms und 75 Prozent des Germaniums gefördert. 90 Prozent des Legierungsstoffs Niob stammt  aus Brasilien. Kongo ist Hauptlieferant von Kobalt. Auch der Abbau von Kupfer spielt in Kongo eine Rolle.

Konsequenzen für EU

Das ist die Ausgangslage. Direktor Zourek: „Dies sind für Europa strategische Rohstoffe. Wir müssen uns daher jetzt drei Grundüberlegungen stellen:

  1. Wir brauchen einen diskriminierungsfreien Zugang zu den Weltmärkten.
  2. Wie lässt sich eine dauerhafte Versorgung aus europäischen Quellen organisieren?
  3. Wie kann man den Verbrauch dieser Rohstoffe innerhalb Europas reduzieren?“

Bis zum Jahr 2030 wird sich die Nachfrage nach einigen Mineralien voraussichtlich verdreifachen, so Zourek. Der Verbrauch von Gallium etwa werde dann viermal so hoch liegen wie die heute geförderte Menge. Da Länder wie Indien, Brasilien und China nunmehr rasant eine technische Entwicklung durchlaufen, steigt deren Bedarf ebenso rasant an. Zusätzlich wird der Hunger nach Rohstoffen dieser Art durch neue Umweltgesetzgebungen in den Förderländern erheblich gebremst. Das schränkt schon jetzt in der EU die Rohstoffförderung ein.

Die Folge: Schon jetzt fragt sich die Kommission, ob die EU ihre Umwelt- und Naturschutzregeln wie die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie grundlegend überarbeiten muss. Unabhängig davon muss die EU den Dialog mit Afrika, Amerika und China intensivieren, um die Rohstoffversorgung langfristig sicherzustellen. Dazu wird EU-Industriekommissar Antonio Tajani noch in diesem Jahr konkrete Vorschläge vorlegen.

Direktor Zourek: „Wir brauchen in der EU ein einheitliches Bewertungsschema: Welche Nachfrage haben wir für die nächsten zehn Jahre zu erwarten, welcher Bedarf ergibt sich daraus und wo gibt es Zugriffsmöglichkeiten auf den Weltmärkten für diese Rohstoffe? Wir brauchen also eine Art Rohstoffdiplomatie. Es darf kein weltweites Wettrennen um diese Rohstoffe geben. Das ist es, wenn wir von einem „diskriminierungsfreien“ Zugang sprechen. Für alle Länder muss der Zugang zu den Rohstoffen gewährleistet sein. Es kann nicht sein, dass China allein die Rohstofflager aufkauft.“

Zusammen mit Afrika handeln

Antonio Tajani
EU-Kommissionsvizepräsident Antonio Tajani (Foto:ec.europa.eu, Credit © European Union, 2010)

So kam es bereits zu einem Gipfel in Addis Abeba, an dem die EU Kommission und die „Union afrikanischer Staaten“ (AU) teilnahmen. Zourek: „Die afrikanischen Länder haben ihre Erfahrungen mit China gemacht, suchen wieder die Annäherung an Europa, an die EU. Wir müssen die Welthandelsorganisation WTO miteinbeziehen. Aufgrund der hohen Abhängigkeit von Importen sind freie Weltmärkte eine Voraussetzung für die Rohstoffversorgung, doch die Handels- und Wettbewerbsverzerrungen haben infolge der Wirtschaftskrise noch zugenommen. Die Herausforderungen für die Versorgung mit nichtenergetischen Rohstoffen betreffen Wirtschafts- und Umweltpolitik ebenso wie Außen-, Handels- und Entwicklungspolitik. Dazu gehören eine bessere Koordination in der Entwicklungszusammenarbeit wie auch andere Initiativen zur Stabilisierung rohstoffreicher Entwicklungsländer und Organisationen, die sich für Transparenz und gegen Korruption auf den Rohstoffmärkten einsetzen.

Neue Entwicklungspolitik

Rohstoffpolitik kann auch Entwicklungspolitik sein. Es darf aber kein Rohstoff-Kapitalismus werden. So sind viele Länder in Afrika reich an Rohstoffen, aber arm an Technik, diese Rohstoffe auch abzubauen. Das müssen wir als EU gemeinsam anfassen.“  Nach Ansicht der Kommissions-Fachleute muss die EU auch ihre Handelspolitik noch stärker auf die Sicherung der Rohstoffversorgung einstellen. Dabei gehe es zum einen um bilaterale Abkommen mit wichtigen Lieferanten.

Ziel Nummer 2 ist die bessere Erschließung europäischer Lager. Hier kommt es wegen der Umweltgesetze immer wieder zum Konflikt mit den Umweltschützern. Zourek: „Es kann aber kein Entweder-Oder geben. Sondern es muss gemäß der Richtlinie „Natura 2000“ ein „Sowohl – Als Auch“ geben. Abbau von Mineralien muss auch dort möglich sein, wo es Umweltschutzgesetze sonst verbieten würden. Wir brauchen eine große Kooperation. Dabei müssen Methoden und Fachwissen verknüpft werden mit ökologischer Sinnhaftigkeit. „

Ziel Nummer 3 schließlich ist die Wiederverwertung der Rohstoffe, also eine bessere Recyclingquote. Derzeit stapeln sich noch zu viele ungenutzte Altgeräte mit wertvollen Rohstoffen in Privathaushalten. Zudem landen immer noch wichtige Rohstoffe auf Müllkippen, statt wiederverwertet zu werden. EU-Kommissionsvizepräsident Antonio Tajani: „Es ist unser Ziel, sicherzustellen, dass Europas Industrie auf diesem Feld eine führende Rolle bei neuen Techniken und Innovation einnehmen kann, und wir müssen sicherstellen, dass wir dafür die notwendigen Instrumente schaffen“, sagte Tajani.

Heinz Zourek
Direktor Zourek: „Rohstoffe werden für Industrieprodukte jeglicher Art benötigt.“ (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2010)

Konferenz im September

Am 21. und 22. September 2010 findet eine EUROFORUM-Konferenz zum Thema „Technikmetalle“ im Hotel Hessischer Hof in Frankfurt am Main statt. Dieses Forum greift die aktuellen politischen Anstrengungen zur Sicherung der Rohstoffversorgung für Zukunftstechniken auf und stellt Marktaussichten und Preisentwicklungen für einzelnen Rohstoffe vor. Die Ergebnisse der EU-Analyse über die weltweite Verfügbarkeit von mineralischen Rohstoffen und deren  Bedeutung für die europäische Wirtschaft erläutert Dr. Volker Steinbach (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR). Gemeinsam mit anderen europäischen Rohstoff-Experten hat das BGR die Analyse für die EU durchgeführt und 14 Mineralien identifiziert, bei denen Knappheiten drohen. Neun dieser Rohstoffe kommen aus China.

Auch die Bundesregierung nimmt sich der Rohstoffversorgung immer stärker an. Das Bundeswirtschaftsministerium kündigte ebenfalls für Herbst eine neue Rohstoffstrategie an und lud bereits zweimal Verbände, Unternehmen, Gewerkschaften sowie das Auswärtige Amt und das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zu einem Rohstoffdialog ein. Erste Ergebnisse dieser Gespräche sind die Gründung der Rohstoffagentur, die Forcierung neuer Rohstoffpartnerschaften mit Entwicklungsländern sowie bessere Rahmenbedingungen für das Recycling von Wertstoffen. Als Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums erläutert Dr. Karl Heinz Pieper die Eckpunkte einer neuen Rohstoffpolitik und betont die Bedeutung der Rohstoffversorgungssicherheit für die EU und Deutschland.

Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland.

Am Beispiel der Elektromobilität zeigt Dr. Henrik Hahn (Evonik Litarion GmbH) die strategische Bedeutung von Lithium und Kobalt auf. Dr. Marko Gernuks (Volkswagen AG) erläutert die Rohstoff-Risiken und damit verbundenen Preis-Risiken für Elektro-Autos und betont den Beitrag von Recycling für die künftige Versorgung mit Rohstoffen. Über die Versorgungslage mit polykristallinem Silizium für die Entwicklung der Fotovoltaik und Mikroelektronik berichtet Dr. Wolfgang Storm (Wacker Chemie AG).Die Substitution und das Recycling von Technikmetallen stehen im Fokus des zweiten Konferenztages. Hier sprechen unter anderem Dr. Wulf Brämer (Heraeus Holding GmbH) und der Vizepräsident des Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) Ulrich Didzun (RDE Rücknahmen Demontagen Elektronik – Recycling GmbH).

Direktor Heinz Zourek: „Rohstoffe werden für Industrieprodukte jeglicher Art benötigt. Die europäische Industrie muss Rohstoffe aus Europa und aus anderen Ländern in ausreichender Menge und zu fairen Bedingungen beziehen können. Bei bestimmten Hochtechnikmetallen ist die EU äußerst importabhängig, und es wird zunehmend schwierig, sie zu bekommen. Viele rohstoffreiche Länder behindern mit protektionistischen Maßnahmen Rohstoffexporte nach Europa, um ihre eigene Industrie zu begünstigen. Darunter leiden in Europa etliche Industrieunternehmen. Außerdem versuchen Schwellenländer, sich in rohstoffreichen Ländern, vor allem in Afrika, privilegierten Zugang zu Rohstoffen zu verschaffen. Wenn Europa jetzt nicht handelt, drohen seiner Industrie Wettbewerbsnachteile. Deshalb hat die Kommission einen Vorschlag für eine umfassende Strategie vorgelegt, die gezielte Maßnahmen vorsieht, um die Rohstoffversorgung der europäischen Industrie zu sichern und zu verbessern.“

Schon 2008 hatte der damalige Kommissionsvizepräsident Günther Verheugen, zuständig für Unternehmen und Industrie, gesagt: „Wir müssen handeln, damit die Versorgung unserer Industrie mit Rohstoffen nicht ins Stocken gerät. Wir brauchen faire Bedingungen auf außereuropäischen Märkten, Rahmenbedingungen, die die langfristige Nutzung europäischer Rohstoffquellen ermöglichen, mehr Ressourceneffizienz und mehr Recycling. Wir wollen dafür sorgen, dass die europäische Industrie auch in Zukunft eine führende Rolle bei der Entwicklung neuer Technologien und innovativer Produkte spielen kann.“

[PB]

Wissenswertes über nichtenergetische Rohstoffe:

Die Herstellung technisch anspruchsvoller Produkte erfordert zunehmend kritische Rohstoffe, vor allem Hochtechnologiemetalle. Wurden in den 1980er Jahren für die Herstellung von Computerchips 12 Rohstoffe benötigt, so sind es heute bis zu 60.

Es gibt über 450 Exportbeschränkungen für 400 verschiedene Rohstoffe wie Metalle, Holz, Chemikalien, Felle und Häute und sogar für Sekundärrohstoffe wie Metallschrott. Ein Beispiel für solche marktverzerrenden Beschränkungen sind die von Russland erhobenen Exportabgaben auf Holz und Holzprodukte. Sie behindern in der EU bereits die Produktion in der Holz verarbeitenden Industrie und gefährden dort Tausende von Arbeitsplätzen. Noch größerer Schaden ist zu befürchten, wenn die russische Regierung nächstes Jahr die Exportabgaben wie geplant weiter erhöht.

Viele wichtige Rohstoffe werden nur in wenigen Ländern erzeugt. China erzeugt 95 % aller Konzentrate seltener Erden (sie werden für elektronische Kleingeräte, Flüssigkristallanzeigen und Hochleistungsmagnete gebraucht), Brasilien erzeugt 90 % allen Niobs (Bestandteil von hochfesten Stahllegierungen und von Superlegierungen für thermisch hoch belastete Bauteile von Flugtriebwerken), und Südafrika erzeugt 79 % allen Rhodiums (wird für Abgaskatalysatoren von Kfz gebraucht).

Bedeutende Rohstoffvorkommen liegen in Teilen der Welt, die politisch und wirtschaftlich instabil sind. Über 50 % der wichtigsten Vorkommen liegen in Ländern mit einem Bruttonationaleinkommen von 10 US-Dollar oder weniger pro Kopf und Tag.

Die Industrie der EU verwendet in großem Umfang Sekundärrohstoffe. So können in der Bauindustrie 10-20 % der primären Zuschlagstoffe durch Recycling-Zuschlagstoffe ersetzt werden, und die in der EU erzeugten Metalle stammen heute zu 40 bis 60 % aus Schrott.

Recycling hat den Vorteil, dass es Energie spart. Das gilt vor allem für die Metallerzeugung, wo bei Verarbeitung von Sekundärrohstoffen (Schrott) weit weniger Energie verbraucht wird als bei der Verarbeitung von Primärrohstoffen. So erfordert das Wiedereinschmelzen von Aluminiumschrott nur 5 % der elektrischen Energie, die zur Verarbeitung von Aluminiumerz nötig ist.