Seite ausdrucken Social bookmarks: Keywords:
Es fehlen europäische Standards

- Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil e.V. (Foto: textilforschung.de)
Wer hat sie nicht schon gesehen, live auf Modemessen, oder wenigstens in den Print- und Fernsehmedien? Die neuesten Modekreationen zur Frühjahrs- und Herbstsaison der Spitzendesigner Lagerfeld und Co.. Unterschwellige Modediktate von den Laufstegen in Paris, Mailand oder Düsseldorf hinsichtlich Schnitt, Länge und Farbe der Stoffe, denen Mann oder Frau sich nur schwer entziehen kann.
Dabei könnte der Verbraucher den Eindruck gewinnen, dass die viel beachteten und kopierten Modetrendsetter den Hauptumsatz in der Textil- und Bekleidungsbranche erzielten. Ein Vorurteil, das der Geschichte der modernen Entwicklung der Textilindustrie nicht gerecht wird. Textile Faserstoffe werden nicht nur klassisch eingesetzt: in der Mode, Bekleidung sowie in Haus- und Heimtextilien, sondern branchenübergreifend. Während sie in der Bekleidung weich und flauschig sind, können sie in der Schutzbekleidung spröde und hart sein, um Metallsplitter abzuhalten. Auch wer mit dem Airbus A 380 fliegt, dessen Karosserie zu 20 Prozent aus textilen Leichtbaumaterialien besteht, ist von Fasern umgeben. Nicht anders ist es beim Auto: Zahnriemen, Schläuche, Reifen, Verkleidungen werden mit Textilien verstärkt. Und selbst im Betonbau will man auf Glas- und Kohlefasern als Ersatz für Stahl nicht mehr verzichten.
Von der Textilindustrie zur Werkstoffwissenschaft
Diese Weiterentwicklung der Schnittindustrie war ein schleichender Prozess. In den sechziger Jahren geriet die klassische Textilindustrie zunehmend unter Druck: Billigimporte aus dem Nahen Osten und Nordafrika machten heimischen Textil- und Bekleidungsproduzenten Konkurrenz. Daraufhin haben in den siebziger und achtziger Jahren die meisten Unternehmen nach neuen Produktionsmethoden geforscht, um Märkte zu erschließen. Zunehmend wurden technische Textilien branchenübergreifend für den Automobil-, Schiff-, Flugzeugbau, Transport- und Landschaftsbau hergestellt. Die Industrie profitierte von den Forschungsarbeiten, die das Wirtschaftsministerium über das Förderprogramm der Industriellen Gemeinschaftsforschung (FIG) finanziell unterstützt hat.
Deutschlands weltweite Spitzenposition

- Innovationstag Mittelstand am 17. Juni 2010 (Foto: textilforschung.de)
“Inzwischen werden knapp die Hälfte des Umsatzes in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Deutschland über technische Textilien erwirtschaftet“, erklärt Marcus Jacoangeli, kaufmännischer Leiter vom Gesamtverband textil+mode (GTM) in Berlin. 2008 fielen von insgesamt 15 Milliarden Euro Umsatz in der Textilindustrie in Deutschland 6,75 Milliarden Euro auf die interdisziplinär ausgerichtete Branche, die weit verzweigt auf die Herstellung technischer Textilien spezialisiert ist. Doch trotz globaler Spitzenposition Deutschlands fehlen bisher europäische Standards zur Harmonisierung eines gemeinsamen Marktes.
Gleiche Probleme - unterschiedliche Märkte:
Deutsche und französische Textilforscher im Dialog
Als FKT-Geschäftsführer Klaus Jansen Anfang Juli von einer gemeinsamen Veranstaltung vom GTM und der französischen Branchenvereinigung Union des Industries Textiles aus Straßburg zurückkehrte, wurde vor allem eines deutlich: Zwischen Frankreich und Deutschland gebe es gleiche Probleme, aber unterschiedliche nationale Standards. Dies erschwere die Einführung technischer Textilien frankreich- und europaweit. Solange französische Entwicklungsingenieure nicht die Eigenschaften des Werkstoffs Textil kennen, können sie im Beruf auch nicht damit arbeiten. Die Folge: sie greifen lieber auf bewährte Methoden zurück und bauen Häuser immer noch aus Stahl- und nicht aus Textilbeton. Das Wissen über die neuen Werkstoffe müsste länderübergreifend in Ausbildung und Lehre fließen.
Aufgabe von Schulen und Universitäten sei es, Schüler und Studenten über die Weiterentwicklung der Textilindustrie und ihre facettenreichen Produkte zu informieren. Jansen will sich auch dafür einsetzen, dass die Ergebnisse des Forschungskuratoriums Textil, hinter dem 21 Wirtschaftsorganisationen und 1.500 Mitgliedsunternehmen stehen, weitreichend publiziert werden.
EU-Richtlinien für Herstellung und Verkauf
FKT-Geschäftsführer Jansen plädiert deshalb für eine EU-weite Harmonisierung von Richtlinien, an der sich jeder europäische Hersteller orientieren kann, der am gemeinsamen Markt teilnimmt. “So können Qualitätsstandards gesetzt werden, die den Markt regulieren und vor schwarzen Schafen schützen”, sagt Jansen in Berlin. Der Verbraucher könnte vor minderwertigen Waren geschützt werden, die allein dem Preisdiktat folgen. Immer wieder gibt es Beispiele für außereuropäische Anwender, deren Musterteile die Qualitätstests zwar bestehen. Aber die dann mit dem Container gelieferte Massenware liegt außerhalb der Standards - und taugt also nichts.
[CH]









