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“Irland ist nicht nur eine Wirtschaft”

- Der irische Botschafter Dan Mulhall (Foto: tv.berlin)
European Circle: Was ist denn passiert bei Ihnen, dass Sie jetzt 85 Milliarden Euro EU-Hilfe brauchen?
Mulhall: Diese Zeiten sind traurig und schwierig für Irland, aber wir haben grundsätzlich eine starke Wirtschaft. Wir haben allerdings zwei Probleme: Die Banken sind zu groß für uns, wir mussten sie verkleinern. Sie haben zu viel Geld in den Immobiliensektor investiert und haben viel Geld verloren – wir mussten dieses Geld zurückzahlen. Wir mussten viel Geld in die Hand nehmen um das Bankensystem zu stabilisieren. Zweitens haben wir ein Haushaltsdefizitproblem mit elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Wir müssen harte Sparmaßnahmen ergreifen und haben einen Vier-Jahres-Plan vorgelegt, mit Sparmaßnahmen zwischen 2011 und 2014 in der Höhe von ungefähr 15 Milliarden Euro, etwa zehn Prozent des BIP. Das ist sehr schwierig für die Bevölkerung, dass wir diese Maßnahmen ergreifen mussten.
European Circle: Im Februar 2011 sind Neuwahlen. Erwarten Sie eine Abrechnung mit der Regierung?
Mulhall: Die Parteien in Irland haben alle die Meinung, dass wir Sparmaßnahmen ergreifen müssen. Natürlich gibt es Unterschiede in der Meinung darüber, welche Sparmaßnahmen das sein sollen. Aber alle Parteien in Irland glauben, dass der Schuldenstand bis 2015 auf unter drei Prozent des BIP sinken muss. Alle haben also akzeptiert, dass wir Sparmaßnahmen ergreifen und höhere Steuern einführen müssen. Es ist traurig, aber es ist tragbar für ein Land wie Irland – wir sind ein exportorientiertes Land und haben grundsätzlich eine starke Wirtschaft und eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung. Wir haben ein gutes Potenzial für die Zukunft. Ich bin zuversichtlich, dass wir aus dieser Krise kommen können und werden. Wir sind entschlossen, die Maßnahmen zu ergreifen um unsere Wirtschaft zu stabilisieren und eine nachhaltige Wirtschaft zu schaffen.
European Circle: Sie müssen sich ja auch vor den Deutschen rechtfertigen.
Mulhall: Sie können sicher sein, dass wir jeden Euro, den wir von Deutschland leihen müssen, zurückzahlen werden. Wir werden alles zurückzahlen. Wir sind entschlossen, diese Probleme zu lösen. Wir haben gedacht, dass wir diese Probleme ohne Hilfe von anderen Ländern lösen können, aber das war nicht möglich, denn die Zinssätze waren für uns zu hoch. Wir können jetzt unter diesem Hilfspaket das Geld, das wir brauchen, mit einem Zinssatz von 5,8 Prozent bekommen. Wir haben einen Fehler gemacht und wir müssen jetzt zahlen. Aber wir sind entschlossen, eine neue und starke Wirtschaft zu schaffen. Wir können und wollen das tun und wir werden unsere Wirtschaftslage in den kommenden Jahren verbessern.
European Circle: Wenn Sie noch einmal jung wären und sich entscheiden könnten – wenn Sie geahnt hätten, dass Sie einmal in eine solche Situation kommen, hätten Sie sich dennoch dazu entschieden, Diplomat zu werden?
Mulhall: Ich wurde in den 50er Jahren in Irland geboren und damals war Irland relativ unterentwickelt. In meiner Karriere habe ich einen wunderbaren Fortschritt für die irische Wirtschaft gesehen und ich bin stolz, dass wir jetzt eine starke Wirtschaft haben. Natürlich müssen wir sparen und es kommen schwierige Zeiten in den nächsten zwei, drei Jahren auf uns zu. Aber ich bin immer stolz auf die Fortschritte, die wir in Irland in den letzten 30 Jahren gemacht haben.
European Circle: Mit dem EU-Beitritt im Jahr 1973 hat Irland einen Riesensprung gemacht. Damit ist die Grundlage für die starke Wirtschaft gelegt worden. Hat sich dadurch eine Gier entwickelt?
Mulhall: Die letzten 20 Jahre haben Irland zum ersten Mal zu einem völlig entwickelten Land gemacht. Für uns ist das neu, wir müssen zum Beispiel von Deutschland lernen. Es ist eine neue Erfahrung für uns, eine starke Wirtschaft zu haben. Wir müssen noch lernen, wie man ein nachhaltiges Wachstum haben kann. Man muss die Geschichte Irlands verstehen, die Leute in Irland glauben, dass man ein eigenes Haus besitzen soll – das ist anders als in Deutschland. Die irische Geschichte war traurig, die Leute haben ihr Land und ihre Häuser verloren und jetzt glaubt die Bevölkerung, dass der Immobiliensektor sehr wichtig ist. In Zukunft werden wir gegenüber dem Immobiliensektor ein wenig skeptischer sein.
European Circle: Aber das hätten doch die Banken und Politiker in Irland erkennen können. In Irland war es ja ähnlich wie in Amerika: Häuserbau kostet viel Geld und manche Leute haben das Geld nicht – die Banken haben es den Leuten aber trotzdem gegeben. Jetzt haben Sie zu viele leere Häuser stehen, weil die Leute sie nicht bezahlen können. Sie haben zu viel Geld verliehen, ohne es zurückzubekommen.
Mulhall: Jemand kann natürlich jetzt sagen, dass er diese Probleme früher gesehen hat. Aber wenn man eine Blase im Immobiliensektor hat, ist es schwierig, diese Blase zu verhindern. Es ist schwierig, so eine Situation zu verhindern und einen anderen Weg zu finden. Aber wir haben aus dieser Krise gelernt und ich bin sicher, dass wir in der Zukunft stabiler werden.
European Circle: Wenn Sie in das Jahr 2011 blicken, wie wird sich Irland entwickeln?
Mulhall: Ich glaube, dass 2011 für Europa und für Irland besser wird als dieses Jahr. Unsere Wirtschaft hat sich in diesem Jahr stabilisiert und wir erwarten für nächstes Jahr ein Wachstum um ein, zwei Prozent. Das bedeutet, dass unsere Wirtschaft durch Exporte und durch starke Technologie und Industrie wieder wachsen wird. Das ist sehr wichtig für uns, wir wollen und wir werden dieses Geld zurückzahlen. Damit wir das tun können, muss die Wirtschaft wieder wachsen.
European Circle: Als Sie Diplomat wurden, wollten Sie da immer schon nach Deutschland?
Mulhall: Ich bin ein Historiker und interessiere mich sehr für die Geschichte Deutschlands. Ich bin entschlossen, alles über Deutschland völlig zu verstehen.
European Circle: Wollten Sie denn schon immer Diplomat werden?
Mulhall: Nein, nein, nein. Ich interessiere mich sehr für Geschichte und auch für Literatur. Ich glaube, dass die irische Kultur sehr wichtig ist in Deutschland – mehr als 400.000 Deutsche fahren jedes Jahr im Urlaub nach Irland. Sie fahren dort wegen der Landschaft und der Kultur hin – und die irische Gastfreundschaft ist groß. Irland ist nicht nur eine Wirtschaft, es ist ein Land mit einer einzigartigen Kultur, lebendiger Musik und Tanz und so weiter. Ich bin stolz auf die Kultur Irlands. Auch viele Deutsche lieben die irische Kultur.
European Circle: Und da stoßen sie dann immer auch auf Straßenschilder, die sie nicht verstehen.
Mulhall: Wir haben zwei Amtssprachen, Gälisch und Englisch. Die meisten Iren sprechen Englisch als Muttersprache und lernen Gälisch in der Schule, es gibt aber auch Iren, die Gälisch als Muttersprache haben – etwa 100.000 Menschen. Es gibt auch Schulen mit Gälisch als Unterrichtssprache. Die Schüler, die aus diesen Schulen kommen, sprechen sehr gut Gälisch.
Wir sind ein englischsprachiges Land – der Unterschied zwischen Irland und England ist die Geschichte Irlands und seine Kultur und eben auch Gälisch. Jedes Kind in der Schule lernt Gälisch. Aber untereinander sprechen die meisten Menschen Englisch. In Westirland gibt es aber Gemeinden, die nur Gälisch sprechen.
European Circle: Wo waren Sie im diplomatischen Dienst, bevor Sie nach Deutschland kamen und hier Botschafter wurden?
Mulhall: Ich war vier Jahre lang Leiter der Europäischen Abteilung im Außenministerium. Da war es schwierig, den Lissabon-Vertrag zu erklären.
European Circle: In Irland wurde ja auch zweimal über den Vertrag abgestimmt. [Aus verfassungsrechtlichen Gründen fand 2008 eine Volksabstimmung über den Lissabon-Vertrag in Irland statt. Dabei sprachen sich – bei einer Wahlbeteiligung von nur 53,1 Prozent – 53,4 Prozent der Wahlberechtigten gegen den Vertrag aus. Bei einem zweiten Referendum im Oktober 2009 sprachen sich schließlich 67,1 Prozent der Wähler für den Vertrag aus. Anm. d. Red.]
Mulhall: Wir haben eine starke Demokratie – die Bevölkerung glaubt, dass sie alles entscheiden muss. Daher musste wir eine Volksabstimmung über den Lissabon-Vertrag haben. Für mich ist das ein Vorteil, denn dadurch musste die Bevölkerung sich näher mit dem Vertrag befassen und mehr darüber lernen. Ich glaube, im Endeffekt hat die Bevölkerung diesen Vertrag verstanden.
European Circle: Ist denn durch die Krise das Gefühl und das Verständnis in Irland, dass wir Europa stärker machen müssen, gewachsen oder eher geschwächt worden?
Mulhall: Ich glaube, dass die Leute denken, dass die Mitgliedschaft bei der Europäischen Union ein großer Vorteil ist. Dass wir Unterstützung von Frankreich und Deutschland und den andern Ländern bekommen können, das ist wichtig für uns. Als kleines Land ist es schwierig, fast unmöglich, allein aus so einer Krise zu kommen.
European Circle: Es ist in Irland also kein Thema, aus der EU auszutreten, und wird auch im Wahlkampf keines sein?
Mulhall: Nein, das ist überhaupt kein Thema. Ich bin sicher, dass die irische Bevölkerung versteht, wie wichtig die EU für Irland ist.
European Circle: Wie gefällt Ihnen Berlin?
Mulhall: Für mich ist Berlin eine Traumstadt. Ich bin ein Historiker mit großem Interesse für die Geschichte Deutschlands. In ganz Berlin gibt es viele Gelegenheiten, die Geschichte Deutschlands kennen und verstehen zu lernen. Ich liebe auch Museen und Berlin hat so viele. Auch Musik und Oper – es ist unglaublich, wie reich Berlin als Kulturstadt ist. Auch mein Sohn und meine Tochter kommen vier, fünf Mal im Jahr nach Berlin und lieben es auch.









