Montag, 10. Januar 2011

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Wirtschaft | Deutschland | Krise | Familienunternehmen
Für gerechtes Wirtschaften nach der Finanzkrise

Familienunternehmen in Deutschland

Trigema
Eine Filiale des Familienunternehmens Trigema. (Foto: wikimedia.org/Claus Ableiter, CC by-sa 3.0)

Dass die Finanzkrise viele börsennotierte Unternehmen in rote Zahlen brachte, ist unbestritten. Denn nach dem Zusammenbruch der größten Investmentbank Lehman Brothers in den USA kam die Finanzkrise im September 2009 schnell nach Europa und hinterließ ihre Spuren. Die Reaktion der Unternehmen waren häufig Kurzarbeit, betriebsbedingte Kündigungen, Lohndrosselung bzw. Lohnstagnation. Die Kosten stiegen zwar jährlich, nicht aber die Gehälter. Ein Faktum, das Helmut Schmidt auf dem diesjährigen Deutschen Wirtschaftsforum in Hamburg bedauerte. Doch der weitsichtige und soziale Denker Schmidt steht mit seiner Forderung nicht allein. Auch Wirtschaftsunternehmen, allen voran die Familienunternehmen, gehen nun an die Öffentlichkeit und plädieren für ein “verantwortungsvolles Wirtschaften nach der Finanzkrise”. So auch die Schaeffler Gruppe in Herzogenaurach, die nach der Übernahme des Auto- und Reifenherstellers Continental AG 2008 wegen der Finanzkrise kurzfristig elf Milliarden Euro Schulden zu verbuchen hatte.
Wie können Unternehmen eine Krise verdauen, ohne dabei zu sparen und Mitarbeiter zu entlassen? Ein scheinbares Paradoxon.

Wirtschaftsethik erfolgreicher Familienunternehmen in Deutschland

Dies jedoch nicht aus der Sicht des schwäbischen Textilunternehmers Wolfgang Grupp, der seit 1969 die Firma Trigema GmbH & Co KG leitet. Nach der Übergabe des Familienunternehmens vom Vater Franz Grupp auf den Sohn Wolfgang sanierte dieser es nicht nur und befreite es von seinen Schulden, sondern entwickelte das Unternehmen von der traditionellen Trikotwarenproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg zur Produktionsstätte für moderne und qualitativ hochwertige Freizeitbekleidung. 1975 wuchs das Unternehmen zum größten Sport- und Freizeitbekleidungshersteller in Deutschland und beschäftigt seither 1.200 Mitarbeiter. Die Finanzkrise schien das Unternehmen gut verkraftet zu haben, da Grupp währenddessen und danach weder Kurzarbeit noch Entlassungen ankündigte. “Ich bin stolz, seit 41 Jahren nie eine Person betriebsbedingt entlassen zu haben”, erklärt Grupp in Hamburg. Zudem genießen die Kinder der Mitarbeiter Privilegien wie das Recht auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz im Unternehmen.

Nicht anders sieht es Rainer Grillo, der seit 1993 neben seiner Schwester Gabriela alleiniger Gesellschafter der Wilhelm Grillo Handelsgesellschaft in Duisburg ist. Auch er betont, dass er in Krisenzeiten als Familienunternehmen keine Arbeitsplätze abbauen musste. Trotz zeitweiliger Kurzarbeit, die über Engpässe des Metall- und Chemiekonzerns hinweghalf, “musste das Unternehmen in 168 Jahren seit der Firmengründung durch Wilhlem Grillo keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen”, betont Rainer Grillo bei einem Treffen von Familienunternehmern in Hamburg. Im Unterschied zu Grupps Unternehmen ist die Grillo Werke AG börsennotiert, so dass die weltweit 1.600 Mitarbeiter auch die Schwankungen der Weltwirtschaft zu spüren bekommen.

“Shareholder Value ist der Tod der sozialen Marktwirtschaft”

Börse
Kurstafel der Hamburger Börse. (Foto: wikimedia.org/KMJ, CC by-sa 3.0)

Vor allem der schwäbische Textilunternehmer Grupp scheint moralische Erwägungen dem Modell des börsennotierten Unternehmens vorzuziehen. Der Grund: Er möchte “anständig und respektvoll” mit Gewinn umgehen. “Im Unterschied zu börsennotierten Unternehmen werden bei uns Mitarbeiter und ihre Bedürfnisse als höherwertig betrachtet”, so Grupp. Während der Finanzkrise zahlte Grupp eine Gehaltserhöhung von 2,5 Prozent plus Prämien. Dabei ist Grupp stolz auf seine soziale Managementführung: Probleme gemeinsam lösen und nicht aus Aufsichtsratsgremien über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg. In Grupps Unternehmen gibt es deshalb keinen Aufsichtsrat. “Shareholder-Value-Unternehmen, die kein Miteinander wollen, sind der Tod der sozialen Marktwirtschaft. Dort regieren nur Egoisten”, kritisiert Grupp. Er hingegen denkt in seinem Unternehmen nicht nach kurzsichtigen Gewinnmaximen und ist für jeden Mitarbeiter ansprechbar.

Das Hauptproblem börsennotierter Unternehmen sei der kurzfristige Austausch der Geschäftsführer, die oft anstatt fünf Jahre nur eineinhalb bis zwei Jahre ein Unternehmen leiten. So könne in der Firmenführung aber keine verantwortungsvolle Kontinuität gewährleistet werden. Denn häufig mangele es den Führungspersonen an Fachwissen. So wechsle ein Daimler-Vorstand problemlos in den Vorstand der Deutschen Bahn, ohne Spezialkenntnisse. Das führe dazu, dass die Arbeiter sich zunehmend von der Geschäftsführung entfremdet fühlen. Wer früher stolz war, bei Daimler zu arbeiten, kennt das Gefühl heute nicht mehr. Anders sei es bei den Arbeitnehmern von Trigema, “die sich in der Firma zu Hause fühlen“, so Grupp.

“Vertrauen sollte von unten nach oben und von oben nach unten wachsen”

Rainer Grillo sieht hingegen in der Grundlage einer Aktiengesellschaft, die die Grille Werke seit der Firmengründung im 18. Jahrhundert sind, nicht nur das Negative. Er schätzt den Rat und Austausch mit den Externen im Unternehmen. Doch auch in seinem Unternehmen gehen die Arbeitnehmer nicht leer aus. Sie bekommen in den Grillo Werken nicht nur Arbeit und für ihre Kinder den Kindergarten finanziert. Sie können sich auch auf die Firmenführung verlassen und ihr vertrauen. “Vertrauen sollte von unten nach oben wie auch von oben nach unten wachsen”, sagt Rainer Grillo. Dabei gehe es im Unternehmen auch darum, nachhaltige Gewinne zu erwirtschaften, die erlauben, die Mitarbeiter gut zu behandeln. Firmeninhaber Grillo ist auch stolz darauf, eine gute Beziehung zum firmeneigenen Betriebsrat zu pflegen, der jährlich nach dem Weihnachtsgeld fragt, das je nach Wachstumslage auch gezahlt wird.

Das Geheimnis des Erfolgs

Grupp sieht das Geheimnis seines Firmenerfolgs in der Produktionskapazität, Schnelligkeit und Eigenverantwortung. Dabei werde jeder Auftrag angenommen und innerhalb kürzester Zeit erledigt. Deshalb brauche das Unternehmen kein Marketing und wachse trotzdem. Begriffe wie Outsourcing seien unbekannt, dafür seien die Mitarbeiter so flexibel, innerhalb von 48 Stunden alles herzustellen und zu liefern. Das schafften selbst die chinesischen Billigkonkurrenten im Textilbereich nicht. Bei voller Auslastung der Produktion zahle Grupp keinen Akkord-, sondern einen Stundenlohn. “Die Kunden wissen das und kaufen sofort”, erklärt Wolfgang Grupp.  

[CH]