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Gas durch die Ostsee fließt ab Herbst

- Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin will bei Europas Energieregeln mitmischen. (Foto: ec.europa.eu, Credit © European Union, 2011)
Sein “Scherz” auf dem Wirtschaftsforum in Berlin Ende 2010 wurde mit leicht gequältem Lachen quittiert: Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin reagierte auf Pläne der Europäischen Union, die Energielieferungen aus Russland zu diversifizieren, mit den leicht spöttischen Worten: “Was wollen sie sonst nutzen, Feuerholz?” Und er fügte hinzu: “Sogar dann müssen Sie nach Sibirien gehen, um es zu holen.” Der Scherz war nichts weiter als die Umschreibung der Tatsache, dass die EU und Russland auf dem Energiesektor, vor allem bei Erdgas und Erdöl, in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen. Russland ist für Europa ein besonders wichtiger Lieferant; und deshalb will Putin bei Europas Energieregeln mitmischen. Er will mehr Kooperationen, geringere Investitionshürden, eine Freihandelszone – von Wladiwostok bis Lissabon.
Derweil kommen die näher liegenden praktischen Projekte zu beiderseitiger Zufriedenheit sehr gut voran. Beispielsweise die Ostsee-Gaspipeline “Nord Stream”, die seit Mai 2010 in Arbeit ist. Sie wird vom russischen Wyborg über insgesamt 1.220 Kilometer zum deutschen Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern führen. Der erste Strang des insgesamt 7,4 Milliarden Euro teuren Vorhabens soll bereits im Oktober 2011 fertig gestellt sein. Durch diese Pipeline mit zwei Leitungen sollen insgesamt jährlich etwa 27,5 bis 32 Milliarden Kubikmeter sibirisches Erdgas nach Lubmin fließen. Abnehmer werden neben Deutschland auch Dänemark, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Frankreich sein.
“South Stream”: Ein ehrgeiziges Projekt

- Neue Pipelines sind in Planung. (Foto: pixelio.de/Thomas Max Müller)
Die Verzahnung zwischen Russland und den Ländern der Europäischen Union hat aber noch andere intensive Varianten: Mit einem weiteren Projekt, “South Stream” genannt, soll vor allem das südlichere Europa mit Gas aus der östlichen Schwarzmeer-Region versorgt werden. Hinter diesem Projekt stehen das russische Unternehmen Gazprom und der italienische Energie-Konzern ENI. Die Leitung soll auf dem Grund des Schwarzen Meeres verlaufen und das russische Beregowaja mit Warna in Bulgarien verbinden. Von dort aus soll das Gas durch zwei Leitungen nach Ungarn und Österreich sowie nach Griechenland und Italien strömen. Es ist ein besonders ehrgeiziges Vorhaben. Nach dem geplanten Endausbau im Jahr 2015 soll die Kapazität bei 63 Milliarden Kubikmeter jährlich liegen.
“Nabucco” soll für mehr Unabhängigkeit sorgen
Und hier liegt ein Konfliktpunkt zwischen der EU und Russland: Denn “South Stream” erhält auf Wunsch und Willen der EU – stark gefördert vom deutschen EU-Energiekommissar Günther Oettinger – Konkurrenz in Form der “Nabucco-Pipeline”. Was so dem Namen nach opernhaft daher kommt, ist ein Lieferstrang, der Europa von Russland nicht allzu sehr abhängig machen soll. Die Leitung soll – unter Umgehung Russlands – Gas aus Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan durch die Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich liefern. Die Trasse ist 3.300 Kilometer lang; die Kapazität ist auf jährlich 30 Milliarden Kubikmeter angelegt. Die Baukosten werden auf 7,9 Milliarden Euro geschätzt. EU-Kommissar Oettinger ist zuversichtlich, dass Ende 2014 das erste Gas fließen und die Pipeline im Jahr 2018 voll ausgelastet sein werde.
All diese Projekte beschreiben einen riesigen Markt. Der Nachbar im Osten verfügt über mehr als ein Viertel der gesicherten globalen Erdgas-Reserven. Etwa 75 Prozent der russischen Gasexporte gehen in die Mitgliedstaaten der Europäischen Union.
[KS]









