Montag, 21. Februar 2011

Von: CH

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Wirtschaftswachstum | Geburtenrückgang | Abwanderung
Trendwende im Wirtschaftswachstum

Steht die EU vor dem Wachstumsende?

Rückgang des Wirtschaftswachstums
Rückgang des Wirtschaftswachstums (Foto: commons.wikimedia.org/Apfel3748, CC by-sa 3.0)

Unbestritten ist in der Wissenschaft das Ende des Baby Booms der 60er Jahre. Im Vergleich zu den Jahren des Wirtschaftswunders nach dem Krieg haben Schulen und Firmen heute 50 Prozent weniger Abgänger und Jugendliche, die auf den Arbeitsmarkt drängen, sagt Reiner Klingholz, bis 2003 Direktor des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, bei einem Vortrag in Hamburg. Bis 2002 konnte der leichte Geburtenrückgang noch durch eine jährliche Zuwanderungsquote ausgeglichen werden. Doch seit 2003 nimmt die Bevölkerung im Land stetig ab. Klingholz’ These: Damit ist in der EU auch kein Wirtschaftswachstum mehr möglich. Ein Phänomen, das sich global auszubreiten beginnt.

Großstädte profitieren vom Abwanderungstrend

Problematisch ist neben dem Geburtenrückgang die Abwanderung junger Arbeitskräfte aus strukturschwachen Gebieten im Ruhrgebiet, im Saarland und den Küstenstandorten. Besonders betroffen sind die neuen Bundesländer im Osten Deutschlands. Während kurz nach der Wende in diesen Gebieten noch mit Wachstumsimpulsen von 20 Prozent gerechnet wurde und deshalb die Gelder in den Aufbau des Ostens flossen, wird nun über die Schließung kostenintensiver staatlicher Dienste nachgedacht. Die Busse fahren vielerorts schon nicht mehr regelmäßig. Und ob in Zukunft das soziale Netz von der Polizei bis zum Arzt für die ältere Bevölkerung finanzierbar ist, bleibt ebenso fraglich. Dies zum Nachteil der bedürftigen Bevölkerung, die auf Pflege angewiesen ist, welche auf dem Land nicht mehr erschwinglich zu sein scheint.

Aber auch der Osten Europas leidet unter dem Rückgang der Kinderzahlen sowie der Abwanderung junger Arbeitskräfte aus Moldawien und Weißrussland. Nur die Städte mit gut vernetzter Infrastruktur wie Berlin, Frankfurt, Köln und Hamburg sowie der Süden Deutschlands profitieren vom Abwanderungstrend. Sie bieten im Vergleich zu den klassisch industriellen Standorten mit Braunkohlevorkommen oder Erzabbau Arbeitsplätze im tertiären Sektor und gelten als attraktive Hochburgen der Informationsgesellschaft für junge, gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Das Ende des Wachstums in der EU?

Wenn vom Ende des Wachstums gesprochen wird, sind nicht die vom “Club of Rome” zu Beginn der siebziger Jahre proklamierten Grenzen des Wachstums gemeint. Während früher vor Rohstoffknappheit gewarnt wurde, wissen Klimaexperten heute, dass es das CO2 ist, das unser Klima anheizt und bis 2050 fatale Konsequenzen haben könnte. Aber trotz Bevölkerungsrückgang braucht die Weltbevölkerung infolge der ständigen technischen Innovationen heute sogar noch mehr Strom. Was nicht mehr geht, ist Wirtschaftswachstum. 2010 lobten die Wirtschaftsweisen zwar ein Wachstum von 3,5 Prozent, das jedoch einen vorherigen Rückgang von 5 Prozent kompensierte. Mit der zunehmenden Alterung der Bevölkerung in Europa wie auch Japan bleibt Wirtschaftswachstum aus. Dies könne auch nicht erzwungen werden, erklärt Reiner Klingholz. Mit Deutschland gebe es weltweit 60 Länder, die nicht mehr wachsen könnten. Das Ende oder ein Neuanfang?

Veränderung des Gleichgewichts in der Welt

Davon bisher ausgenommen sind bevölkerungsstarke Länder wie China, das einen großen Anteil an Erwerbstätigen hat und dessen Kinderzahlen erst in der Zukunft von sechs Kindern pro Familie auf 1,5 Kinder wie in der EU sinken wird. Doch bereits in zehn Jahren wird es im bevölkerungsreichsten Land der Erde eine Überalterung geben, allerdings verspätet, so Klingholz. Ein leiser Bevölkerungsrückgang ist auch schon im Niger, in Indien, der Türkei und im Iran zu verzeichnen. In diesen Ländern ist die Zahl der Neugeborenen von sieben pro Familie 1980 auf inzwischen 1,7 Kinder gesunken. Damit werden sich die Impulse für Wachstum auf der Erde verschieben. Während Europa schrumpft, wächst die Bevölkerung in Asien und Lateinamerika um 30 Prozent, von der die wirtschaftlichen Wachstumsimpulse bis 2050 ausgeht.

Welche Modelle der Anpassung an globalen Wandel?

“Wir müssen lernen mit Null-Wachstum komfortabel zu leben. Das geht. Doch nicht ohne Reformen”, kritisiert Reiner Klingholz. Länder mit Null-Wachstum brauchen kostengünstigere Sozialsysteme, da weniger Arbeitskräfte in den staatlichen Topf einzahlen. Schulden müssen reduziert werden, damit sie nicht in voller Wucht die nachkommenden Generationen belasten. Wer arbeitet, muss länger arbeiten und lebenslang lernen. Die Vorstellung, das letzte Drittel seines Lebens auf dem Golfplatz oder im Traumschiff zu verbringen, ist nicht mehr real. Doch gibt es auch Jobs für 67-Jährige?

Die skandinavischen Länder gehören zu den Staaten, in denen am meisten ältere Leute arbeiten. Und sie verrichten Arbeiten, die die Gesellschaft braucht. Ähnlich ist dies auch in Ländern wie Frankreich, in denen viel Geld in eine moderne Geschlechter-, Bildungs- und Frauenpolitik investiert wird. Frauen sollen am Arbeitsplatz die Chance bekommen, Familie und Beruf zu verknüpfen, durch Krippenplätze für Säuglinge ab dem dritten Lebensmonat, wie beispielsweise in Paris. Auch das Singledasein kann für hochqualifizierte Frauen in Skandinavien durch die Neubestimmung der Geschlechterrollen aufgebrochen werden. In Skandinavien heiratet die Oberärztin nicht den Ober-Oberarzt, sondern auch mal den Holzfäller. Die traditionelle Gender-Hierarchie (zwischen dem Oberarzt und der Arzthelferin) wird von oben nach unten wie von unten nach oben unterwandert. Das zukunftsträchtige Paar begegnet sich auf Augenhöhe und in gleichheitlicher Beziehung. 

Kanada ein Paradebeispiel

Als sozio-ökonomisch gelungenes Beispiel eines Landes, in dem die Bevölkerungszahl stagniert, gilt Kanada. Kanada ist deswegen so interessant, weil es eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft hat, die von der Zuwanderung nur profitiert. Die Zuwanderer, die bis in den hohen Norden Nordamerikas ziehen, haben ein Bildungsniveau, welches den kanadischen Durchschnitt weit überragt, bis zu 150 Prozent im Vergleich. Die Kinder der Zuwanderer werden in der zweiten Generation waschechte Kanadier mit hoher Bildung und Qualifikation. Um das zu garantieren, erfolgt die Zuwanderung nach einem Punktesystem. So gibt es 70 Punkte für diejenigen, die die Familie mit ins Land bringen. Für Ausbildung sowie gute Sprachkenntnisse jeweils noch 70 Punkte oben drauf. Drei Jahre nach Zuwanderung kann dann ein kanadischer Pass beantragt werden. Zudem fragt die Regierung bei den Firmen nach, welche Arbeitskräfte gebraucht werden.

Eine “tolerantere, sozial bunte und ausgeglichene” Gesellschaft

Auch die Stadt Bielefeld füllt die Reihe der guten Beispiele mit an. Die Kommune fördert deshalb in Abstimmung mit den Bürgern, den politischen Gremien und den Organisationen der Migranten besonders die Integration, denn auch die Bevölkerung in Bielefeld ist im Schwinden begriffen, sagt die Demographiebeauftragte der Stadt Bielefeld Susanne Tatje. Heftig debattiert wurde deshalb über die Einstellung der Stadtbahn in Stadtvierteln, die von Abwanderung betroffen sind. Doch ein Schwerpunkt der Stadtpolitik liege in der Bildung, der frühkindlichen Bildung ergänzend zur Schulpolitik, so Susanne Tatje. Angeboten werden ehrenamtliche Hilfe für Schülerarbeiten und eine kostenlose Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund. Zudem sollen die 15.000 Studenten in Bielefeld nach dem Studium nicht abwandern, sondern in der Region bleiben und arbeiten. Deshalb werben Firmen in Bielefeld mit freien Arbeitsplätzen an der Universität.  

Doch Integration sei in Deutschland für Inder und Vietnamesen noch nicht attraktiv, kritisiert Rolf Steil, der die Arbeitsagentur in Hamburg leitet. Frauen zwischen 25 und 45 Jahren arbeiten immer noch in Teilzeit und steigen damit früher aus dem Job aus. Weder für Migranten noch für Deutsche lassen sich Kind und Beruf vereinbaren. Einzig Frauen, die im Personal- oder Human-Ressources-Bereich arbeiten, können Einfluss auf Vorstände nehmen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Wer sich aber beispielsweise die Arbeitsweise von Werbeagenturen ansehe, bemerke die Prioritäten – “der Kunde ist König” – , wenn Mütter auch abends die Kunden in Empfang nehmen müssen. “Hier muss sich das Bewusstsein verändern”, erklärt Rolf Steil.

[CH]