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Pipeline geplant

- EU plant Bau einer Pipeline (Foto: commons.wikimedia.org /Ulrichulrich, CC by-sa 3.0)
Berlin - Weg vom Atom, hin zu Erneuerbaren Energien. Das ist die Botschaft, die von den Landtagswahlen am 27. März 2011 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ausgeht. Nur einen Tag später hielt der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg und jetzige EU-Kommissar für Energie, Günther Oettinger, eine Rede in der Botschaft von Österreich in Berlin. Es ging allgemein um die künftige Energieversorgung Europas und konkret um das geplante 8-Milliarden Euro teure Nabucco Gas Projekt aus dem Kaukasus. EC-Korrespondent Peter Brinkmann hat zugehört.
Nabucco kommt
Europa und damit auch Deutschland brauchen mehr Energie. Die bald fehlende Atomkraft in Deutschland muss ersetzt werden. Dazu werden erneuerbare Energien wie Sonne, Wind und Wasser gefördert. Aber auch Gas wird eine größere Rolle spielen. Der Nachteil ist: Die Reserven in Europa gehen drastisch zurück, während der Verbrauch ebenso drastisch ansteigt. Darum wird jetzt heftig von allen EU–Ländern über neue Pipelines nachgedacht, die Europa an die Gasreserven der Welt anschließen sollen. Eine davon ist das Projekt Nabucco.
Diskussion um Gas
Eine hochkarätige Runde hatte sich auf dem Podium der österreichischen Botschaft versammelt, um nach dem Vortrag von Günther Oettinger über das Projekt zu diskutieren. Dabei waren: Werner Auli, Chef des Nabucco Planungsteam; Jochen Homann, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie; Stefan Judisch, RWE Vorstand für Handel und Nachschub, der Botschafter des gasreichen Aserbaidschan, Parviz Shahbazov und Alfred Maier, Präsident des BVÖ (Bergmännischer Verband Österreichs). Gastgeber und Botschafter Wiens in Berlin, Dr. Ralph Scheide, begrüßte die Gäste in seinem Haus.
Nabucco-Planungschef Auli erklärte zunächst, was Nabucco bedeutet. “Nabucco schafft eine neue Gasbrücke zwischen Asien und Europa und gilt als Vorzeigeprojekt im südlichen Korridor. Die Nabucco-Pipeline wird die gasreichsten Regionen der Welt wie die kaspische Region, den Mittleren Osten und Ägypten mit dem europäischen Verbrauchermarkt verbinden.”
Gas ist eine Alternative zu Atom

- Günther Oettinger (Foto: commons.wikimedia.org / Jacques Grießmayer, CC by 3.0)
Noch ist die Pipeline nicht im Bau, doch die ersten Schritte sind gemacht. Im Januar 2011 unterzeichneten EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso und Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew eine Absichtserklärung über Lieferungen in die EU. Damit verpflichtete sich Aserbaidschan langfristig zur Lieferung “beträchtlicher Mengen” von Erdgas über den sogenannten Südlichen Korridor, der an Russland vorbeiführt und für den die Pipeline Nabucco geplant ist.
EU setzt auf Gas
EU-Komissionspräsident Barroso erklärte im Januar in Baku: “Dieses Abkommen stärkt Europas direkten Zugang zu Gas aus dem Kaspischen Becken.” Aber die Pipeline wird erst gebaut, wenn Lieferverträge von jährliche mindestens 10 bis 15 Milliarden Kubikmetern Gas garantiert sind – mit der Perspektive auf weitere Steigerungen bis zu maximal 31 Milliarden Kubikmeter Gas. Deutschland verbraucht vergleichsweise jährlich ungefähr 100 Milliarden Kubikmeter Gas. Die Entscheidung zum Bau der Pipeline soll nun im Herbst 2011 fallen.
Die Ausgangslage
Das Projekt war von mehreren europäischen Energiekonzernen initiiert worden, um die Importabhängigkeit von Russland zu verringern. Gaslieferanten sollen Aserbaidschan und Turkmenistan sein. Nicht ausgeschlossen wird, Nabucco auch irgendwann nach Änderung der politischen Lage mit iranischem Gas zu befüllen. Eigentümer der Leitung sollten mit jeweils etwa 16,7 Prozent die Unternehmen Botas (Türkei), Bulgarian Energy, MOL (Ungarn), OMV (Österreich), Transgas (Rumänien) und die deutsche RWE sein. Die 3300 Kilometer lange Leitung soll vom Kaspischen Meer über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis nach Österreich verlaufen. “Das Projekt ist einzigartig, weil es die größten Gasfelder der Erde mit Europa verbindet. Es ist inzwischen durch Staatsverträge abgesichert”, so Auli.
Riesige Gasvorkommen
Aserbaidschan und Turkmenistan verfügen über riesige Gasvorkommen. Bisher wurden Pipelines gen Norden nach Russland, gen Osten China und gen Süden Richtung Iran gebaut. Nur eine Leitung gen Westen fehlt. Oettinger sagte dazu in Berlin: “Wir haben viele Fragen der Technik, der Finanzierung und der Gasmengen geprüft und wir haben jetzt eine eindeutige Bereitschaft der Regierungen von Aserbaidschan und Turkmenistan, auch der vom Irak, in langfristige Lieferverträge mit Europa einzusteigen.”
In seinem Vortrag betonte EU-Energiekommissar Günther Oettinger die Notwendigkeit der Pipeline für Europa. Oettinger sagte vor fast 200 Zuhörern: “Wir wollen die Abhängigkeit Europas von russischem Erdgas verringern und setzen deshalb auch neben anderen Pipelines wie Southstream auf die neue Pipeline Nabucco. Gas ist gespeicherter Strom und kann die Lücke bei der Energieversorgung gut ausfüllen. Heute bekommt Deutschland 38 Prozent seines Gasbedarfes aus Russland, dazu weitere Mengen aus Norwegen, Algerien und aus Katar. Wir brauchen daher neue Routen plus neueste Technik und neue Quellen, um unsere Abhängigkeit von einem Lieferanten zu verkleinern. Nabucco ist das einzige System, das das alles bietet.”
Oettinger betonte, dass alle Pipelines, die Deutschland mit Energie (Öl und Gas) versorgen, nicht in einem Art Wettkampf stünden. “Alle versorgen Europa mit Energie. Aber Nabucco bringt Europa in die Lage, Gas direkt aus Aserbaidschan via Pipeline nach Europa zu bringen. Dabei muss die Türkei als Vollmitglied der europäischen ENERGIE – Gemeinschaft angesehen werden.” Nabucco ist für den EU-Kommissar das “wichtigste Energie – Projekt Europas überhaupt.”
Immense Kosten
Für die Leitung, die Gas vom Kaspischen Meer nach Europa bringen soll, wird die EU 200 Millionen Euro bereitstellen. Insgesamt wird die Erschliessung der Gasfelder 20 Milliarden Euro kosten. Die Pipeline verläuft von der Ostgrenze der Türkei über Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis nach Baumgarten in Österreich. Baumgarten ist eine der wichtigsten Gasdrehscheiben in Mitteleuropa. Nach ihrer Fertigstellung wird die 3.900 km lange Pipeline eine Kapazität von 31 Mrd m³ haben. Der Bau der Pipeline basiert auf einem zwischenstaatlichen Abkommen, das im Juli 2009 in Ankara unterzeichnet wurde. Dieses Abkommen schafft den Rechtsrahmen für das Projekt und garantiert stabile und gleiche Transportbedingungen für alle Partner und Kunden. Man ist sich einig darüber, dass es in den nächsten zwei Jahrzehnten in Mittel- und Westeuropa zu Engpässen in der Energieversorgung kommen wird, wobei die Gaspreise bei sinkender nationaler Produktion steigen werden. Daher ist es unerlässlich, eine neue Infrastruktur zu schaffen, um den zukünftigen Bedarf zu decken und sowohl Versorgungssicherheit als auch -diversifizierung zu gewährleisten. Die Hauptpipeline wird in der ersten Bauphase von Ankara nach Baumgarten in Österreich gebaut. Der Baubeginn ist jetzt für Ende 2012 geplant und das erste Gas wird Ende 2015, spätestens 2018, strömen.
Europa “spielt mit”
EU-Kommissar Oettinger sprach auch die Frage an, wieweit China Europa die Energiereserven der Welt wegkauft.“Im Wettbewerb um Rohstoffe bekommt China nicht alles. Europa spielt jetzt wieder mit. Die energiereichen Staaten am Kaukasus erkennen jetzt auch zunehmend, dass ein Projekt wie Nabucco die Türen für Investitionen und Tourismus aus dem Westen öffnet. Nabucco schlägt eine Brücke für eine wirtschaftlich-technologische Partnerschaft. Es hat auch einen großen Mehrwert für Europa”, so Oettinger.
Zukunft der Atomkraft
In der nun folgenden Diskussion wurde Oettinger gefragt, wie er denn das Wahlergebnis in seinem Heimatland Baden-Württemberg beurteile und wie er jetzt zur Atomkraft stehen würde. Der ehemalige Ministerpräsident in Stuttgart blieb ganz ruhig: “Ich glaube, dass die CDU jetzt einen nationalen Energiekonsens im europäischen Umfeld anstreben muss. Die Kernenergie wird in Deutschland eine Ausstiegstechnik sein, und in Europa wird Kernenergie noch für viele Jahrzehnte nötig sein.” Energiesicherheit kann man, so Oettinger, daher nicht an der Grenze abgeben. “Denn dort, wo ich herkommen, steht ein AKW auf der französischen Seite nur 40 Kilometer von einem stillgelegten AKW in Baden-Württenberg entfernt.” Die deutschen Sicherheitsstandards müssten jetzt also in der EU diskutiert werden. Und in Europa muss das Nachdenken darüber beginnen, wie die Leitungsnetze so erneuert werden und auch bezahlt werden können, dass der Solarstrom aus Spanien auch bis an die Nordsee und Windenergie aus der Nordsee auch bis Spanien transportiert werden könne.
Jahr der Entscheidung
Dann musste Oettinger die Konferenz verlassen. In der Diskussion ging es aber weiter um Nabucco. Alle auf dem Podium waren sich einig: Gas ist der zukünftige Energieträger. Es ist genügend vorhanden, viele Reserven sind noch nicht angezapft. Gas ist umweltfreundlich, leicht zu transportieren. Ob der Gasmarkt aber jetzt aus den Fugen gerät, weil Japan vermehrt Energie aus fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas braucht, wäre nicht der Fall. Japan wird sehr viel mehr Gas brauchen, aber es ist genug vorhanden. Nur der Transport ist noch unklar.
Auch Iran und Irak waren Thema.
Stefan Judisch (RWE) war gerade in Bagdad und sagte dazu: “Iran wird wohl nicht so schnell eingebunden werden können. Dagegen geht es im Irak gut voran. Die Infrastruktur ist zwar noch nicht wieder ganz hergestellt, aber der Transport läuft bereits über den kurdischen Norden und auch im Süden geht es voran. Die Fortschritte im Irak sind täglich erkennbar.”
Der Botschafter von Ägypten schließlich wollte wissen, warum sein Land nicht ins Nabucco System eingebunden wurde. Judisch: “Ägypten hat viel Gas, braucht es aber derzeit weitgehend selbst. Wenn mehr gefördert wird, warum nicht?”
Prominenter Befürworter von Nabucco ist übrigens der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer. Der Grünen-Politiker ist seit kurzem politischer Berater des Projekts.
[PB]









