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Ein europäischer Vergleich ohne Gleiche

- Bundesregierung und Wirtschaft streiten um eine gesetzliche Frauenquote in Führungspositionen (Foto: pixelio.de/Gerd Altmann)
In der Politik haben sich die Parteien ihre Quoten selbst auferlegt. Dort schwanken sie meist zwischen circa 30 (etwa CDU) und 50 Prozent (Linke und Grüne). In der freien Marktwirtschaft würden viele, etwa Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, gern gleich eine Quotierung von 40 Prozent gesetzlich verankern. Doch Bundeskanzlerin Merkel lehnt die Frauenquote und damit auch den vielleicht zu starken Eingriff des Staates in die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt ab. In anderen europäischen Ländern wird das anders gehandhabt. In manchen Ländern, wie etwa in Norwegen, zeigen Quoten erwünschte Wirkungen. Andere Länder, wie Finnland, zeigen dass es auch ohne gut funktionieren kann. Entscheidend dafür ob Quoten nötig sind oder nicht scheinen tatsächlich die jeweilige Kultur und die gesellschaftliche Einstellung zu sein, von der natürlich auch Unternehmer beeinflusst sind.
Haltung in der EU-Kommission
Doch bei der Frage um Frauenquoten hat auch die Europäische Kommission ein Wörtchen mitzureden und zeigt sich nicht gerade ablehnend. Der Frauenanteil in europäischen Führungspositionen wird als bedenklich betrachtet und soll notfalls auch gesetzlich erhöht werden. Die EU-Kommissarin für Justiz- und Gleichstellungsfragen, Viviane Reding, die sich auf das Musterland Norwegen als Beispiel beruft, hätte dafür auch schon genaue Vorstellungen: "Als Zielgröße habe ich dabei einen Frauenanteil von 30 Prozent in Aufsichtsräten im Auge, der bis 2015 erreicht und bis 2020 auf 40 Prozent erhöht werden soll." Und auch der EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier äußert sich positiv in Sachen Quote. Es sei "generell gut, Frauen an der Führung von Unternehmen oder auch Ländern zu beteiligen, nicht nur weil das gerechter ist, sondern auch weil es zu einer besseren Ausgewogenheit der Entscheidungen führt." Barnier, der innerhalb der Kommission für Regeln zur guten Unternehmensführung zuständig ist, will bis Mitte April einen konkreten Vorschlag ausarbeiten.
Eingriff in europäische Unternehmen
Reding will sich bereits früher mit führenden Vertretern großer börsennotierter europäischer Unternehmen in Brüssel treffen und mit ihnen das Thema besprechen. Tatsächlich soll es bei der Quotierung auch nur um die großen Unternehmen gehen. In Familienunternehmen solle nicht eingegriffen werden, die Entwicklungen würden automatisch nachfolgen. Trotz einer starken Befürwortung stärkeren Frauenanteils, scheint es Vivianne Reding wie die Kanzlerin zu halten: "Ich bin nicht der Meinung, dass man etwas sofort von oben auferlegen sollte. Man sollte schon der Industrie die Möglichkeit geben, selbst zu handeln. [...] Wenn ich am Ende dieses Jahres sehe, dass sich da außer Lippenbekenntnissen nichts tut, erwäge ich allerdings sehr wohl, auf europäischer Ebene Rechtsinstrumente dazu auf den Weg zu bringen."
Frauenquoten in Parlamenten
Bevor es allerdings um die Quotierungen in der Wirtschaft geht, richten wir den Blick auf die Frauenanteile in den Volksvertretungen der Länder, auf die nationalen Parlamente, die auf weitere Quotierungen und politische Richtungen natürlich erheblichen Einfluss nehmen. In Deutschland sind 32 Prozent der Parlamentarier weiblich, damit liegen wir im westeuropäischen Mittelfeld. In Malta und Ungarn sind es nur neun Prozent. Unter 20 Prozent weibliche Parlamentarier finden sich etwa in Irland, Zypern und Griechenland. In Luxemburg, Italien, Groß Britannien und Bulgarien gibt es 20 bis 30 Prozent Frauen im Parlament und in Spanien, den Niederlanden, Belgien und Dänemark 35 Prozent Frauen oder mehr. Spitzenreiter sind Finnland (40 Prozent) und Schweden (46 Prozent).
Zum Vergleich liegt die Quote in Kenia bei 8,6 Prozent. Das ist natürlich auch bedenklich niedrig. Aber kalkuliert man Entwicklungsunterschiede zwischen Europa und dem afrikanischen Land, zeigt sich so mancher nationaler Nachholbedarf.
Frauenquoten in Frankreich
Frankreich gehört nicht mehr zu diesen Ländern - zumindest nicht in der Wirtschaft, denn es holte seine Rückschritte beachtlich auf. Vor zwei Jahren fertigte die Juristin Brigitte Grésy einen behördlich bestellten Bericht über die Gleichstellung der Frau in der Wirtschaft an. Der stellte heraus, dass obwohl drei Viertel der Französinnen erwerbstätig sind, sich die weibliche Präsenz in den Verwaltungs- und Aufsichtsräten 2009 auf gerade einmal zehn Prozent beschränkte. Mittlerweile hat Frankreich reagiert und Grésy kann sich über eine, wie sie es nennt, "Revolution" freuen. Ende des letzten Jahres wurde eine Quote von 40 Prozent für Aufsichtsräte und Anfang diesen Jahres für die Vorstände von Großunternehmen beschlossen und damit für die börsennotierten Unternehmen, Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten oder einem Umsatz von mehr als 50 Millionen Euro.
Wenn diese Quoten bis 2017 nicht erreicht werden, greift Frankreich hart durch. Es würden Sitzungsgelder für die Aufsichtsräte gestrichen und Ernennungen von Männern, die gegen die Quote verstoßen, für nichtig erklärt werden. Allein die Erwartung des Gesetzes zeigte schon Wirkung: der Frauenanteil in den größten börsennotierten Unternehmen ist schon 2010 angestiegen.
Norwegen, Finnland und Schweden
Norwegen gilt als Musterland und war auch für Frankreich Vorbild. Eine Frauenquote für Aufsichtsratsmandate von 40 Prozent für börsennotierte Unternehmen wurde 2006 eingeführt. Auch wenn es auch in Norwegen hitzige Debatten gab, ist die Frauenquote nun kein Thema mehr, gilt als umgesetzt und es zeigten sich keinerlei Nachteile für die Unternehmen, wie dort befürchtet. Doch so gut umgesetzt wie es scheint, ist die Quote dann doch nicht: Eine Frau besetzt in Norwegen meist gleich mehrere Aufsichtsratsposten- sogar maximal acht bis neun. So teilen sich 70 Frauen 300 Plätze auf. Das wird aber nur als vorübergehendes Problem betrachtet, weil geeignete Kandidatinnen nachwachsen werden. Finnland hält es anders. In staatlichen Unternehmen ist eine 40 Prozent-Quote vorgeschrieben und in privaten Unternehmen setzt man eben auf Freiwilligkeit und das mit Erfolg. Auch hier sind knapp 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich.
In Schweden gibt es bislang noch keine Quoten. Doch der jetzige Anteil von Frauen in Aufsichtsräten soll sich von 18 Prozent bis 2014 verdoppeln - sonst folgt ein Gesetz.
Österreich und die Schweiz
In Österreich gibt es durch das Bundes- bzw. Landes- Gleichbehandlungsgesetz eine Quotenreglung von mittlerweile 45 Prozent nur im öffentlichen Dienst. Für die Arbeitswelt ist Gleichbehandlung zwar ausdrücklich erwünscht aber nicht mittels Quote festgeschrieben. Auch die Schweiz rät es der Wirtschaft ganz diplomatisch nur an, den Anteil von Frauen zu befördern. So soll bei gleicher Qualifikation den Bewerbern der Vorrang gegeben werden, deren Zugehörigkeitsgruppe (etwa eben Geschlecht oder Landessprache) im Vergleich zum Anteil an der Gesamtbevölkerung im entsprechenden Bereich unterrepräsentiert ist.
Niederlande, England und Spanien
Die Niederlande waren 2009 das erste Land, das eine Frauenquote für Vorstände von 30 Prozent einführte. Sie gilt auch für Aufsichtsräte und soll bis 2015 erreicht werden. 2010 lag der Frauenanteil in den höchsten Entscheidungsgremien bei 15 Prozent. In England hingegen gibt es keine Quote in Vorstandsetagen und es soll sie, wenn es nach der konservativ-liberalen Regierung geht auch nicht geben. Der Grund sei, dass man Frauen damit zu Opfern der Benachteiligung durch die Männer erklären würde, wie ein Vertreter verlauten ließ. In höheren Führungspositionen gibt es in den führenden Aktiengesellschaften 12,6 Prozent Frauen. In Spanien werden seit 2007 Unternehmen mit mehr als 250 Angestellten zu einer Frauenquote von 40 Prozent im Verwaltungsrat verpflichtet. Bis es Sanktionen für Nichterfüllung geben könnte, herrscht eine Übergangsfrist bis 2015.
USA, Russland, Indien
In Russland gibt es keine Frauenquote. Doch mit steigender Tendenz besetzen die Frauen dort immerhin jeden fünften Managerposten.
In den USA gibt es auch keine Frauenquote - weder in der Politik noch auf dem freien Markt. Hier sind 17 Prozent der Parlamentarier weiblich und jedes siebte der 500 stärksten Unternehmen wird von einer Frau geführt - in Deutschland keines der DAX-Unternehmen. Aber die Bürger plädieren für eine Frauenquote- hier aber in der Politik. Ein im Gegenzug doch sehr marginales Thema in Deutschland. Da ist es auch vergleichsweise erstaunlich, dass in Neu-Dehli schon im März 2010 eine Frauenquote für die Abgeordneten in Nationalparlament und Regionalparlamenten von immerhin einem Drittel beschlossen wurde.
Die meisten Staaten in der EU haben keine gesetzliche Frauenquote. Die gibt es nur in Norwegen, Island, Spanien und Frankreich für die Vorstandsmitglieder. Aber der Frauenanteil in den höchsten Entscheidungsgremien in börsennotierten Unternehmen ist dennoch woanders größer - nämlich in Schweden und Finnland mit 26 Prozent. Dennoch laufen in Schweden, wie auch in Belgien (10 Prozent), den Niederlanden (15 Prozent) und Italien (5 Prozent) die Vorbereitungen für ein solches Gesetz. Die deutsche Frauenquote in den höchsten Positionen in börsennotierten Unternehmen liegt nach der EU-Kommission bei 13 Prozent. Nicht gerade gut, schlechter schneiden aber etwa noch Malta (2 Prozent), Luxemburg (4 Prozent), Zypern (4 Prozent), Portugal (5 Prozent), Irland (8 Prozent), Spanien (10 Prozent), Österreich (9 Prozent) oder Polen (12 Prozent) ab.
Quoten in der Politik
Bindende Quoten in der Politik gibt es in Belgien, Spanien, Frankreich, Portugal und Schweden. Hier gibt es sowohl fürs Parlament als auch für die Teilhabe an nationalen Regierungen Quoten. Letztere ist ebenfalls in der EU sehr durchwachsen und ist nicht immer genauso gut oder schlecht wie Quote in der freien Wirtschaft. In Ungarn etwa gibt es keine Frauen in Führungspositionen bei der Regierung, aber immerhin 14 Prozent in den höchsten Positionen der börsennotierten Unternehmen. In Italien sind das nur fünf Prozent, dafür gibt es dort 22 Prozent Frauen unter den hochrangigen Politikern. Den stärksten Anteil von Frauen in hohen Regierungspositionen hat Finnland (55 Prozent). Doch auch Spanien (50 Prozent), Dänemark (47 Prozent), Schweden (46 Prozent), Österreich (43 Prozent) und Deutschland (38 Prozent) schneiden gut ab. Und was zu bemerken bleibt, es gibt nicht das absolute "Richtige" oder "Falsche". Ob Quoten nützlich, notwendig, hilfreich oder als Zwang kontraproduktiv sind, hängt von vielen Faktoren ab und selbst bei den uns ähnlicheren europäischen Nachbarn gibt es riesige Unterschiede.
[NP]









