Dienstag, 17. Mai 2011

Von: KS

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EZB | Europäische Zentralbank | Mario Draghi | Jean-Claude Trichet | Banca d’Italia
Bundeskanzlerin Merkel hat ihre Vorbehalte aufgegeben

Mario Draghi wird Chef der EZB

Noch-IWF-Chef Strauss-Kahn gemeinsam mit EZB-Boss Jean-Claude Trichet und Mario Draghi
Noch-IWF-Chef Strauss-Kahn gemeinsam mit EZB-Boss Jean-Claude Trichet und Mario Draghi (v.l.n.r.) (Foto: commons.wikimedia.org/IMF Staff Photo/Stephen Jaffe)

Der Meinungsumschwung kam binnen 24 Stunden: Zunächst hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Mitte Mai 2011 in einem Interview mit einem italienischen Journalisten betont, sie habe noch nicht darüber entschieden, ob sie die Kandidatur des Italieners Mario Draghi zum neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank unterstützen werde. Dann führte sie ein längeres Telefonat mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi – “über europäische Fragen” – und 24 Stunden später gab sie nach den Worten des stellvertretenden Regierungssprechers Christoph Steegmans ihr Placet zu Draghis Bewerbung. Damit war nach monatelangem Tauziehen und Rätselraten der Weg frei für den italienischen Notenbank-Gouverneur. Er wird also dann am 24. Juni 2011 während des nächsten EU-Gipfels offiziell zum Nachfolger von Jean-Claude Trichet ernannt werden können, dessen Amtszeit im Oktober 2011 abläuft.

Nach Webers Rückzug eine Hängepartie

Angela  Merkel hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Nachdem ihr Anfang des Jahres ihr Favorit, der bisherige Bundesbank-Chef Axel Weber, abhanden gekommen war. Dieser war mit Kritik an riskanten Hilfsaktionen für Euro-Länder angeeckt und hatte das Handtuch geworfen, wodurch er bei den europäischen Nachbarn ein irritierendes Hin und Her, ein Zwar – Aber, eine Hängepartie forcierte.  So wurde geargwöhnt, die Kanzlerin wolle sich ihre Zusage mit einem “Trostpreis” erkaufen – etwa der Art, dass der neue Bundesbankpräsident und Weber-Nachfolger Weidmann an die Spitze des Financial Stability Board rückt.

Ein Verfechter von Preisstabilität und Prosperität

Der 63 Jahre alte Draghi gilt als überzeugter Befürworter der europäischen Wirtschaftsintegration wie der Währungsunion und ist offenkundig pragmatischer als sein ehemaliger Rivale Weber. Er profilierte sich allerdings zugleich auch als ein Banker, der sich der ökonomischen Risiken der Währungsunion voll bewusst ist. Immer wieder unterstreicht er, dass die Währungsunion nur dann überleben könne, wenn sie vorrangig Preisstabilität und Prosperität garantiert. Dabei sei  nachhaltiges Wachstum nur auf der Grundlage der Preisstabilität möglich. Draghi wandte sich zuletzt – und in dieser Einschätzung ist er Webers Haltung nahe – gegen “die immer maßloseren Forderungen in Sachen Euro-Rettungsfonds”.

Bislang Chef der Banca d’Italia

Mario Draghi
Mario Draghi wird neuer Chef der Europäischen Zentralbank (Foto: commons.wikimedia.org/ Stephen Jaffe)

Der italienische Notenbank-Präsident hat eine glänzende Karriere absolviert. Der Wirtschaftsprofessor promovierte am  Massachusetts Institute of Technology. Doktorväter waren die Nobelpreisträger Franco Modigliani und Robert Solow. Er unterrichtete danach unter anderem in Havard und publizierte zusammen mit dem deutschen Ökonomen Rudi Dornbusch. Und es ging weiter aufwärts. Mario Draghi war Exekutivdirektor bei der Weltbank, wirkte als Berater der Banca d’Italia und als Generaldirektor des italienischen Schatzamtes. Hier war er nicht nur für ein ambitiöses Privatisierungsprogramm verantwortlich, sondern zugleich maßgeblich an jenen Sanierungsanstrengungen beteiligt, die den Weg zum Beitritt Italiens in die Währungsunion ebneten. Zum Gouverneur der Banca d’Italia wurde Draghi Ende 2005 ernannt.

Sesseltausch unter zwei Italienern

Der italienische Notenbankchef hatte zuletzt einige Konkurrenten für die Bewerbung um das Amt des EZB-Präsidenten gehabt: Der Chef der Zentralbank von Luxemburg, Yves Mersch, sein finnischer Kollege Erkki Likanen und der deutsche Chef des Euro-Rettungsschirms, Klaus Regling. Ihnen aber waren nur Außenseiterchancen eingeräumt worden. Mit der Berufung von Draghi gibt es nunmehr einen Italiener zuviel im EZB-Führungsgremium. Also wird der bislang im Präsidium sitzende Lorenzo Bini Smaghi seinen Sessel räumen müssen. Aber das dürfte ihm nicht allzu schwer fallen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird er an Draghis Stelle Chef der italienischen Zentralbank. Also ein Sesseltausch unter Landsleuten.

[KS]