Mi, 22. Juni 2011


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Keywords:
Polen | Wirtschaft | Deutschland | Warschau | Wirtschaftsaufschwung |
Deutsche Unternehmen mit Standort Polen zufrieden

Land der Gelegenheiten

Die EU wächst, vor allem in Richtung Osten. In den Staaten Osteuropas und deren nur teilweise erschlossenen Märkten liegt großes Potential für ganz Europa. Der Ost-West Contact beschäftigt sich in seinen Publikationen mit den Chancen von Partnerschaften zwischen Ost-, Mittel- und Westeuropa. Ein Gastbeitrag von Christian Himmighoffen.
OWC

Es gibt wenige andere Orte, an denen die Dynamik des polnischen Wirtschaftsaufschwungs so unmittelbar spür- und sichtbar wird, wie auf dem Quadratkilometer rund um den Warschauer Kulturpalast – dem Relikt längst vergessener Zeiten. Sicher – das produzierende Gewerbe, das Rückgrat der polnischen Volkswirtschaft, sitzt nicht in Warschau, sondern in den dynamischen Regionen im Süden und Westen des Landes mit ihren Gewerbegebieten und Sonderwirtschaftszonen. Doch die glitzernden Hochhäuser, die vielen Baustellen und der futuristische neue Konsumtempel Złoty Tarasy neben dem Hauptbahnhof künden vom ökonomischen Aufstieg des deutschen Nachbarn im Osten und seiner Kapitale an der Weichsel. 

Lokomotive Deutschland

Nach der kurzen Abkühlung während der Wirtschaftskrise schaltet der polnische Konjunkturmotor wieder höher. Um mindestens vier Prozent soll Polens Wirtschaft in diesem Jahr zulegen, für 2012 erwartet die Weltbank sogar ein Plus von 4,2 Prozent. “Polen bleibt einer der Spitzenreiter in der Region“, sagt Peter Harrold, Country Director für Osteuropa und das Baltikum bei der Weltbank: “Die Hauptgründe sind der solide Konsum, die tiefe Integration in die EU-Märkte und die gute Absorption von EU-Mitteln.“ Nicht zuletzt zieht die Lokomotive Deutschland wieder: 

Symbol des polnischen Aufschwungs: Das Zentrum Warschaus

Stadtzentrum Warschau
Das Stadtzentrum Warschaus, Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs Polens (Foto: texter)

Immerhin gingen mehr als ein Viertel der polnischen Ausfuhren im Vorjahr in das westliche Nachbarland. Die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen florieren nach der kurzen Flaute während der weltweiten Rezession wieder: Im vergangenen Jahr legten die deutschen Ausfuhren nach Polen um 22 Prozent auf über 38 Milliarden Euro zu. Polen war damit der zehntgrößte Absatzmarkt für deutsche Unternehmen. Die Einfuhren von dort kletterten sogar um 28 Prozent. Und die Zeichen deuten weiter aufwärts: In der jüngsten Frühjahrsbefragung des BDI unter den größten deutschen Familienunternehmen landete Polen auf Platz zehn unter den wichtigsten Exportländern der befragten Firmen. In drei Jahren wird sich das Land sogar an der Schweiz und den Niederlanden vorbei auf Platz acht geschoben haben. Deutschland ist zudem der zweitgrößte Auslandsinvestor in Polen: Im vergangenen Jahr investierten deutsche Unternehmen netto 2,8 Milliarden Euro im Nachbarland, wozu allerdings die Übernahme des 48-Prozent-Anteils des Mobilfunkbetreibers PTC Era durch die Deutsche Telekom wesentlich beitrug. Insgesamt haben deutsche Unternehmen bereits 23 Milliarden Euro in Polen investiert. Davon profitieren beide Seiten: “Die Polen sind sehr zufrieden mit den deutschen Investitionen“, sagt etwa Dr. Jacek Robak, Leiter der Wirtschafts- und Handelsabteilung der polnischen Botschaft in Berlin: “Sie sind sehr stabil und bringen auch eine neue Sozialkultur nach Polen.“ Die deutschen Unternehmen bewerten den Standort und ihre Investitionsentscheidung überwiegend positiv: Laut der jüngsten Konjunkturumfrage der Deutsch-Polnischen IHK würden 86 Prozent der befragten Unternehmen heute erneut an der Weichsel investieren (s. Kasten). 

Schlechte Noten für Infrastruktur und Verwaltung

Sorgenfrei ist das Leben deutscher Unternehmen im Nachbarland natürlich nicht. Schlechte Noten erhält der Standort Polen unverändert für die Infrastruktur und die Effizienz der öffentlichen Verwaltung. Um sechs Plätze, auf den drittletzten Rang abgerutscht, ist in der jüngsten Umfrage der AHK die Qualität der beruflichen Bildung. Als Prioritäten für die Regierung nannten die Befragten dann auch vor allem den Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur und die Verbesserung der Effizienz der Verwaltung.

In den letzten Monaten machten zudem Probleme einiger deutscher und österreichischer Unternehmen auf dem polnischen Markt Schlagzeilen. So ist der Industriegasehersteller Messer in Polen in einen bizarren Steuerstreit verwickelt, nachdem die Zollbehörden in Katowice eine Verbrauchsteuer in Höhe von 12.110 Prozent des Verkaufspreises für das Schweißgas Acetylen fordern, das Messer an seinem Standort Chorzów herstellt. Die Steuerschuld macht ein Vielfaches des Umsatzes von Messer in Polen aus. Die österreichische Alpine fordert in einem Rechtsstreit mit der polnischen Straßenbaudirektion GDDKiA eine Entschädigung von einer Milliarde Złoty, weil die GDDKiA das Unternehmen im Dezember 2009 von einer Autobahnbaustelle verwies. Die Alpine hatte sich geweigert, dort eine Brücke zu bauen, weil sie die Sicherheit des Objekts für nicht gewährleistet hielt. Die GDDKiA hatte daraufhin den Vertrag mit Alpine gekündigt.

Durchwachsenes Zeugnis

Ob Einzelfälle oder nicht – auch im Doing-Business-Report 2011 der Weltbank, in dem die Rahmenbedingungen für eine Geschäftstätigkeit in 183 Ländern verglichen werden, bekam Polen erneut ein durchwachsenes Zeugnis. Das Land landete auf Platz 70 und war damit unter den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten das Schlusslicht, in der EU schnitten nur Italien und Griechenland noch schlechter ab. Schlechte Noten bekam Polen vor allem für den hohen Aufwand bei der Unternehmensgründung, bei der Erteilung von Baugenehmigungen und für die Steuerbürokratie. Die EBRD monierte in ihrem Transition Report 2010 zum wiederholten Male den großen staatlichen Einfluss in der Wirtschaft, insbesondere im Energie- und Bankensektor. Anne von Loeben, die als Partnerin der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers deutsche Investoren in Polen betreut, kann die kritische Einschätzung der steuerlichen Rahmenbedingungen nicht nachvollziehen. Zwar müsse etwa die Umsatzsteuer in Polen monatlich deklariert werden, dies sei dann aber eine definitive Erklärung: “Der Formalismus bei der Umsatzsteuer ist enorm, aber durch die Definitiverklärung ist es dann aber auch zügig erledigt. In Deutschland dagegen muss ich unter Umständen sehr lange auf eine Steuererstattung warten.“

Polen sei nicht bürokratischer, sagt von Loeben. Über einen Mangel an Arbeit kann sie sich jedenfalls nicht beklagen: “Ich hatte kaum meinen Mantel ausgezogen und mich an den Schreibtisch gesetzt, da ging es schon los“, erinnert sie sich an ihren Start vor einem Jahr. Die polnische Regierung bemüht sich, auf die Kritik an einzelnen Rahmenbedingungen zu reagieren. Im April verabschiedete das Parlament eine Gesetzesänderung, die die Gründung einer GmbH vereinfachen und beschleunigen soll. “Mit der Neuregelung versucht der Gesetzgeber der übermäßigen Bürokratisierung im polnischen Geschäftsverkehr zu begegnen, die überlange GmbH-Gründungsdauer von durchschnittlich ca. 32 Tagen zu verkürzen und so den aktuellen Marktanforderungen gerecht zu werden“, sagt Rechtsanwalt Grzegorz Sekowski von der Kanzlei Derra, Meyer & Partner.

Peter Baudrexl, CEO von Siemens Polska, ist mit dem Investitionsklima in Polen jedenfalls zufrieden: “Wir haben als Unternehmen sehr positive Erfahrungen gemacht“, sagt er. Der deutsche Technologiekonzern ist in Polen in den Geschäftsfeldern Medizintechnik, Industrie und Energie aktiv. Erst im Februar sicherte sich die polnische Siemens-Tochter den bisher größten Einzelauftrag in Polen: Das Unternehmen soll 35 Züge für die Warschauer Metro im Wert von 272 Millionen Euro liefern. Zudem hat sich die Metro eine Option auf 17 weitere Züge gesichert. Mit innovativen Produkten versucht Siemens, im Wettbewerb zu punkten. So bieten die Münchner im Rahmen des Performance Contracting klammen Kommunen eine Teilung der eingesparten Energiekosten nach der energetischen Sanierung kommunaler Gebäude.

Scharfer Wettbewerb

Denn ein wettbewerbsintensiver Markt ist Polen in jedem Fall: “In vielen Projekten hat der Preis einen hohen Stellenwert, weil man nur auf die Anschaffungs-, nicht auf die laufenden Kosten schaut“, sagt Baudrexl: “Kritisch wird es, wenn nichteuropäische Unternehmen mit staatlicher Unterstützung kommen.“ Den scharfen Wettbewerb bekommt auch Thomas Stein, Geschäftsführer der polnischen Tochter des Düsseldorfer Ingenieurbüros Schüßler-Plan, zu spüren: “Wir vermissen Rahmenbedingungen und Mindeststandards außer dem Kriterium des niedrigsten Preises bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand“, sagt Stein. Er beobachtet im Baubereich einen Preisverfall, weil zu viele Firmen am Markt seien: “Der Zuschlag wird bei 30 bis 40 Prozent des Budgetvorschlags vergeben.“ Dennoch sind Stein und sein 35-köpfiges Team gut im Geschäft: So planen die Bauingenieure unter anderem den Bau der Nordbrücke Warschau, eine Schnellstraße bei Kielce und eine Tiefgarage im Zentrum von Warschau.

Insbesondere im Baubereich hat die globale Krise zu einer Verschärfung des Wettbewerbs geführt. “Die Krise ließ alle nach öffentlichen Mitteln schauen, diese werden aber zurückgehen“, sagt Henryk Liszka, CEO von Hochtief Polska. Bei der polnischen Hochtief-Tochter entfallen heute 45 Prozent der Aufträge auf öffentliche Auftraggeber, vor der Krise waren es lediglich sieben Prozent. Hochtief Polska baut unter anderem die Flughäfen in Poznań, Warschau, Wrocław und Łódż aus und errichtet das Stadion in Chorzów. Der polnische Hochtief-Chef setzt aber auf eine Wiederbelebung der privaten Investitionen, zumal die Banken nun wieder Kredite vergeben. Die polnische Erfolgsgeschichte ist für den Briten mit polnischen Wurzeln jedenfalls noch lange nicht zu Ende: “Dieses Land bietet viele Gelegenheiten“, sagt Liszka.

[Christian Himmighoffen]