Die schmerzhafte Mär

- (Foto: his-online.de)
Die Bösen, das waren die Nazis, und der deutsche Soldat, der wenigstens, der ist anständig geblieben. Woraus automatisch folgt: Der deutsche Soldat war kein Nazi. Das soll an dieser Stelle nicht entschieden werden. Aber er war – so er denn empfunden hat für das andere Geschlecht – ein Mann, in aller Regel sogar ein sehr junger Mann, und er war unterwegs in den Weiten Russlands beispielsweise mit zahlreichen anderen sehr jungen Männern. Und er hatte seine Befehle, und die hat er ausgeführt, denn ein Soldat, der Gewissensbisse hat und Befehle nicht ausführt, hört auf, einer zu sein und wird erschossen.
Es war Jan-Philipp Reemtsma mit seinem Hamburger Institut für Sozialforschung gewesen, der mit der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ durch das Offenlegen der Wahrheit für einen Aufschrei der Entrüstung gesorgt hat, für Debatten im Deutschen Bundestag, die seinerzeit Otto Schily gar zu Tränen gerührt haben.
Autorin mit doppelter Distanz
Diesem Hause entstammt Regina Mühlhäuser, und es ist wieder einmal ein Gewinn für die Geschichtsschreibung, wenn ihre Verfasser nicht mehr der Erlebnisgeneration angehören, auch wenn diese einem immer wieder erzählen will, dass Historiker ja keine Ahnung hätten – wie Zeitzeugen zuletzt beim Dutschke-Film eindrucksvoll demonstriert haben. Bei Mühlhäuser kommt noch eine weitere Distanz dazu: die der Geschlechtergrenze. Es ist ein Gewinn, dass eine Frau über die Verbrechen von Männern schreibt. Aus dieser doppelten Distanz zieht vor allem der Leser doppelten Gewinn, nämlich den der extremen Nähe zu einem Thema, das wehtut.
Aber warum? Wegen der Märchen, die nicht wahr gewesen sind: Sie sind es, die schmerzen, vielmehr der Abschied davon. Und wenn mit diesem Buch eine Lücke geschlossen wird, dann ist das Mühlhäusers Verdienst. Handwerklich unangreifbar breitet sie ihr Quellenmaterial aus: Zeugenaussagen, private Bilder der Soldaten – das weite Feld eben, das der Historiker zu beackern hat. Wie leicht könnte man da sein Thema aus den Augen verlieren! Regina Mühlhäuser geschieht dies nicht in einem Augenblick. Mit bewundernswerter Konzentration hält sie drauf – und durch: Denn den erhobenen Zeigefinger, den moralinsauren Abscheu: den sucht man vergebens bei ihr – wer wollte das aber auch im Ernst erwarten. Es ist diese Sachlichkeit ihre Stärke und Größe, und sie tut nichts anderes, als zu beschreiben, was geschieht, wenn Männer in den Krieg ziehen und die Frauen nicht schnell genug weglaufen können. Einige wenige wollten es auch gar nicht, denn es gab – und das ist eine der Überraschungen dieses Bandes – offenbar auch einvernehmliche Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und den Frauen in den okkupierten Landstrichen. Man(n) spare sich das Kopfschütteln.
Gegen die Popularisierung der Geschichte
Ja, das Buch schließt eine Lücke in der Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit. Zugleich aber zeigt es an, wo weiterhin die Krater klaffen: Beispielsweise beim Thema Homosexualität. Aber morgen ist auch noch ein Tag. Man sieht: es hört nicht auf. Hoffentlich hört es nie auf mit der Geschichte, „Eroberungen“ zeigt, wo erst der Anfang ist. Die Hamburger Edition ist nicht zuletzt durch ihr sorgfältiges Lektorat auf dem besten Wege, hier weiterhin Wesentliches zu leisten und der unseligen Popularisierung der Geschichte etwas entgegenzusetzen, das bleibt.
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Regina Mühlhäuser: Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion 1941-1945, Hamburger Edition, Hamburg 2010, 416 Seiten, 32 Euro

