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  • Religionsfreiheit als Eigentor
  • Mittwoch, 01. September 2010

    Von: FS

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    Die Zukunft einer Provokation

    Religionsfreiheit als Eigentor

    (Foto: berlinuniversitypress.de)

    „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“, schrieb schon 1976 der ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde. An diesem Problem hat sich nicht viel geändert, durch wachsende muslimische Einwandererzahlen wird es sogar noch verschärft. Denn während der politisch-gesellschaftliche Geltungsanspruch des Christentums in Europa längst nur noch theoretisch gilt, versuchen die Vertreter des Islams ihre religiösen Besonderheiten überall durchzusetzen.

    Paradoxien als Geschichtsmotor

    Doch für Fischer sind es gerade diese Paradoxien, die den Motor der Geschichte antreiben, wenn scheinbar Unvereinbares aufeinandertrifft. Denn die Bekenntnisneutralität des liberalen Staates hat zwar die Religion gezwungen, zur Privatsache zu werden. Damit hat der Staat diese aber gleichzeitig seinem eigenen Einfluss entzogen. So sind Religion und Politik zwei gleichberechtigte Luhmann’sche Funktionslogiken, aber mit unterschiedlichen Zielen der Gesellschaftsregulation.

    Eine immer religiösere Welt

    Ebenso erklärt sich nach Fischer der scheinbare Widerspruch, dass unsere Gesellschaften immer säkularer werden, während Religiosität weltweit zunimmt. „Säkularisierung [ist] also kein ehernes Gesetz, sondern eine empirisch belegbare Tendenz mit einem soziodemographischen Koeffizienten insofern, als soziale Sicherheit Säkularisierung begünstigt, und Säkularisierung wiederum negative Auswirkungen auf die Fertilitätsrate hat. Dies hat die diametrale Konsequenz, dass reiche Gesellschaften säkularer werden, die Welt insgesamt jedoch religiöser wird.“

    Nothing to kill or to die for

    Religiöser Fundamentalismus ist für Fischer eine Reaktion auf die als „krisenhaft empfundenen Modernisierungsprozesse“. Dafür hat der Autor indes eine ungewöhnliche Lösung: Er fordert einen Dekadenz-Export, also genau jenen kulturellen Imperialismus, wie muslimische Fundamentalisten ihn dem Westen vorwerfen. Der Westen müsse, so Fischer, auch in der islamischen Welt klarmachen, dass es nichts gibt, wofür es sich zu sterben lohnt. Ganz im Sinne von John Lennons Song Imagine: „Nothing to kill or die for“.

    Abstrakte politische Ideengeschichte

    Leider merkt man dem Buch viel zu sehr an, dass es sich um eine Aufsatzsammlung handelt. Die Essays sind einfach zu verschieden, um einen roten Faden erkennen zu lassen. „Die Zukunft einer Provokation“ ist dabei keineswegs leichte Lektüre. Fischer fordert von seinem Leser wenigstens mittlere Lateinkenntnisse ab und einen ganzen Bücherschrank an politischer Theorie. Es handelt sich also um einen Spezialdiskurs zur Ideengeschichte, die irgendwie nicht aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm herauskommt.

    Christentum, Islam und Politik

    „Die Bedingung eines gedeihlichen Miteinanders von Politik und Religion ist mithin eine beidseitige Selbstbegrenzung“, ist als Fazit des Buches dann auch wenig überraschend – mal abgesehen davon, dass es im politischen Alltag kaum weiterhilft. Zu groß sind die Unterschiede der europäisierten Christentums und des Islams mit ihren jeweiligen Forderungen an die Gesellschaft, als das man sie wie Fischer so verallgemeinert abhandeln könnte. Denn der Islam stellt eine ganz eigene gesellschaftliche Funktionslogik dar. Und die widerspricht jedem Gedanken von Liberalität und Individualität grundsätzlich.

    [FS]

    Karsten Fischer: Die Zukunft einer Provokation. Religion im liberalen Staat, Berlin: Berlin University Press 2009, 270 Seiten, 39,90 Euro.