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Mit Keynes keine Wirtschaftskrise?

- (Foto: kunstmann.de)
Eigentlich ist die Finanzkrise ja vorbei, atmen die Ökonomen auf. Doch die Nachwirkungen der Finanzkrise von 2008 sind immer noch spürbar. Das Beispiel Griechenland zeigt, welch tiefe Finanzlöcher sie in die Staatskassen gerissen hat. Auch der Rücktritt Horst Köhlers als Bundespräsident wird auf die Nachwirkungen der Finanzkrise zurückgeführt. Denn nach der Krise suchte man Schuldige, erst die Banken, dann die Ratingagenturen, dann die Hedgefonds, die Finanzaufseher und schließlich die Regierungen.
Schwer beantwortbar ist immer noch die Frage, was eigentlich passiert ist, und wie eine solche Rezession künftig vermieden werden kann? Der 1939 in Harbin, einer Schwerindustriestadt in der Mandschurei geborene Robert Skidelsky lehrte politische Ökonomie an der Universität Warwick in England. In seinem neuen Buch „Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert“ fand er prägnante Antworten auf die Krisensituation. Seine Hauptthese lautet: Nur die Ideen haben versagt. Hätte die Ökonomen richtig gedacht, nämlich im Grundsatz so wie John Maynard Keynes, wäre das Schlimmste vermieden worden.
Skizze der Krise
Für Skidelsky ist unbestritten, dass die Krise durch eine Bankenkrise ausgelöst wurde. Die Bankenkrise führte dann in die weltweite Rezession. Schuld an der Bankenkrise sei eine Pyramide aus Privat- und Bankschulden gewesen, die auf einer schmalen Basis zugrundeliegender Vermögenswerte ruhte. Als diese Pyramide ins Wanken geriet und einstürzte, wurde deutlich, dass die Vermögenswerte, die hauptsächlich auf amerikanischen Häusern aufgebaut waren, nicht gedeckt waren.
Ein Großteil der Bankdarlehen war nämlich an Kreditnehmer mit geringer Bonität vergeben worden. Dabei hatten die Wertpapiere, die auf diesen Schulden beruhten, Eingang in die Bücher der Banken auf der ganzen Welt gefunden. Als die Immobilienpreise in den USA plötzlich fielen, stellten die Banken gleichzeitig fest, dass ihre Anlagen an Wert verloren - und gerieten dadurch in eine Kreditklemme. Das Ganze ereignete sich im Juli 2008, und bereits im September 2008 erklärte die US-Investmentbank Lehman Brothers ihren Bankrott. Dadurch stürzten die Aktienmärkte ab, es kollabierten die Banken, die Börsen brachen ein, die globale Wirtschaft geriet aus den Fugen: Die Weltwirtschaftskrise zog auf.
Skidelsky vergleicht die jüngste Finanzkrise von ihrem Umfang und ihren Ausmaßen mit der von 1929. Doch während die Weltwirtschaft 1930 aus einer Rezession in eine Depression stürzte, wurde die Welt vor einem derartigen Chaos insofern bewahrt, als die Staaten diesmal sofort Konjunkturpakte schnürten, um die Banken zu stützen.
Die Luftblase
Bankenexperte Robert Skidelsky führt die Ursache der Finanzkrise auf das Wirtschaftswachstum der USA im Jahr 2005 zurück. Sie speiste sich zur Hälfte aus dem Immobiliensektor. In der Zeit von 1994 bis 2005 sei Zahl der Hauseigentümer um sagenhafte 15 Millionen gestiegen - das entspricht einer Quote von 69 %. Das Problem dabei war aber die Politik privater Darlehensgeber: Jene hatten nämlich nach der Sättigung der Mittelschicht mit Krediten für den Bau des Eigenheims Hypothekenkredite an Ninjas vergeben. Dies waren Darlehensnehmer with no income , no job and assets: ohne Einkommen, Job und Vermögen.
Die Kunden wurden durch sogenannte Lockzinsen geködert: Das sind Zinsen, die anfangs fast bei Null lagen und dann innerhalb von wenigen Jahren steil anstiegen. Die City Bank Group hat sogar teilweise Immobilienkredite vergeben, bei denen die angefallenen Hypotheken-Zinsen erst mit der letzten Tilgungsrate berechnet wurden.
Vor allem Banken, die auf kurzfristige Geldmarkgeschäfte bauten, gingen als erste bankrott. Als dann der Immobilienmarkt durch das Sinken der Immobilienpreise und den gleichzeitigen Anstieg der Leitzinsen zusammenbrach, gerieten die größte französische Bank BNP Paribas, die zum Teil auf Hypothekenfonds setzte, ins Schleudern, dann die US-Banken Bear Stearns und schließlich die Washington Mutual Bank.
Die Krise entwickelte sich im September sogar zur regelrechten Nervenkrise der wichtigsten Investoren, die innerhalb von Stunden einen elektronischen Run auf Banken verübten und ihr Kapital abzogen. Hätten die Banken die Geldmarktkonten aus diesem Grund nicht innerhalb von kürzester Zeit geschlossen, wären am Nachtmittag des 18. September 2008 „5,5 Billionen Dollar aus dem Geldmarktsystem der Vereinigten Staaten abgezogen worden“. Dies hätte innerhalb von 24 Stunden den Zusammenbruch der gesamten US-Wirtschaft sowie des Weltwirtschaftssystems bedeutet, spekuliert der Autor.
Die wahren Ursachen – der Krieg der Schulen
Nach Ansicht Skidelskys sei die Schuld für die Krise nicht bei den Finanzakteuren, sondern den leitenden Wirtschaftstheorien zu suchen. Dabei beherrschten zwei Schulen das wirtschaftliche Denken in der Welt: die Neoklassik und der Neukeynesianismus.
Die Neoklassik oder auch die Schule von Chicago vertritt die Ansicht, dass die Realität des Marktes so sei: am Markt herrscht die Theorie vom Gleichgewicht mit perfekten Märkten vor und alle Wirtschaftsakteure verfügen ständig über alle wichtigen Informationen der Marktentwicklung. So kenne jedes Wirtschaftssubjekt jede denkbare Wahrscheinlichkeit. Neoklassiker arbeiten deshalb mit komplizierten mathematischen Formeln. Es gebe also keine Risiken, denn für jede Eventualität gebe es einen Markt. Versagen und Bankrott sind demnach unmöglich. Die Märkte sollen sich deshalb frei von staatlicher Regulierung entwickeln. Denn sie reagieren immer effizient auf Schocks und brauchen keine staatlichen Anreize. Die meisten Wirtschaftsakteure in der Welt glauben an die Grundsätze dieser Schule.
Die Neukeynesianer hingegen teilen diese Auffassung nicht. Obgleich auch sie davon ausgehen, dass sich der Markt immer wieder auf sein Gleichgewicht einpendelt, lassen sie dem Staat Raum, um einzugreifen. Nach ihrer Auffassung können Märkte aufgrund eingeschränkter Informationen der Akteure versagen, deshalb müsse der Staat handeln und Anleihen zur Finanzierung eines Haushaltsdefizits geben.
Die Koryphäe für Keynes Werk, Skidelsky, kritisiert, dass vor allem die mit dem Risikomanagement beauftragten Manager und Aufsichträte die mathematischen Grundlagen der Modelle über die scheinbar risikofreie Entwicklung der Märkte nicht verstanden hätten. Ihre Rationalität bestand darin, dass sie nur glaubten, die Modelle seien richtig, es selber aber nicht wussten.
Der Retter – aber wie?
Der Historiker Skidelsky, der in Oxford Geschichte studierte, holt deshalb John Maynard Keynes (1883-1946) aus der Mottenkiste hervor, um seine inzwischen in Vergessenheit geratene Theorie neu zu interpretieren. Keynes galt zu Lebzeiten als brillanter Nichtökonom, Spekulant und Investor. Seine Stärke bestand darin, dass er in wirtschaftlich unsicheren Zeiten wie zu Beginn des Ersten Weltkrieges menschliches Verhalten einschätzen konnte. Er glaubte nie an den Fallstrick rein statistischer Daten, um Marktentwicklungen vorherzusagen.
Für Keynes bedeutete Unsicherheit, dass ihr keinerlei Wahrscheinlichkeit zugrunde gelegt werden könne. Zwischen 1920 und 1940 investierte er in die schwierigsten Märkte und hätte beinahe sein gesamtes Vermögen verloren. Während der Weltwirtschaftskrise zwischen 1929 und 1932 lernte Keynes am meisten über die Entwicklung des Marktes und gab die Vorstellung auf, dass sich Märkte selbst korrigieren könnten.
Keynes wesentliche Hypothesen:
Es existiere kein Gleichgewicht der Märkte, sondern ein Gleichgewicht aus eigener Kraft. Die Wirtschaft floriere vor allem dann, wenn die Zuversicht groß sei. Bei pessimistischer Investitionsstimmung stagniere sie. Wirtschaftliches Handeln sei also psychologisch motiviert. Diese Stimmungen richtig einzuschätzen, heiße die Wirtschaftsentwicklung auch besser deuten zu können. Denn nach Keynes sei die Triebkraft des Kapitalismus die Unsicherheit. Märkte unterliegen damit neben messbaren auch unbekannten Wahrscheinlichkeiten. Ausgeben, nicht Sparen führe zu Produktion und Beschäftigung. Deshalb müsse der Staat Anreize zum Investieren vorgeben. Der Politik komme damit der Hauptpart im Umgang mit Unsicherheit zu, nämlich Geld klug auszugeben.
Unsere Welt
Keynes Erkenntnisse florierten vor allem bis zum Ende der sechziger Jahre, weil keine Regierung die Verhältnisse der 30er Jahre zurückwünschte. Doch bereits in den 1980er Jahren kehrte die Politik zu den vorkeynesianischen Theorien zurück und vor allem Ronald Reagan und Margaret Thatcher taten alles, um die Märkte zu deregulieren. An die Stelle des Bretton-Woods-Systems einer regulierten Weltwirtschaft trat der Washington Consensus. Sein Credo: der Glaube an die Effizienz und Selbstregulierungskraft der Märkte. Nicht regulierte, sondern freie Märkte seien wirtschaftlich rentabel. Eine Vorstellungswelt, die in ein neues Desaster führte. Was nun? Hilft Keynes hier weiter? Eines ist zumindest sicher: ohne die immensen Staatsausgaben auf Kosten der Steuerzahler, wäre die Weltwirtschaft wie in den 1930er Jahren in eine Depression gerutscht, die zu hoher Arbeitslosigkeit geführt hätte - und zu Ausfällen der Bonuszahlungen an unfähige Finanzmanager.
Nobelpreisträger Joseph Stiglitz schlägt in einem Interview mit der durch den Skandal um die Hitlertagebücher im Jahre 1983 journalistisch in Verruf geratene Illustrierte “Stern” im April 2010 keine hundertprozentige Rückkehr zu Keynes Vorstellungswelt vor. Er kritisiert, dass ein Drittel der Staatsausgaben bereits jetzt schon nicht mehr zu bezahlen sei. Dennoch beurteilt auch er die Konjunkturprogramme als notwendig, wenn auch teuer, um die Finanzmärkte zu stützen. Zudem mahnt er Transparenz und Verantwortung gegenüber dem Bürger an. Vor allem die Gewinnsysteme der Banken müssten reduziert werden. Anstelle der Maxime, dass bei gigantischem Versagen gigantische Gewinne für die Banker herauskommen, sollte die Risikobereitschaft der Banken gedrosselt werden. Die Bundesregierung scheint inzwischen ganz auf Keynes zurückzukommen, wenn Wirtschaftsfachleute der CDU eine Transaktionssteuer verlangen, also die Wertpapieren zum Nachteil der Bankkunden besteuern wollen. Und wie würde Keynes selbst regieren? Wahrscheinlich würde er nur zustimmend zum Vorschlag der Bundesregierung nicken. Diejenigen, die noch Zweifel haben, kann die Lektüre des neuen Buches von Robert Skidelsky mit gutem Gewissen empfohlen werden.
[CH]
Robert Skidelsky, 2010. Die Rückkehr des Meisters. Keynes für das 21. Jahrhundert, München: Verlag Antje Kunstmann. 19,90€ (Gebundene Ausgabe)

