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  • Hitler kämpfte für die Einheit Europas
  • Mittwoch, 08. September 2010

    Von: IZ

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    Keywords:
    Drittes Reich | Weltkrieg | Nazis | Hitler | Hans Dieter Schäfer
    Das gespaltene Bewusstsein - Vom Dritten Reich bis zu den Fünfzigern

    Hitler kämpfte für die Einheit Europas

    Das gespaltene Bewusstsein
    (Foto: wallstein-verlag.de)

    Dem unheilvollen Wirken eines Guido Knopp verdankt ein Großteil der Fernsehzuschauer in etwa dieses grob vereinfachte Geschichtsbild: Dem fürchterlichen Ersten Weltkrieg folgten die Goldenen Zwanziger Jahre, bis plötzlich und aus dem Nichts die Nazis auftauchten und “die Macht ergriffen”. Von Stund an legte sich ein kollektives bleiernes Dunkel auf die Bürger eines international isolierten Reiches, die erst wieder mit dem Einmarsch der Amerikaner und nach der “Befreiung vom Faschismus” den Kopf zu heben wagten. Seitdem gibt es Coca-Cola und Kaugummi, und bald nach dem oder mit dem Wirtschaftswunder wurden “wir” Fußball-Weltmeister. Seither auch gibt es den Europagedanken, und man sieht die Herren Adenauer und de Gaulle als die Vordenker und Architekten des gemeinsamen Hauses Europa, in dem wir alle seither glücklich und in Frieden leben.

    Als das Buch erstmals vor dreißig Jahren erschien, löste es einen Schock aus, und es wäre gut, wenn ein ähnlich spürbarer Schock auch heute wieder ausgelöst werden könnte. Denn hier steht, auf den Tag genau belegt, was wann im Berliner Tageblatt der Jahre 1933 bis 1945 gestanden hat und was man als Zeitgenosse also gewusst haben kann. Hans Dieter Schäfer hat sich seinerzeit die Mühe gemacht, diese Tageszeitung komplett zu durchforsten, und ergänzt um weitere lesenwerte Essays hat er die Früchte seiner Forschungsarbeit erneut vorgelegt. Von einem “Wirtschaftswunder” sprach das Ausland demnach schon kurz nach 1933; der Slogan “keine Experimente” ist nicht etwa unter Ludwig Erhard auf den Wahlkampfplakaten der jungen Bundesrepublik erschienen, sondern erstmals von keinem Geringeren als Rudolf Hess 1936 in den Mund genommen worden. Für Coca-Cola wurde bis 1942 geworben, und “die Einheit Europas” ist etwas, für das sich Adolf Hitler bis zum Schluss eingesetzt haben will. Auch wenn der Diktator darunter selbstverständlich etwas anderes verstanden haben mag als später Adenauer und de Gaulle, ist es doch auffällig, wie wenig die populäre Geschichtsforschung - allen voran Herr Knopp - sich mit anderen Perspektiven als mit der ausschließlich völkisch-nationalen auf das Dritte Reich beschäftigt hat. Denn diese andere Sicht gab es, und das Buch belegt im Kapitel “Alltagskultur im Dritten Reich” eindrucksvoll, wie das wahre Leben für den Normalverbraucher ausgesehen hat.

    Weitere Kapitel beschäftigen sich mit nicht weniger finsteren Themen: Die Rückkehr oder besser Nicht-Rückkehr der immigrierten Schriftsteller in das Deutschland der Nach-Nazi-Ära. Es gab keine harten Schnitte, es gab vor allem keine Stunde Null. Es gab hingegen einen allmählichen Übergang von einem Bewusstseinszustand zu einem anderen - mit vielen Überlappungen und zum Teil haarsträubenden Gleichzeitigkeiten.

    Viele Illustrationen veranschaulichen, was im Titel trefflich benannt ist und was - wenn man so will - bis in die heutige Zeit hineinwirkt: Das gespaltene Bewusstein. Nein, mit “unserer” Vergangenheit sind “wir” noch lange nicht fertig, denn das verheerende Wirken der Nazis ist nachgerade ein gesamteuropäisches Thema, das uns alle noch lange beschäftigen wird.

    [IZ]

    Hans Dieter Schäfer: Das gespaltene Bewusstsein. Vom Dritten Reich bis zu den langen Fünfziger Jahren. Wallstein. Göttingen 2009, 34,00€ (Gebundene Ausgabe)