Donnerstag, 26. Januar 2012

Von: Mariella Röhrl

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Grüne Woche 2012 | Regionale Küche | Demonstrationen | Pestizideinsatz | Agrarindustrie | Tierhaltung | Gentechnologie
“Wir haben es satt!”

Kritik an deutscher Agrarpolitik

Vom 20. bis 29. Januar findet die traditionsreichste Berliner Messe statt - die 77. Internationale Grüne Woche. Vergangenen Freitag wurde diese mit einem traditionellen Rundgang von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit eröffnet. Die Messe zählt zu den bekanntesten Veranstaltungen in Deutschland. Gut 400.000 Besucher werden innerhalb der nächsten Tage erwartet. Über 1.600 Aussteller präsentieren in den Messenhallen unter dem Berliner Funkturm ihre Ideen und Angebote für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Da die Verbraucher immer bewusster auf die Qualität und Herkunft ihrer Lebensmittel achten, liegt aus diesem Grund der diesjährige Schwerpunkt der Messe auf der “Regionalen Küche”. Neben kulinarischen Köstlichkeiten wird ebenso Gartenbaubedarf und Zuchtvieh präsentiert. Anlässlich der Grünen Woche zogen einen Tag nach deren Eröffnung tausenden Protestler durch das Regierungsviertel in Berlin, um gegen die derzeitige Agrarindustrie und für einen nachhhaltige Landwirtschaft zu demonstrieren.

“Grüne” Köstlichkeiten

Die 77. Internationale Grüne Woche
Die 77. Internationale Grüne Woche ist die traditionsreichste Berliner Messe auf der 59 Länder aus allen Kontinenten der Erde zu einer gastronomischen Reise rund um den Globus einladen. (Foto: commona.wikimedia.org, frei)

Auf 115.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in 26 Veranstaltungshallen laden 59 Länder aus allen Kontinenten der Erde zu einer gastronomischen Reise rund um den Globus ein. Landestypische Speisen und Getränke verwöhnen den Gaumen der Besucher für neun Tage. Rumänien ist das offizielle Partnerland der Grünen Woche 2012. Norwegen feiert hingegen sein 25-jähriges Messejubiläum mit authentischem Elchgrillen. Mit Gabun stellt sich erstmals eines der rohstoffreichsten Länder Afrikas vor. Aufgrund der Spezialitäten aus aller Welt zählt die Grüne Woche zu einer der wichtigsten Verbrauchermessen in Deutschland. Doch die Messeveranstalter möchten auch auf Zukunftsthemen setzen. Das Thema Bioenergie ist nach der Energiewende vor knapp einem Jahr ebenso in ihren Fokus gerutscht. In zwei Hallen könnnen sich die Besucher über nachwachsende Rohstoffe informieren. Auch an den Nachwuchs wird dieses Jahr gedacht. Das Bildungsangebot für junge Leute ist aus diesem Grund erweitert worden. Mit dem Programm “Temporären Campus” im ICC sowie weiteren Workshops und Führungen können Schüler, Studenten und Berufseinsteiger mehr über ernährungswissenschaftliche, agrarwirtschaftliche und ökologische Themen erfahren.

Negative Entwicklung

Die deutsche Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahren insgesamt zum Negativen entwickelt. Ständig größer werdende Ackermonokulturen, stark erhöhte Pestizideinsätze: all das führt langfristig zu einem permanenten Rückgang der Artenvielfalt. Am schlechtesten steht es aber wohl um die Entwicklung der Tierhaltung, denn immer mehr Nutztiere werden in industrialisierten Tierhaltungsfabriken gehalten. Da wird hemmungslos und Importfuttermittel wie Gen-Soja gefüttert. Zudem steigt durch das enge Zusammenleben der Tiere die Gefahr eines erneuten Seuchenausbruchs. Um ihren Unmut zu zeigen, riefen einen Tag nach der Eröffnung von Europas größter Agrar- und Lebensmittelmesse 120 Organisationen aus Deutschland zu einer Protestaktion auf. Rund 20.000 Demonstranten zogen unter dem Motto “Wir haben es satt!” durch die Berliner Innenstadt, um sich gegen Gentechnik und Massentierhaltung auszusprechen. Sie forderten einen Richtungswechsel in der Agrarpolitik national wie international. Laut der taz.de (Tageszeitung) kritisierte Hubert Wagner, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), dass die “hoch subventionierte Agrarindustrie” auf dem Rücken der Tiere, Umwelt und Konsumenten produziere. Der Verbraucher müsse wissen, dass er für jedes billige Kilo Schweinefleisch aus industrieller Tierhaltung noch mal einen Euro dazuzahlen muss, um die Folgekosten dieses Wirtschaftens als Steuerzahler finanzieren zu können, so Wagner. Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner kritisierte die Ausrichtung der Demonstration jedoch scharf. Die Landwirtschaft habe sich stark zugunsten der Verbraucher, Tiere und Umwelt verändert, so Aigner. Außerdem sagte die CSU-Politikerin der taz.de, dass diejenigen “die hier demonstrieren, mögen satt sein, aber eine Milliarde Menschen auf dieser Welt sind es nicht.” Doch die Organisatoren der Demonstration konterten und wiesen die Kritik zurück. Frau Aigner habe alle potenziellen Demonstranten diffamiert. Sie habe sich offenbar nie mit den globalen Zusammenhängen der Agrarpolitik befasst. Um in Deutschland billiges Fleisch produzieren zu können, verdrängten Soja-Monokulturen den Lebensmittelanbau in Hungerländern. Bereits 2011 waren während der Grünen Woche waren tausende Menschen auf die Straße gegangen, um gegen Dioxinskandale und Gentechnik zu protestieren.

Vermehrter Pestizideinsatz

Pestizide
Die Verwendung fremder Gene erschwert die pestizidfreie Bioproduktion. (Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

Schon seit Jahren versuchen Chemieriesen wie beispielsweise Bayer, Monsanto, Dupont, Syngenta und BASF das Thema Gentechnologie in der Bevölkerung und bei den Landwirten attraktiv zu machen. Ihre Versprechen von gesünderen Nahrungsmitteln, höheren Erträgen durch die Genpflanzen sowie geringeren Pestizideinsatz glaubt jedoch keiner mehr. Hätte die Gentechnikindustrie die Entscheidung darüber treffen können, wäre die Genpflanze im Essen und auf dem Acker schon längst die Regel. Und dabei häufen sich die Beispiele, wie bedrohlich diese Technologie eigentlich für die Umwelt und auch unsere Gesundheit ist. Das Ausmaß der gesundheitlichen Risiken beim Verzehr von Nahrungsmitteln, die mit Hilfe von Gentechnik manipuliert worden sind, hat in der Forschung bisher noch keine klaren Ergebnisse erzielt. Denn die fremden Substanzen verursachen nicht nur Allergien, sondern produzieren auch neue Giftstoffe und gefährden die biologische Artenvielfalt durch ihren stetig steigenden Einsatz.

Insbesondere die Biobranche ist vom Einsatz der Pestizide betroffen. Die Verwendung der fremden Gene erschwert nämlich die pestizidfreie Bioproduktion. Eine vollständige Rückständefreiheit sei nur dann zu garantieren, wenn der Gebrauch weltweit komplett verboten werde. Laut dem World Wildlife Fund (WWF) zeigen die Ergebnisse einer Statistik aus dem Jahr 2000, dass in 35 Prozent der 45.000 in den Mitgliedsstaaten der EU vorgenommenen Lebensmittelanalysen Pestizidrückstände gefunden wurden. In den aus Deutschland herbeigeschafften Proben - es wurden aus dem Inland sowie ausländisch importierte Produkte analysiert - wurden in 38 Prozent der Lebensmittelproben Restbestände der gefährlichen Substanzen gefunden. Davon überschritten 3,9 Prozent den Grenzwert.

Doch der Verbrauch von Pflanzenschutzmitteln hat sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren kaum verändert. Jedes Jahr werden um die 30.000 Tonnen auf Äckern und in Gewächshäusern verteilt, davon sind rund die Hälfte Unkrautvertilgungsmittel (Herbizide).

Umstrittene Technologie? – Pro und Contra

Die “rote Gentechnik” wird in der Medizin schon seit einiger Zeit akzeptiert. Doch in der Landwirtschaft gilt die “grüne Gentechnik” sowie der Anbau von Genpflanzen als höchst umstritten. Ihre Befürworter sehen sie jedoch als geeignete Waffe zur Bekämpfung des weltweiten Hungers oder der Armut. Gegner warnen vor der unkontrollierbaren Verbreitung und der möglichen Verschmutzung von Nachbarfeldern. Die Verunreinigungen durch diese Pflanzen häufte sich in den letzten Jahren immer mehr an und kommen auch jetzt immer wieder vor. Das beweist, dass die Industrie und die Behörden die Situation keineswegs unter Kontrolle haben, wie sie immer vorgeben. Zwar kann man der Technik auch einiges Gutes abgewinnen, doch langfristig gesehen, schadet diese der Natur bzw. Landwirtschaft mehr als sie hilft. Ein effizientes Unkrautmanagement durch herbizidresistenten Pflanzen senken den Treibstoff- und Chemikalienverbrauch und steigern außerdem den Schutz durch virus- und insektenresistente Bt-Pflanzen. (Aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis in Nutzpflanzen übertragene Gene bewirken, dass die Pflanzen eigenständig Bt-Toxine produzieren.)

Allerdings hat in einigen Ländern wie der USA die Einführung von genmanipulierten Pflanzen zu einem höheren Einsatz der gefährlichen Pestiziden geführt. Sogenanntes "Functional Food" soll mit gesundheitsförderlichen Eigenschaften die Ernährungsgewohnheiten auf der Welt verändern und somit in der Bekämpfung des weltweiten Hungers einen Teil mit beitragen. Gegner sehen darin keinen positiven Fortschritt, sondern einige ernste Probleme wie beispielsweise die Vermischung von Arzneimitteln mit Lebensmittel oder die Überdosierung der Zusatzstoffe. Darüber hinaus ist noch lange nicht eindeutig geklärt worden, welche Folgen für Mensch und Tier bestehen. Und der Welthunger sei eben kein Produktions- , sondern ein Veteilungsproblem. Durch die permanente Einführung von Genpflanzen in der Landwirtschaft könnte dieser durch Innovationen und Marktnischen (Functional Food / NawaRo) eine dauerhafte Existenzsicherung ermöglicht werden. Die Gentechnik gilt als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts und bietet auch Chancen für die mittelständische Industrie, da sie Innovationen in der Naturwissenschaft mit neuen Standortpotenzialen fördert. Die Förderer der "grünen" Gentechnologie sehen diese als Teil des Bio-Tech Booms mit hohen Wirtschafts- und Arbeitspotentialen. Kritiker sehen sie als einseitige Ausrichtung und setzen lieber auf konventionelle Züchtung für den Ökolandbau. Zudem befürchten sie, dass die Abhängigkeit der Landwirte verstärkt wird durch die Monopolisierung der Saatgutindustrie und Patentierungen.

Mehr Sprit mit Algen

Algen
Eine neue Erdölalternative sollen Algen für die Produktion von Bioethanol sein. (Foto: Stephan R./pixelio.de)

Auf der Suche nach Erdölalternativen richtet sich der Blick der Forscher aufs Meer. Algen könnten Bioethanol liefern, wenn sie nur gut zu verarbeiten wären. Seetang könnte zukünftig neben Mais, Raps und Zuckerrohr einen weiteren Lieferant für Bioethanol darstellen. Der Vorteil wäre, dass diese Pflanzen in großen Mengen im Meer wachsen und nicht in Konkurrenz mit Nahrungsmitteln auf den Ackerflächen stehen. Bisher konnte Forscher allerdings noch keinen Weg finden, der die Kohlenhydrate der Algen in industriellem Maßstab zu Ethanol umsetzen könnte. Die Wissenschaftler des US-Biotechnik-Unternehmens Bio Architecture Lab (BAL) scheinen jedoch auf gutem Wege zu sein, das Problem zu lösen. Die gentechnisch veränderte Form des Bakteriums Escherichia coli soll in der Lage sein, die Kohlenhydrate der Algen in Ethanol umzuwandeln. Angaben zufolge könnte eine Fläche von etwa einem Hektar Algen jährlich bis zu 19 000 Liter hervorbringen. Diese Ausbeute wäre doppelt so groß wie bei einem Hektar Zuckerrohr, sogar fünfmal so hoch wie bei Mais.

Kritik an US-Konzern Monsanto

Auch wenn es viele Befürworter der Gentechnologie gibt und diese mittlerweile schon einige "Erfolge" verbuchen konnte, steigt die Zahl der Gegner jedoch stark an. Vor allem in Frankreich scheinen die Proteste in letzter Zeit angewachsen zu sein. Erst am 23. Januar diesen Jahres besetzten rund hundert Gen-Mais-Kritiker den Standort des US-Konzerns Monsanto im südfranzösischen Trèbes. Die Haltung der Franzosen gegenüber den genmanipulierten Lebensmitteln ist eigentlich klar. Veränderte Sorten wie Mon 810 sind im Land strengstens verboten. Da allerdings der oberste Verwaltunsgerichtshof den Erlass im November 2011 wieder kassierte, gingen die Debatten über die umstrittenen Genpflanzen von Neuem los. Grund für diese Protestaktion war, dass der Konzern wohl konkrete Vorbereitungen treffe, Mon 810 in Umlauf zu bringen. Die Regierung des Landes setzt sich schon seit Langen dafür ein, in der Landwirtschaft die gentechnisch veränderten Pflanzen zu verbieten - passiert ist seit November 2011 jedoch nichts. Schon seit Anfang 2012 demonstrieren die Landwirte gegen die Untätigkeit der Regierung.

Doch nicht nur in Frankreich steht der US-Konzern Monsanto in starker Kritik. In den vergangenen Wochen wurde bekannt, dass die Behörden auf argentinischen Getreidefeldern eines Monsanto-Zulieferers sklavenähnliche Arbeitsbedingungen festgestellt haben. Der Konzern habe wohl fast alle Erntehelfer illegal beschäftig. Zudem wurden die Arbeiter am Verlassen der Felder gehindert und deren Löhne nicht ausgezahlt. Die Firma soll nun zur Rechenschaft gezogen werden.

Neue Agrarreformen

Demo
Einen Tag nach der Eröffnung der Grünen Woche zogen rund 20.000 Demonstranten unter dem Motto “Wir haben es satt!” durch die Berliner Innenstadt, um sich gegen Gentechnik und Massentierhaltung auszusprechen. (Foto: commons.wikimedia.org/carstingaxion Carsten Bach, CC by 3.0)

Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) soll bis zum Jahr 2013 abgeschlossen sein. Am 12. Oktober 2011 legte die Europäische Kommission ein Paket von Rechtsvorschlägen vor. Diese sollen die GAP wirksamer machen im Hinblick auf eine wettbewerbsfähige und nachhaltige Landwirtschaft und einen lebendigen ländlichen Raum. Mit der aktuell diskutierten neuen Reform soll die GAP in den Jahren 2014 bis 2020 noch “grüner” und dennoch wettbewerbsfähiger werden. Auf größere Herausforderungen wie beispielsweise der Klimawandel muss zukünftig verstärkt reagiert werden. “Neue Partnerschaft zwischen Europa und seinen Landwirten”, so wird das Reformvorhaben der Europäischen Kommission für die Agrarpolitik bis 2020 bezeichnet. Die in der 1. Säule der EU-Agrarpolitik (Direktzahlungen in Höhe von 317,2 Mrd €) gekürzten Mittel sollten in der 2. Säule (Ländliche Entwicklung 101,2 Mrd .€) aufgestockt werden. Die Direktzahlungen werden nun schrittweise auf das Regional-Modell umgestellt, weg von den historischen Betriebsprämien. Dies haben die Grünen Landwirte schon seit Jahren gefordert. So sollen in der gesamten Förderperiode 2014-2020 Mittel in Höhe von 1,077 Mrd. Euro von der ersten in die zweite Säule umgeschichtet werden.

Positiv wird die Tatsache angesehen, dass der biologische Landbau erstmals als eigenständige Maßnahme im Rahmen der Ländlichen Entwicklung hervorgehoben wird. Die Überlegungen zum “Greening” der Direktzahlungen laufen darauf hinaus, dass alle Landwirte zu den drei folgenden Vorgaben verpflichtet werden sollen. Eine Fruchtartenvielfalt, zweitens der einzelbetriebliche Erhalt des Dauergrünlandes und drittens eine neue Vorgabe zur Flächenstilllegung für sogenannte “ökologische Schwerpunktflächen”. Insbesondere der letzte Punkt gilt als umstritten. Die Generaldirektion der Landwirtschaft hatte intern vorgeschlagen, sieben Prozent aller Ackerflächen aus der Produktion zu nehmen. Dies würde allerdings dazu führen, dass in Deutschland rund 600 000 Hektar Ackerflächen aus der Produktion genommen werden. Vermutlich wird jedoch der Vorschlag der Kommissions deutlich niedriger als sieben Prozent ausfallen.

(Teaserbild: commons.wikimedia.org/Rüdiger,CC BY-SA 3.0)