Mittwoch, 16. Dezember 2009
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Buchrezension "Payback"

Wir sind süchtig nach Informationen

Mit "Payback" trifft Frank Schirrmacher den Geist der Zeit, nicht nur mit seiner Schreibweise, sondern auch mit seinen Gedanken. Das Buch fasziniert, denn Schirrmacher schafft es, den Leser direkt hineinzuziehen. Er macht damit genau das vor, was er eigentlich mit "Payback" kritisieren oder aufzeigen will: Wir sind unfähig geworden zu lesen. Dieses Buch wirft aber eher die Frage auf, ob nicht vielleicht die Autoren verlernt haben, so zu schreiben, dass wir es auch lesen wollen?

Altbekannter Kulturpessimismus?

(Foto: Blessing Verlag München)

Natürlich kann man Schirrmacher vorwerfen, er würde an manchen Stellen einfach nur den "altbekannten Kulturpessimismus im antidigitalen Gewand" zelebrieren, so wie es der "Vorzeigeblogger" Sascha Lobo im Spiegel getan hat. Doch damit greift man zu kurz und hat sich nicht genug mit den interessanten Gedanken des promovierten Philosophen auseinandergesetzt.

Privatfernsehen ist schlimmer

Denn Schirrmacher verurteilt das Internet oder gar Google nicht. Er schreibt selbst: die Behauptung, "dass Google oder das Internet uns dumm machen", stimme nicht. Das wäre eine "enorme Unterschätzung der revolutionären Kraft, die diese Systeme erst ansatzweise entfaltet haben". Verblöden würden wir viel mehr durch das Privatfernsehen: "Selbst die schlechtesten Texte im Internet haben vermutlich nicht die gleiche verheerende Wirkung wie der Trash im Privatfernsehen". Nach fünfzig Jahren Fernsehen können wir uns noch fragen, ob Fernsehen die Zuschauer verdummen lässt. Nach 50 Jahren Internet werden wir vielleicht gar nicht mehr in der Lage sein, uns diese Frage zu überhaupt zu stellen. Und zwar nicht etwa, weil wir dumm geworden wären, sondern uns zu anderen Intelligenzen entwickelt haben werden.

Der Weg, den es noch nicht gibt

Auch trauert er nicht wirklich "der alten Zeit" nach. Der Zeit, in der unser Gehirn noch besser in der Lage war, ein Buch beim Lesen zu verarbeiten. Oder in der wir überhaupt mehr Bücher gelesen haben. Er sucht vielmehr einen Weg, mit den Neuerungen umzugehen, die das digitale Zeitalter uns beschert hat. Dabei wirft er viele Fragen auf, von denen einige unbeantwortet bleiben. Vielleicht müssen sie das auch, weil es "den Weg" einfach noch nicht gibt. Er ist nämlich gerade erst im Entstehen begriffen, weil immer mehr Menschen merken, was "das Internet" mit ihnen macht oder auch schon gemacht hat. Warum suchen sie beispielsweise immer nach neuen Informationen, warum sind sie unfähig geworden, Nachrichten zu ignorieren?

Süchtig nach Informationen

Wer das Buch liest und zur Zielgruppe gehört, wird sich an manchen Stellen wiedererkennen. Während ich diesen Text hier zum Beispiel schreibe, höre ich Musik aus dem Internet, schaue alle paar Minuten bei Facebook vorbei, halte Skype geöffnet und unterhalte mich dort nebenbei mit Freunden. Dass ich gerade an diesem Text hier schreibe, teile ich über Twitter mit, und so bald eine neue Mail eintrudelt oder ein neuer Freund online kommt, macht es im Computer leise "Ding". Die Informationsflut bricht über mich herein - und ich bin süchtig nach ihr. Auch dem Journalisten geht es da wohl nicht anders. Er sieht sich beim Dirigieren seines Datenverkehrs wie ein Fluglotse: "Immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden, und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben."

Wer schläft, muss nachholen

Schirrmacher meint, dass wir nicht mehr aussteigen können. Wir können das Tempo, in der sich die Technologie weiterentwickelt, nicht mehr drosseln. Und ja, er hat recht! Denn selbst wenn wir schlafen, arbeiten unsere Laptops, Handys, Computer, Facebook-Accounts, eMail-Postfächer etc. weiter. "Ein Nickerchen halten heißt nur, das Versäumte nachholen zu müssen", formuliert der FAZ-Mitherausgeber treffend.

Taylor in die heutige Zeit gebracht

Die Entwicklung, die wir gerade durchmachen, vergleicht er anschaulich mit der Theorie Frederick W. Taylors zu Zeiten der Industrialisierung. Damals musste der Körper an die Maschinen angepasst, Bewegungsabläufe synchronisiert, die Finger sensibilisiert, bestimmte Muskeln aufgebaut werden. "Auch das Hirn ist ein Muskel, wenngleich ein besonderer", und so kommt er zu dem Schluss, dass wir nun halt unsere Denkprozesse, unser Gehirn, an die neuen "Maschinen" anpassen müssten

Multitasking ist Köperverletzung

Wer wissen will, warum zum Beispiel Aldous Huxley in seiner "Schönen neue Welt" viel mehr Recht hatte, als George Orwell mit "1984" (und dem von ihm geformten Begriff "Big Brother"), der sollte "Payback" unbedingt lesen. Wer erfahren will, warum das so genannte "Multitasking" - das nach Schirrmacher übrigens nur durch die Computer hervorgerufen wurde - eigentlich Körperverletzung ist, warum Charles Darwin gerade heute noch beim Beschreiben von Verhaltensweisen hilft und weshalb wir alle in gewisser Weise Messies sind, der sollte sich das Buch in sein Bücherregal stellen. Wenn man denn noch überhaupt eins hat.

Sehr großer Wiedererkennungswert

Das Buch ist gespickt mit Fakten, Zitaten und Beispielen aus dem "realen" Leben. Es ist erfrischend einfach geschrieben, so dass es jeder in der heutigen Zeit verstehen kann. Und jeder, der tiefer in der Materie steckt, wird sich fast auf jeder Seite dabei ertappen, wie soeben seine eigenen Verhaltensweisen beschrieben werden.

[JH]

Schirrmacher, Frank: Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Blessing Verlag München. 2009. 240 Seiten. ISBN-13 9783896673367. 17,95 Euro.