Der Krimi zur Krise
Hans-Olaf Henkel malt uns die Zukunft düster aus, "denn verglichen mit dem Sturm, der uns bevorsteht, war die Finanzkrise nur eine leichte Bö". Die Wirtschaftskrise wird sich immer weiter zuspitzen, und die Milliarden-Hilfen vom Staat werden nur noch weiter dazu beitragen. Henkel liefert die Hintergründe zur Krise und schafft damit alles andere, bloß kein langweiliges Wirtschaftsbuch.

- (Foto: Heyne Verlag München)
Die Krise nimmt für den Wirtschaftsfachmann im Jahr 1977 seinen Anfang: Der Erdnussfarmer Jimmy Carter wird 39.US-Präsident und ermöglicht mit einem seiner ersten Gesetze, dass Häuser auch ohne jegliche Sicherheiten auf Kredit gekauft werden können. Für Henkel "der erste Stein einer langen Dominokette, die erst Jahrzehnte später umkippen und uns die seither größte Wirtschaftskrise bescheren sollte".
Die "Gutmenschen" als Auslöser
Der Untergang begann also damit, weil "Gutmenschen", wie der ehemalige BDI-Präsident sie nennt, mit Milliardenkrediten die Mittellosen unterstützen wollten. Aber Henkel schreibt auch von der ideologischen Traumwelt, in der wir leben. Indem wir uns beispielsweise "freuen", wenn die Reichen dieses Landes durch die Finanzkrise Milliarden verlieren, tun wir das in dem Irrglauben, dass dadurch die Armen reicher werden. Werden sie aber nicht! Diese Milliarden sind verschwunden - "es heißt nur, dass wir alle ärmer werden", schreibt er.
Politik schafft neue Arme
Auch die deutsche Sozialpolitik bekommt gewaltig ihr Fett ab. Die Politik würde sich immer wieder "neue" Arme schaffen, indem sie auf der einen Seite den Maßstab für Armut senke: Jemand, der über weite Strecken des 20. Jahrhunderts vollauf zufrieden gewesen wäre, erscheint uns heutzutage als bettelarm. Auf der anderen Seite schaffen die Politiker immer wieder neue Anreize, "sich arm zu geben, um ein möglichst großes Stück vom Sozialkuchen abzubekommen". Das größte Problem für den Mann, der nach eigenen Angaben in der Politik wahrscheinlich jämmerlich versagt hätte, ist, "dass man darüber nicht offen sprechen darf".
Der Conti-Krimi
Besonders spannend, fast an einen Krimi erinnernd, sind seine Erzählungen über die Erfahrungen als Aufsichtsratsvorsitzender beim Reifenhersteller "Continental". Man will manches fast nicht glauben und braucht eine Zeit, um zu begreifen, dass dies reale und keine fiktiven Geschichten sind. Die detailreichen Hintergründe öffnen dem Leser nicht nur bei der Conti-Übernahme durch Frau Schaeffler die Augen. Henkel schafft es, die vielen großen und kleinen Krisen, die zu "der Krise" beitrugen, einfach, verständlich, und mit eigenen Erfahrungen und Erlebnissen angereichert, zu beschreiben.
Weg noch nicht verbaut
Der Weg aus der Krise ist allerdings noch nicht komplett verbaut. Henkel sieht noch die Möglichkeit, "die Kurve zu kriegen". Was dafür nötig ist? Die Politik muss den Menschen endlich die Wahrheit sagen, "auch wenn das Wählerprozente kosten sollte". Die Situation sei nämlich weit dramatischer, als es uns weisgemacht wird.
Kein typisches Wirtschaftsbuch
Wer einen Blick hinter die Kulissen "der Krise" werfen will, wer verstehen will, wie Entscheidungen in Unternehmensführungen heutzutage und die letzten Jahrzehnte getroffen werden und wurden, der kommt an "Die Abwracker" nicht vorbei. Es ist kein typisches Wirtschaftsbuch, das mit Fachchinesisch, Bilanzlyrik oder Zahlenkolonnen um sich wirft. Es liest sich wie ein Krimi, der leider auf wahren Begebenheiten beruht.
[JH]
Henkel, Hans-Olaf: Die Abwracker. Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen. Heyne Verlag München. 2009. 256 Seiten. ISBN 978-3-453-16829-9. 19,95 Euro.
