Montag, 08. Februar 2010
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Buchrezension: „Das erste Jahrzehnt“

"Und die Einheit wächst doch!"

Eine Sammlung spannender Leitartikel

(Foto: Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart)

Vor diesem Hintergrund ist es einigermaßen erstaunlich, wenn einer daherkommt und seine für Tageszeitungen über ein ganzes Jahrzehnt hinweg geschriebenen Leitartikel als Buch anbietet. Zeug von gestern also - kann das spannend sein? Ja, es kann! Hermann Rudolph hat es unter dem Titel „Das erste Jahrzehnt" bewiesen: Der damalige Chefredakteur ist heute Herausgeber des Berliner „Tagesspiegels", und seine Leitartikel, die den Weg der deutschen Einheit von 1990 bis 2000 begleitet haben, sind bis heute spannend geblieben. Warum das? Weil er Leit-Gedanken zu Papier gebracht hat, die über die Erscheinungstage hinaus gültig geblieben sind.

Rudolph - ein unabhängiger liberaler Geist

Hermann Rudolph ist 1939 in Sachsen geboren und als Abiturient in den Westen geflohen. Über Stationen bei großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen ist er Anfang der 90er nach Berlin zum Tagesspiegel gekommen. An die deutschen Einheit hat er dabei – so schreibt es Lothar de Maiziere im Vorwort zu diesem Buch – „wie an einen verbotenen Traum" gedacht: stetig und unverdrossen, auch als es wenig opportun war. Im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts hat er dann erlebt, wie der Traum Wirklichkeit wurde - und er hat diese aufregenden Zeiten mit innerem Engagement begleitet, gleichwohl mit leichter Distanz. „Die Deutschen zwischen Euphorie und Enttäuschung" heißt es denn auch im Untertitel des Buches. Diese Grundhaltung macht die Faszination des Buches aus. Rudolph hat sich nämlich weder durch die Parolen von den „blühenden Landschaften" noch von der nörgelnden Miesmacherei der PDS-Anhängerschaft beeindrucken lassen. Hier hat ein unabhängiger liberaler Geist aufgeschrieben und in die Zukunft hinein kommentiert, was Sache war und ist. Er hat – ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger – gemahnt und „halbe Wahrheiten und ganze Heucheleien" im Zuge des Einigungsprozesses beim Namen genannt. Nie penetrant, immer in der begründeten Hoffnung: „Und die Einheit wächst doch", wie ein Leitartikel  aus dem Jahr 1995 überschrieben ist.

Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument

Mit dem Buch „Das erste Jahrzehnt" liegt ein Buch vor, das die vielen kleinen wie großen Erfolge, aber auch die Schieflagen im inneren Einigungsprozess der Deutschen nach der Vereinigung aufzeichnet;  es ist damit ein einzigartiges zeitgeschichtliches Dokument. Es richtet sich gegen vielerlei „Kleinmut" und schließt mit der Bitte, nein, mit einer Forderung, der sich Politik und Gesellschaft bislang weithin entzogen haben: Rudolph fragt nach „dem Ort der DDR-Vergangenheit in der deutschen Nachkriegsgeschichte". Er konstatiert, mit der Abschaffung der DDR sei auch „eine Entwertung von Erfahrungen, Leistungen und Überlebenstechniken, kurz von gelebtem Leben" einhergegangen. So „bittet" er um eine „Geschichte der DDR von innen", die wohl kein Heldenlied wäre, aber „dem Osten seinen Platz in der Bundesrepublik verschaffen würde".
Hier wurde und wird eines der spannendsten Jahrzehnte deutscher Geschichte kompetent und einfühlsam begleitet.

[KS]

Hermann Rudolph: Das erste Jahrzehnt, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 270 Seiten. Taschenbuch: 2,80 Euro – gebundene Ausgabe: 10,00 Euro (Amazon)