Das Portrait ihrer Arbeit und das einer menschlichen Angela

- (Foto: Piper Verlag)
In Margaret Heckels Reportage ist die deutsche Kanzlerin die wahre Leitfigur moderner Politik und menschlicher denn je. „Es ist kurz vor drei, als der Hubschrauber mit Angela Merkel im Kanzlergarten landet.“ - Spannend wie ein Kriminalroman beginnt Heckels Reportage über die wichtigste Frau im Land. Es passiert etwas, schon ab der ersten Zeile. Dieses Portrait von Angela Merkel ist keine Biografie und doch in mancher Hinsicht offenbarend. Angela Merkels Alltag wird „erlebt“ - Im Jetzt , hautnah, filmisch - eben wie in einer Reportage.
Faktenwissen und authentische Politiker
Ein anschauliches Sammelsurium an Belegen aus Presse und Interviews verarbeitet die Polit-Koryphäe Margaret Heckel in ihrer Monografie. Die eher gängige biografisch-retrospektive Erzählweise ersetzt Heckel mit wörtlicher Rede (O-Tönen), Kommentaren aus der Presse und privaten Beobachtungen. Beim Lesen bleibt oft ein Schmunzeln nicht aus. Die intimen und unfreiwillig amüsanten Details von und über Politiker tun ihr übriges. Als Dank erscheinen diese dann tatsächlich sympathisch und gar nicht fern und unantastbar wie im Fernsehen oder in der Zeitung.
Das Parkett der Krise
Margaret Heckel hat Angela Merkel in der Zeit ihrer größten politischen Bewährungsprobe begleitet: Der Finanz- und Wirtschaftskrise. Episodenhaft und ohne Chronologie wird das politische Großereignis vom Fall der Lehman Brothers bis zum Beginn der Rezession in der Wirtschaft und den Konsequenzen für Opel beschrieben. Angela Merkels Rolle in diesem Entwicklungsprozess steht dabei immer im Fokus. Zu den Hintergründen dieser Entwicklungen gehören auch innenpolitische Geschehnisse: Die „Schicksalswahlnacht 2005“ oder der überraschende Rücktritt des Wirtschaftsministers Michael Glos. Auch bekannte Querelen mit der Opposition und der "Schwesterpartei" CSU werden durch eine Fülle an neuem Material bereichert.
Merkel hautnah, aber nicht privat
Wichtig: Es dreht sich nicht um Angela Merkel als Person, sondern um ihren Beruf als Kanzlerin, um ihre Arbeit also und um den Alltag zwischen Kanzleramt und Außenpolitik. Hier sind die Perspektiven unterschiedlichster nationaler und internationaler Politikgrößen gleichberechtigt neben die der gesichtlos Mitarbeitenden hinter den Kulissen gestellt. Natürlich liegt es nahe, von der "offiziellen" auf die private Angela Merkel zu schließen. Dies vor allem, wenn beispielsweise ein Mann vom Range eines Manuel Barroso tatsächlich sagt: „Ich mag sie sehr und bin deshalb nicht der objektivste Gesprächspartner.“ Und was weiß man, wenn man weiß, dass die Kanzlerin gemeinsam mit ihrer Büroleiterin zum Abendbrot ganz einfach aufgewärmte Linsensuppe gegessen hat?
Hinter den Kulissen eines interessanten Alltags
Wie bewältigt man einen Alltag, bei dem sich der Weg zur Arbeit über halb Europa erstreckt? Wie schafft man es, trotzdem ganz nah beim eigenen Volk zu sein? Natürlich hat sie kein Double oder eine Zeitmaschine. Die Arbeit vieler Namenloser, die im Hintergrund die Fäden in der Hand halten, helfen einen straffen Terminplan einzuhalten und stellen die nötige Logistik und Infrastruktur bereit. So kann sie innerhalb von knapp 29 Stunden in drei Ländern Staatsbesuche abstatten. Von perfekt getimten Limousinen-Eskorten über die Größe des Hubschraubers bis hin zur Pressekonferenz im Regierungs-Airbus werden die Geheimnisse gelüftet, die erklären, wie Angela Merkel manchmal scheinbar überall gleichzeitig sein kann.
Die Liaison zwischen Medien und Politik
Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten die Medien. Journalisten sind wichtig: Sie begleiten Merkel gern ins Ausland, bekommen dort Exklusivinterviews, Bilder und Filmmaterial und im Gegenzug ist sie auf den Bildschirmen und in den Zeitungen der Wählerschaft zu Haus. Heckel, als langjähriger Politjournalistin, glauben wir diese Darstellungen gern. Interviews werden gezielt gegeben, um politisch zu taktieren. Eine Zeitung macht aus einem kleinen Versprecher einen riesigen Fauxpas. Seitens der Politik kann verfrühte Außendarstellung mühsame Verhandlungsarbeit zunichte machen, aber die Medien gieren nach Wahrheit und Sensation - ein ewiges Katz- und Mausspiel.
Angela Merkel - der Mensch
Mit einem raffinierten auktorialen Erzählstil wird Merkel und die große Politik greifbar gemacht - und zwar mithilfe der kleinen Dinge: Von der Einrichtung des Kanzleramts und seine Büroräumen über die Snacks im Regierungsflugzeug "Theodor Heuss" - „zwei Pralinen, Nüsse und Salzstangen“ - bis hin zu Angela Merkels Gefühlslage lässt Margaret Heckel ihre Leser „Mäuschen spielen“. Dabei wird die Bundeskanzlerin, die das Bild einer introvertierten, medienscheuen und unnahbaren Karrierefrau prägt, plötzlich ganz menschlich. Sie nehme sich gern Zeit für persönliche Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Sie gehe unkompliziert und ehrlich mit eigenen Fehlern um. Sie sei „nicht emotionslos, aber im Einsatz von Gefühlen kühl kalkulierend“ und habe ehrliche Freude daran „Kartoffelsuppe zu kochen und Pflaumenkuchen zu backen“.
Heckels Fazit
Im Schlussteil des Buches wird eine scheinbar punktgenaue Persönlichkeitsanalyse der zu Zeit wichtigsten Deutschen geliefert. Heckel begründet dann die „Merkel-typische-Politik“. Sie bestimmt schlicht, dass Angela Merkel einen neuen Führungsstil präge und „das hat weniger damit zu tun, dass sie eine Frau ist, als damit, dass sie eine Naturwissenschaftlerin ist.“ Es wird eindeutig, dass Margaret Heckel und Bundeskanzlerin Merkel sich sehr nah gekommen sind und eine Bewunderung für sie zum Ausdruck kommt, die auch auf den Lesenden abfärbt: „Manche finden diese Konstistenz und Konsequenz bieder, andere langweilig - ich finde sie wohltuend in ihrer Unaufgeregtheit, vor allem für das Land. In Krisenzeiten wie den jetzigen schaffen sie Vertrauen.“
Ein einmaliger Einblick
Oft wird erwähnt, Angela Merkel verfolge eine Politik der kleinen Schritte, sie sei zu lasch. Das beste Beispiel gibt ihr Spitzname „Fräulein Nein“, das sie sich während der europäischen Rettungsaktion in der Finanz- und Wirtschaftskrise "erworben" hat. Dieses Buch verrät auf seinen 256 Seiten, warum die Kanzlerin davon unberührt bleibt und oft Wochen und Monate später Entscheidungen für gut befunden werden, die anfänglich verrissen wurden. Es wird mit den passenden Worten geschlossen: „In der Ruhe liegt die Kraft“.
[YB]
Heckel, Margaret: So regiert die Kanzlerin. Eine Reportage. Piper Verlag. 2009. ISBN 978-3-492-05331-0. 14,95 Euro.
Zur Autorin
Margaret Heckel, 1966 geboren, studierte Volkswirtin und selbstbetitelter USA-Fan ist eine erfahrene und langjährige Politjournalisten. Als Reisekorrespondentin für die Wirtschaftswoche berichtete sie unter Anderem aus Moskau. Zu ihren zahlreichen Stationen gehören beispielsweise der Titel Politikchefin der Financial Times Deutschland Leiterin des Politikressorts für Die Welt, Welt am Sonntag und der Berliner Morgenpost. Seit 2009 betreibt sie in Kooperation mit anderen Autorinnen und Autoren und Politikern die Blogs www.starke-meinungen.de und www.das-tut-man-nicht.de.
Lesen Sie auch unser Interview mit Magaret Heckel HIER
