Das jährliche Diskriminierungs-Update

- (Foto: suhrkamp.de)
Noch habe die Finanzkrise keine nennenswerten Auswirkungen auf die Benachteiligung von Minderheiten in Deutschland. Schuldzuschreibungen gingen vor allem gegen das System und nicht gegen bestimmte Gruppen wie z. B. Ausländer. Dies könne sich aber schlagartig ändern, wenn die Schuldzuweisungen der Konkurrenz am Arbeitsmarkt wichen, so das vorläufige Fazit der mittlerweile achten Folge der „Deutschen Zustände“. Die Dokumentation des Langzeitforschungsprojektes zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) am Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld stützt sich allerdings auch auf Umfragedaten von Mitte Juni 2009 – einen Zeitpunkt, zu dem die Krise gerade erst begann, auf dem Arbeitsmarkt spürbar zu werden.
Das GMF-Anliegen
Die Forschergruppe um den Herausgeber Wilhelm Heitmeyer hat es sich zur Aufgabe gemacht, verschiedene Formen der Ungleichwertigkeit im Denken und Handeln der Deutschen zu untersuchen, vor allem Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Islamophobie, Antisemitismus, Homophobie, Etabliertenvorrechte und Sexismus. Dazu befragen sie jährlich eine Stichprobe der deutschen Bevölkerung und messen die Zustimmung zu Aussagen wie: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ Anhand von Korrelationsanalysen wird anschließend untersucht, welche Arten der Ungleichwertigkeit sich gegenseitig bedingen oder verstärken.
Deutsche Zustände?
Mit diesen empirischen Befunden, zusammen mit Einzelbeispielen konkreter Diskriminierungen und einigen politischen bzw. gesellschaftlichen Essays veröffentlichen die Forscher jährlich ihre Sicht auf die Gesellschaft, etwas pauschalisierend „Deutsche Zustände“ genannt. In mancherlei Hinsicht ist das GMF-Anliegen dabei zum sozialwissenschaftlichen Klassiker avanciert, so etwa für die Messung von Islamophobie. Und weil sich an Phänomenen, die auf sehr grundlegenden menschlichen Einstellungen basieren, nicht so schnell etwas ändert, müssen die Forscher jedes Jahr neue Spezialthemen und Schwerpunkte setzen, um überhaupt wirklich Neues präsentieren zu können. Sie hoffen damit auch, verschiedene Arten der Ungleichwertigkeit nicht nur beschreiben, sondern auch erklären zu können.
Rassisten und Gutmenschen?
Doch die Bielefelder Forscher haben dafür über die Jahre auch viel Kritik geerntet. So erscheinen die Fragen oft nicht sehr stark formuliert und lassen bei normal denkenden Menschen nur die „eher“- oder „eher nicht“-Antwort zu. Auch sagen die gemittelten Werte der Ordnungsskalen, die aus solchen Umfragen entstehen, reichlich wenig darüber aus, wie stark die Zustimmung variierte. Soll heißen: Den dargestellten Mittelwerten ist meist nicht zu entnehmen, ob in der Bevölkerung eine starke Polarisierung zu verschiedenen Sichtweisen auf Minderheiten besteht, oder ob sich alle gleichmäßig nah um die Meinungs-Mitte tummeln. Überspitzt ausgedrückt: Sind wir eine Gesellschaft von Rassisten und Gutmenschen oder doch irgendwie alle gleich?
Wie schlecht steht es wirklich?
Zurück zur Wirtschaftskrise. Die Umfrageergebnisse zeigen, dass weit weniger als die Hälfte der Befragten bereits von der Krise betroffen ist und auch nur knapp die Hälfte sich in ihrer Lebensplanung bedroht fühlt. Fragt man jedoch nach der allgemeinen Einschätzung der Wirtschaftslage und nach gesellschaftlichen Ängsten, erhält man ein völlig anderes Bild: hier nähern sich die Zustimmungswerte durchweg der 100-Prozent-Marke. Anscheinend widersprechen sich also persönliche Erfahrung und die Einschätzung der allgemeinen Verhältnisse. Dies wiederum entspricht aber der in den Vorjahren festgestellten Tendenz zur Stereotypenbildung: Sie resultiert weniger aus eigener Erfahrung, denn aus unbestimmten Ängsten und durch Presse, Funk und Fernsehen vermittelten Bildern.
Hinein in die Krise und wieder heraus?
Interessant ist schließlich eine Erkenntnis, die allgemein auf die Form der Zivilgesellschaft hinweist, speziell aber auch einen Weg aus der Krise andeutet. So stellte sich heraus, dass Personen unterer Soziallagen sich weniger gesellschaftlich bzw. politisch engagieren. Außerdem steht „die politische Partizipation […] in einem negativem Zusammenhang mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: Wer politische Partizipationsmöglichkeiten wahrnimmt, kommuniziert seine Anliegen eher im politischen Bereich und wendet seine Unzufriedenheit seltener gegen schwache Gruppen.“ Es bleibt also einerseits zu hoffen, dass die gesellschaftlichen Kräfte, die uns aus der Krise tragen, weniger ideologisch gefärbt sind. Und andererseits versagen beide maßgebliche Krisentheorien, die auch erklären wollen, warum Menschen sich nicht mehr engagieren: Die konservative Sicht des durch den fetten und teuren Sozialstaat faulen Bürgers ebenso wie die linke Deutung Kritik am (wirtschaftlichen) Nutzenprinzip des Staates und der daraus folgenden Orientierungslosigkeit der Bevölkerung. Wir wissen also immer noch nicht, wie wir die Menschen dazu bringen, sich zu engagieren. Aber wenn sie es tun, dann gehören sie zu den Guten… na dann kann ja nichts mehr schiefgehen.
[FS]
Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 8, Suhrkamp 2010, Berlin, 320 Seiten, 15 €.
