Freitag, 02. Juli 2010
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Joseph Stiglitz | Kapitalismus | Siedler Verlag
Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft

Wer ist Schuld an der Krise?

Joseph Stiglitz: Im freien Fall
(Foto: randomhouse.de)

Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger für Wirtschaft, Joseph Stiglitz, sieht schwarz: Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ist noch lange nicht vorbei. Und wer schuld daran ist, sieht er völlig klar: Deregulierte Märkte, gewissenlose Profitgier im Rahmen der „New Economy". Was also ist zu tun, damit sich das nicht wiederholt? Stiglitz Rezepte klingen einfach: Markt und Staat müssen wieder in eine „gesunde“ Balance gebracht werden. Ein weltweit geltender Ordnungsrahmen muss geschaffen werden, an den sich auch alle halten müssen. Dann werde die Welt schon gerechter. Zu viel staatlicher Regulierungswahn darf aber auch nicht sein. Denn wie sagt der Weltbank-Präsident Robert Zoellick zu Recht immer wieder: „Regulierung führt zur Strangulierung“. Insofern sind die Ratschläge von Stiglitz zwar leicht nachzuvollziehen und zu verstehen, aber praktisch schwer umsetzbar. Das zeigt sich jetzt an dem Vorhaben einer „Finanztransaktionssteuer“ im weltweiten Maßstab. Außer Europa will keiner so richtig mitziehen. Allein die Tatsache, die Stiglitz vortrefflich beschreibt, dass sich die jahrzehntelang herrschende Wirtschaftsdoktrin selbst entzaubert hat, hilft nicht sehr viel weiter. Für ihn steht fest: Falsche Anreize, entfesselte Märkte und eine ungerechte Verteilung des Reichtums haben die Welt an den Rand des Abgrunds geführt. Für Joseph Stiglitz ist daher klar: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Statt mit hektischen Rettungsmaßnahmen die eigene, nationale Wirtschaft zu retten und danach wieder zur Tagesordnung überzugehen, müssen wir diesen kritischen Moment nutzen, um eine neue globale Wirtschafts- und Finanzpolitik zu schaffen. Und das erinnert mich doch sehr an alle Propheten, die rufen: Schaffen wir eine neue Welt. Bei aller Begeisterung für die Analyse von Stiglitz fehlen mir die realistischen Rezepte, fehlt mir ein Ansatz, dem alle Länder folgen könnten. So bleibt es beim Wehklagen, aber die Wende zum Besseren wird so leider nicht erreicht. Bei Stiglitz liest sich das so: „Die Krise von 2008 wird eine neue Sicht der langjährigen Kontroversen um die Frage, welches Wirtschaftssystem dem Gemeinwohl am dienlichsten ist, mit sich bringen. Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus mag vorbei sein, aber es gibt unterschiedliche Spielarten der Marktwirtschaft, und der Wettbewerb zwischen ihnen geht weiter. Ich glaube, dass Märkte im Zentrum jeder erfolgreichen Volkswirtschaft stehen, dass sie aus eigener Kraft aber nicht richtig funktionieren. Damit stehe ich in der Tradition des berühmten britischen Ökonomen John Maynard Keynes, der die moderne Volkswirtschaftslehre maßgeblich geprägt hat. Der Staat muss eine Rolle spielen, nicht nur, um die Wirtschaft zu retten, wenn Märkte versagen, und bei der Regulierung der Märkte, um jene Arten des Versagens, wie wir sie gerade erleben, zu verhindern. Volkswirtschaften brauchen ein Gleichgewicht zwischen Markt und Staat – mit wichtigen Beiträgen von nicht-marktgestützten und nicht staatlichen Institutionen. In den letzten 25 Jahren hat Amerika dieses Gleichgewicht verloren, und es hat seine unausgewogenen Konzepte vielen anderen Ländern aufgezwungen.“

[PB]

Hintergrundinfos:

Joseph Stiglitz, 1943 in den USA geboren, war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford, bevor er 1993 zu einem Wirtschaftsberater der Clinton-Regierung wurde. Anschließend ging er als Chefvolkswirt zur Weltbank. 2001 wurde er mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet. Stiglitz lehrt heute an der Columbia University in New York. Bei Siedler erschien der Bestseller „Die Schatten der Globalisierung“ (2002) und das viel diskutierte Buch „Die Roaring Nineties“ (2004). Zuletzt erschien „Die Chancen der Globalisierung“ (2006).

Joseph Stiglitz: Im freien Fall. Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft, 448 Seiten, 24,95 Euro; Siedler-Verlag