Dienstag, 13. juli 2010
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Fareed Zakaria | Postamerika | China | Russland
Ist der Western abgehängt?

Zakaria: Gelenkte Systeme funktionieren besser

Der Aufstieg der Anderen
(Foto: randomhouse.de)

Berlin – Zieht der „Westen“ nicht mehr? Hat die Demokratie keine Leuchtkraft mehr? Viele Skeptiker glauben das. Denn ein Blick auf China scheint dies zu bestätigen: Eine „gelenkte Demokratie“ oder ein immer noch von einer Partei beherrschter Staat steuert das riesige Land seit Jahrzehnten auf einen erfolgreichen Kurs. Oder Russland, wo zwar immer von „Demokratie“ geredet wird, die Politik aber durchaus autoritär von Putin und seinen Leuten geführt wird. Dabei aber Russland effizient und ebenso erfolgreich wie China auf einen Wachstumspfad hält. Was also gelten unsere Werte, was also gilt unsere Demokratie noch? Ist sie ein Auslaufmodell der Geschichte?

 

Falscher Blick

Wer diese Frage vorschnell beantwortet, vergisst, dass erst die „Demokratie“ mit ihrer Freiheit der Rede, des Wettbewerbs, die Entwicklungen ermöglicht, die wir heute in China und Russland beobachten können. Die Beobachtung, dass Menschen, die sich einmal ihrer Fesseln entledigt und sich politisch emanzipiert haben, Bevormundungen durch Obrigkeiten nicht mehr erdulden, gehört sicher mit dazu. Und die Erkenntnis, dass erst im Umfeld eines Free Flow of Information jener Wettbewerb um Ideen gedeihen kann, der die Kreativität von Menschen (Human Power) freisetzt, die für die wirtschaftliche Dynamik eines Landes unerlässlich ist, möglicherweise auch. Fareed Zakaria, Herausgeber von Newsweek International, macht eben darauf in seinem neuen Buch aufmerksam. Zakaria weist auf die BRIC-Studie von Goldman Sachs hin, wonach spätestens ab Mitte dieses Jahrhunderts (neuere Studien sprechen gar vom Jahre 2030 oder früher) drei der vier größten Volkswirtschaften in Fernost liegen werden, neben den USA Japan, Indien und vor allem China. Dies hat nicht nur Wachstums-, sondern auch demografische Gründe. Mittlerweile lebt bereits die Hälfte der Menschheit in Asien, während der Westen, also Europa, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland, nur noch knapp ein Zehntel der Weltbevölkerung stellt. Das aber muss zu einer anderen Betrachtungsweise führen. Denn – so ist die Frage – kann es dann noch sein, dass die zehn Prozent Weltbevölkerung, die der Westen stellt, künftig allein über die klimatischen, politischen oder ökonomischen Belange der Menschheit befinden könnten, über Energievorräte, Krieg und Frieden, Umweltauflagen oder Lebensgrundlagen, wie es derzeit in der G8, dem UN-Sicherheitsrat, der Weltbank (WB) oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF) noch passiere? Es dürfte folglich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die neuen aufstrebenden Staaten auch in diese internationalen Organisationen drängen. Sie werden dort ihre Sicht der Dinge einbringen und sich am System beteiligen wollen. Der Westen gefiel sich bisher in der Rolle des gestrengen Lehrers, der in Krisenzeiten „widerspenstige Schüler rüffelte“, schreibt Zakaria. Aber heute, vor allem im Angesicht einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, die vor allem von „freiheitlichen“ Systemen und nicht von „gelenkten“ ausgelöst worden ist, „wirken seine Lehren (eher) unglaubwürdig“. Deutlich wird, dass er einer künftigen Weltordnung, die mit der alten Nachkriegsordnung aufräumt und den neuen Machtkonstellationen Rechnung trägt, eher Teil des Problems als dessen Lösung ist. Solange also die Machtverhältnisse dermaßen ungleichgewichtig verteilt sind, Amerikaner und Europäer untereinander ausmachen, wer an der Spitze von IWF oder WB steht oder wie Abstimmungen dort auszufallen haben, würden neue Mächte, wie China oder die Erdöl produzierenden Staaten des Persischen Golfes mit ihren hohen Devisenreserven, nicht bereit sein, sich an einer ebenso raschen wie notwendigen Kapitalerhöhung des IWF zu beteiligen. Stattdessen würden sie Kredite lieber direkt an Länder verteilen, um sich auf diese Weise politischen Einfluss zu sichern und das politische Wohlwollen dieser Länder zu gewinnen.

Die Finanzkrise verstärkt die östliche Drift

Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise wird diesen Trend weiter befördern und verstärken. Sie könnte für die USA „das Aus für eine gewisse Art von weltweiter Dominanz bedeuten“, meint Zakaria. Im günstigsten Falle wird die Wirtschaftskrise diese kontinentale Drift in Richtung Osten kurzfristig verlangsamen.

Gut aufgestellt

„Der Aufstieg der Anderen“, so der deutsche Titel von Zakarias Buch, muss aber nicht unbedingt den Abstieg der Supermacht zur Folge haben. Die USA sind nicht nur die wettbewerbsfähigste Nation der Welt und jederzeit in der Lage, Fehler zu korrigieren und sich an neue Gegebenheiten (siehe Klimawandel und Solartechnik) schneller anzupassen als die bürokratielastigen Nationen Europas. Auch auf militärischem Gebiet könne kein Land der Erde den USA das Wasser reichen. Daran ändere auch der Irakkrieg oder das Afghanistan-Abenteuer nichts, die trotz der hohen Kosten das Bruttosozialprodukt der USA kaum tangierten. Gleiches gelte für den Bereich der Zukunftstechnologien. Sowohl im Nanobereich als auch auf dem Gebiet der Agrartechnik und Biotechnologie sei das Land führend.

Echte Probleme

Wirtschaftlich, sozial und kulturell hätten die USA allerdings ihre Strahlkraft und Ausnahmestellung längst eingebüßt. Die mächtigsten Unternehmen, die reichsten Menschen oder die bekanntesten Persönlichkeiten operierten oder lebten in Malaysia, Brasilien, Indien oder China. In diesen wirtschaftlich aufstrebenden Staaten sei weit über eine Milliarde von Menschen in Bewegung und dabei, ihre vormalige Armut abzustreifen. Wichtige Nachrichten, Informationen und Daten entnähmen sie nicht mehr CNN, BBC oder der NYT, sondern AL Jazeera, NDTV oder Telesur. Dadurch würden die Menschen mit alternativen Weltsichten, Lebensentwürfen und Erzählungen konfrontiert, die den westlichen häufig widersprächen oder ihnen diametral entgegenstünden. Schließlich wanderten auch wichtige Unternehmen ab. Während sie ihre Stützpunkte in dynamischere Gegenden verlegten, übernähmen arabische, asiatische oder russische Konzerne Aktienpakete, Anteile oder ganze Firmensparten von US-Unternehmen.

Noch rangiere das Land politisch zwar weiter unangefochten an der Spitze. Es ist in allen wichtigen Gremien vertreten und kann durch sein Veto jederzeit Verträge und Beschlüsse der anderen torpedieren. Das muss aber nicht immer so bleiben. Entscheidend für die Vorherrschaft Amerikas wird sein, ob es dem Land gelingt, politisch und wirtschaftlich überzeugende Antworten zu finden auf das Emporkommen der restlichen Welt.

Open End

Die alles entscheidende Frage wird sein, wie der Westen auf den globalen Prozess der Entwestlichung reagieren wird, den der Aufstieg der Anderen in Gang setzt: kooperativ oder konfrontativ? Die Welt nach Ebenbilde des Westens zu formen, das funktioniert nicht mehr. Die Welt lässt sich nicht mehr verwestlichen, seitdem der Glaube an die Universalität seiner Zivilisation sich pulverisiert hat. Selbstbewusst demonstriert der »Rest vom Rest« und das sind ca. fünfeinhalb Milliarden Menschen, ihren eigenen Willen. Zu glauben, dass Asiaten, Afrikaner und Lateinamerikaner nicht in der Lage wären, eine stabile Weltordnung zu schaffen, zeugt von einer Arroganz und Geringschätzung, die dem Westen nach der Finanzkrise und den Ereignissen der letzten Jahre, gar nicht gut zu Gesicht steht.

[PB]

Fareed Zakaria: Der Aufstieg der Anderen; Das postamerikanische Zeitalter
304 Seiten, ISBN: 978-3-88680-917-2; 22,95 Euro, Siedler