Donnerstag, 15. Juli 2010
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FGM | Femal Genital Mutilation | Genital-Verstümmelung | Beschneidung | Afrika | Frauen | Islam
Waris Dirie: Schwarze Frau, weißes Land

Auch starke Herzen können irren

Waris Dirie: Schwarze Frau, weißes Land
(Foto: droemer-knaur.de)

Waris Dirie hat ein äußerst wichtiges Anliegen: Den weltweiten Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen, im Englischen treffender als female genital mutilation (FGM), also Genital-Verstümmelung bezeichnet. Doch auch Jahre nach ihrem Weltbestseller „Wüstenblume“ sind keine tiefgreifenden Veränderungen zu sehen: trotz Verfilmung, trotz ihrer einer UNO-Sonderbotschafter-Position, trotz einer eigenen Stiftung und umfassender Aufklärungsarbeit. Noch immer werden täglich rund 4.000 Mädchen und junge Frauen weltweit dem grausamen Ritual unterzogen, oft von den nächsten Verwandten. Die Menschenrechtlerin will das Problem deswegen nun bei der Wurzel fassen und Frauen direkt in Afrika zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit verhelfen.

Zwischen Europa und Afrika

Nach „Wüstenblume“ und „Brief an meine Mutter“ liegt jetzt das dritte größere autobiografische Buch vom Ex-Model Waris Dirie vor. Schon der Titel „Schwarze Frau, weißes Land“ verrät, dass es hierbei vor allem um einen inneren Konflikt geht, um die Zerrissenheit zwischen Afrika und Europa, zwischen Kulturen, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Und während sie all ihren Erfolg in Europa bzw. der freien Welt ernten konnte, sehnt sich die Autorin doch genau dorthin zurück, wo ihre Wurzeln liegen. Die Verfilmung ihres ersten Buches brachte sie wieder nach Afrika; die Idee, vor Ort zu arbeiten, war sofort geboren.

Der freie Westen

Deutlich wird dabei vor allem, dass Waris Dirie anscheinend kein Verständnis dafür entwickelt hat, welcher qualitative Unterschied zwischen diesen Kulturräumen liegt und welche Möglichkeiten ihr die europäischen Freiheiten erst gebracht haben. Anders als beispielsweise ihre Landsfrau Ayaan Hirsi Ali hegt sie keine wirkliche Bewunderung für die Kultur des Westens. Stattdessen schimpft sie sogar über die angeblich so schlechte Behandlung von Schwarzen in Europa.

Naiv und irgendwie egozentrisch

„Als schwarze Frau in einem weißen Land habe ich nur eine Medizin gegen die Angst, das Misstrauen und den daraus folgenden Rassismus sowie politischen und religiösen Extremismus: Love and Respect – Liebe und Respekt.“ Doch diese Botschaft wirkt irgendwie kurzsichtig, genauso wie die Autorin selbst immer wieder naiv erscheint, wenn sie sich von allgemein bekannten Fakten der Geschichte oder Weltpolitik immer noch überrascht zeigt. Generell erscheint ihre Sichtweise dabei sehr Ich-zentriert, ein Großteil des Buches dreht sich ausschließlich um ihre Gefühlsausbrüche und darum, wie sie wo behandelt wurde. Sie vermischt dabei so viele Themen, dass sie von ihrem eigentlichen Anliegen – FGM – immer wieder ablenkt, wenn sie beispielsweise über die Erziehung von Kindern in Afrika und Europa philosophiert.

Armut oder doch Islam?

Kurzsichtig erscheint auch ihr neuer Lösungsansatz des FGM-Problems durch wirtschaftliche Förderung. Denn auch wenn im Koran nichts von Beschneidung steht, wird die Beschneidung fast ausschließlich in islamischen Ländern und muslimischen Migrantengesellschaften praktiziert – ebenso wie die von Waris Dirie so beanstandete Unterdrückung der Frauen. Dies ist alles längst ein Teil der muslimischen Kultur und Glaubenspraxis geworden. Dass die Autorin hier zu keiner Kritik fähig ist, spricht für eine geringe persönliche und emotionale Emanzipation von der Stammeskultur. Stattdessen verweist sie nur auf die Armut der Frauen. Diese mag zwar eines der zentralen Probleme Afrikas sein, aber längst nicht die Ursache jener grauenvollen Traditionen. Denn sonst würden Mädchen in den Migrantengruppen nicht verstümmelt, da diese im Verhältnis zu Afrika im Wohlstand der europäischen Wohlfahrtsstaaten leben.

Schwache Seiten

Insgesamt ist Waris Diries Arbeit enorm wichtig und unterstützenswert. Ihr Verdienst ist es, die Welt auf das tägliche Verbrechen an kleinen Mädchen im Namen der Reinheit aufmerksam gemacht zu haben. Mit ihrem Sachbuch „Schmerzenskinder“, lieferte sie außerdem erstmals erschütternde Zahlen und Fakten zur Verstümmelung von Mädchen in Europa. Doch ihr neues Buch überzeugt in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht keineswegs. Stattdessen malt es ein Bild von kultureller und emotionaler Zerrissenheit und Verwirrung. Aber auch starke Persönlichkeiten haben irgendwo Schwächen.

[FS]

Waris Dirie: Schwarze Frau, weißes Land, München: Droemer/Knaur, 2010, 352 Seiten, 19,95 Euro