Gaucks Worte zum Leben in Einheit und Freiheit

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Fast wäre Joachim Gauck Präsident geworden. Schon 2004 hatte ihn die damalige CDU-Chefin Angela Merkel in ihre „Auswahl“ einbezogen. Damals konnte sie den Ostdeutschen nicht favorisieren, weil sie als erste Ostdeutsche selbst Kanzlerin werden wollte. 2010 kam sie gar nicht erst auf die Idee. Das alles ist inzwischen Geschichte. Wie auch Gauck ein Teil der deutschen Geschichte geworden ist. Nachzulesen in seinem Buch: Erinnerungen: Winter im Sommer – Frühling im Herbst.
Kampf um die Einheit 1990
Joachim Gauck erzählt, der engagierte Systemgegner in der friedlichen Revolution der DDR und herausragender Protagonist im Prozess der Wiedervereinigung als erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Er verlebte seine Kindheit in einem Dorf an der Ostseeküste. Später studierte er Theologie in Rostock und fand seinen Weg in die Kirche in Mecklenburg. Distanz zum DDR-System prägte seine Tätigkeit von Anfang an. Wie selbstverständlich wurde er Teil einer kritischen Bewegung und schließlich zu einer Symbolfigur im Umbruch von 1989. Im Januar 1990 war sein erster großer politischer Kampf innerhalb der Bewegung „Neues Forum“, dem er sich angeschlossen hatte. Dabei waren Werner Schulz (heute Grüner) und Bärbel Bohley. Es ging um die erste Satzung. Was soll drin stehen? Bohley forderte eine „neue, eine reformierte DDR“. Gauck war ohne Wenn und Aber für die Einheit Deutschlands. Das Neue Forum stand vor der Spaltung. Gauck konnte überzeugen. Und so stand am Ende die Einheit als Ziel in dem Papier.
Schon damals zeigte sich: Gauck wollte und konnte politisch argumentieren, weitsichtig denken und wollte auch politische Verantwortung übernehmen. Er wurde Abgeordneter im ersten freien Parlament der DDR und erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen blieb als Redner und Kommentator sein großes Thema, auch als er nach zehn Jahren aus dem Amt ausschied.
Die Stasi war überall
Und so ist das Buch mehr als eine Lektüre. Es ist ein Lehrstück politischen Denkens. Es beginnt mit dem Bericht der Gulag-Haft von Joachim Gaucks Vater und endet bei den sehr privaten Aspekten seines politischen Engagements. Eines ist an diesem Buch besonders wichtig: Gauck beschreibt aus einer detaillierten Innenkenntnis das Wesen des Stasisystems. Unglaubliches ist da zu lesen über den Umfang und die Intensität des staatlichen Spitzelwesens. Gauck kennt die Stasi, ihr Innenleben und ihre Hinterlassenschaften: In den Akten des Geheimdienstes hat er gesehen, wozu Menschen fähig sind, die sich zu willigen Bütteln der Diktatur machen lassen. Und nur so versteht sich auch sein Satz, der heißt: „Unsere Neigung zu bestimmten Titeln oder zu bestimmten Bands oder zu einer bestimmten Musik, das war alles aufgeladen. Das war alles mit einem Protest gegen die Unfreiheit erfüllt. Und dieses Besondere ist ja heute weggefallen. Und so entsteht das Paradox, dass man sich manchmal nach einer Lebenssituation, nach einem Lebensgefühl sehnt, obwohl man die Zeit, so wie sie war, überhaupt nicht zurückhaben will." Und über die, die die DDR verlassen wollten und gingen, schreibt er: „Wie ein Teil in mir begreift: ja, die wollen in die Freiheit. Und ein anderer Teil todtraurig ist, ja, die lassen mich alleine mit Erich Honecker. Also wie soll das weitergehen, wenn alle, die hier einen freien Geist haben, wenn die alle weg sind. Und als ich es aufgeschrieben habe, da bin ich in eine Traurigkeit reingekommen, die ich niemals früher hatte. Besonders nicht, als sie weggingen. Und da habe ich gemerkt, dass ich mir vielleicht selber gar nicht erlaubt habe, so intensiv an eigene Freiheit zu denken, wie die Söhne das dann sich erlaubt haben."
Nun ist er 70 worden. Und darüber liest es sich so in seinem Buch: „Ich bin jetzt ein alter Mann, aber wenn ich an diese Phase denke, dann bin ich sofort zehn Jahre jünger. Das hat uns so durchzuckt, dass wir plötzlich was waren. Wir sind das Volk, das war eine starke Losung. Das hieß nämlich, ich bin ein Bürger, und ihr da oben seid nichts, wenn ich ein Bürger bin. So wurden wir plötzlich stark. 40, 50 Jahre Ohnmacht und plötzlich sagst du deiner Angst auf Wiedersehen."
"Winter im Sommer - Frühling im Herbst" – ein wunderbares Buch, das mehr als nur zum Nachdenken anregt.
[PB]
Joachim Gauck: Winter im Sommer - Frühling im Herbst
Erinnerungen; Siedler Verlag, 22,95 Euro
