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Jetzt forschen, später profitieren
Können heutige Investitionen in die Wissenschaft eine sichere Zukunft für alle gewährleisten? Ein beinahe bis auf den letzten Platz gefüllter Saal zeigte, dass die Frage auf großes Interesse stößt: Denn am Montag, dem 6. Juli 2009, trafen sich in der Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg in Berlin Vertreter der Parteien zur Debatte um Deutschlands langfristige Zukunft.
Die Teilnehmer
- Prof. Dr. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (CDU)
- Doris Ahnen, Ministerin für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur (SPD)
- Krista Sager, Stellvertretende Vorsitzende (Die Grünen)
- Patrick Meinhardt, Bildungspolitischer Sprecher (FDP)
- Dr. Petra Sitte, Forschungs- und technologiepolitische Sprecherin (Die Linke)
Der aktuelle Stand

- Deutschland liege nur mehr im oberen Mittelfeld, weiß Dr. H. Vöpel (Foto: HWWI)
Dr. Henning Vöpel vom "Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)" eröffnete den Abend mit einer aktuellen Situationsanalyse. Deutschland belege zwar momentan in der Innovationsfähigkeit (wird durch den Einfluss mehrerer Faktoren bestimmt, siehe weiterführende Links) noch den vierten Platz, doch dies werde sich in den kommenden Jahren ändern. Bereits jetzt hat sich der Abstand zu den drei führenden Nationen Schweden, Finnland und Dänemark stark vergrößert. Wichtig ist dabei auch, wie sehr sich die Länder diesbezüglich seit 1999 europaweit verändert haben: dort liegt Deutschland nur mehr im oberen Mittelfeld, an der Spitze befinden sich Länder wie Finnland und Österreich.
Bildung schafft Wissen schafft Wohlstand
Vöpel beschrieb den Zusammenhang von Bildung, Wissen und Wohlstand als ein sich gegenseitig bedingender Kreislauf. Vorhandenes Wissen wird über Ausbildung zu Humankaptial, also zu gut ausgebildeten Mitarbeitern, die neue Güter produzieren und auf ihrem Fachgebiet weiterforschen, was wiederum neue Erkenntnisse ermöglicht. Diese Erkenntnisse fließen in besser ausgereifte Produkte und Herstellungsprozesse, was wiederum dem allgemeinen Wohlstand zugute kommt. Das ermöglicht einem wachsenden Personenkreis größeren Bildungszugang. Weiters betonte Vöpel, dass Wissen für viele Unternehmen als Standortfaktor für das Entwickeln von Zukunftstechnologien bereits heute von Bedeutung sei. Mit einem Standort, der in der Nähe entsprechender Universitäten und Forschungsstätten angesiedelt ist, wird ein Unternehmen eher Mitarbeiter finden, die es verstehen, die Spanne zwischen Produktoptimierung und der Serienproduktion zu verkürzen.
Mehr Investitionen nötig

- Für politische Wahlen eignen sich die Themen Wissenschaft und Forschung nicht (Foto: Thomas Siepmann/pixelio.de)
Dennoch würde gegenwärtig zu wenig Geld in Forschung und Wissenschaft investiert werden. Das liegt laut Vöpel daran, dass die Unternehmen nur eigene Erträge aus Forschungsinvestitionen kalkulieren. Der allgemeine Nutzen von Innovationen, der auch den Unternehmen zugute kommt, wird dabei häufig außer Acht gelassen. Außerdem sei die Wirkung von Bildungs- und Forschungsinvestitionen für unternehmerische Kalkulationen leider zu langfristig, um sich in aktuellen Bilanzen unmittelbar niederzuschlagen. Vor allem für politische Wahlen wie jene des Bundestages im Herbst eignen sich solche Themen nicht – ein schwerer Fehler, wie Vöpel kritisiert.
Was kann die Politik tun?
Der Erfolg von Forschungsprojekten ist ungewiss. Da private Unternehmen nur ungern in ungewisse Projekte investieren, sei der Staat besonders aufgefordert, die Wissenschaft zu finanzieren. Dies könne durch steuerliche Forschungsförderungen geschehen. Unternehmen müssten die Wertschöpfungskette von Innovationen begreifen: wer heute investiert, profitiert morgen durch effizientere Herstellung, gesteigerten Absatz und neue Produkte. Sollte ein Projekt ergebnislos bleiben, kann fortlaufende Unterstützung zu Lernkurveneffekten und damit zum Erfolg führen. Hier könnte ein Informationsminister, der mehrere entsprechende Kompetenzen in einer Person bündelt, nutzbringende Akzente setzen.
Debatte über die Wissenschaft

- Die Parteien sind sich einig, dass in der Wissenschaft etwas geschehen muss (Foto: www.Foto-Fine-Art.de/pixelio.de)
Nach dem Vortrag diskutierten die Vertreter der Parteien über die Möglichkeiten, Deutschlands Forschungs- und Wissenslandschaft zu optimieren. Schavan (CDU) und Sager (Grüne) möchten die Grundlagenforschung stärken, die CDU will die Forschungsausgaben bis zum Jahre 2015 auf vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen. Ahnen (SPD) setzt vor allem auf die Projektförderung des Bundes, während die FDP die Wissenschaft durch ein Wissenschaftsfreiheitsgesetz insgesamt unabhängiger machen möchte. Man ist sich also einig, dass etwas unternommen werden muss - die Maßnahmen unterscheiden sich jedoch voneinander.
Wissen in die Politik
Ein Informationsminister klingt im ersten Moment zwar begrüßenswert, allerdings bedienen sich Politiker je nach Bedarf ohnehin bei den Experten. Ein einzelner Informationsminister könnte unmöglich alle Fachgebiete abdecken, die Politiker bei ihren Entscheidungen brauchen. Es geht bei dieser Forderung also mehr um ein größeres politisches Gewicht der Wissenschaft in der Politik. Wissenschafter werden zwar zu Rate gezogen; zur Not kann man ihre Empfehlungen aber auch ignorieren. Dieser Missstand sollte geändert werden, denn Politiker werden die Wissenschaft nur soweit ins politische Geschehen bringen, wie sie ihnen und ihrer Partei auch selbst nützen kann. Ein unabhängiger Rat aus forschenden Fachleuten mit Mitspracherecht wäre somit eine überlegenswerte Alternative.
Weiterführende Links
Hamburger Weltwirtschaftsinstitut
Zeit Wissen
Landesvertretung der Freien und Hansestadt Hamburg
Studie: Wissen schafft Wachstum
Innovationsfähigkeit Deutschlands im EU-Vergleich
(Teaserfoto: www.Foto-Fine-Art.de / pixelio.de)









